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Betroffenenkontrollierter Ansatz

Das Folgende ist der Text einer Broschüre, die aus Diskussionen von Wildwasser Frauenselbsthilfe, Weglaufhaus und Tauwetter entstanden ist, und in der wir versuchen, unseren gemeinsamen "betroffenenkontrollierten Ansatz" darzustellen.

Betrifft: Professionalität

Ziel dieser Broschüre ist es, in der Auseinandersetzung um Qualitätsstandards einerseits und NutzerInnenbeteiligung andererseits Position zu beziehen aus der Perspektive der Betroffenen.

Wir denken, dass es Zeit ist, aus der langjährigen Erfahrung unserer drei Projekte Schlussfolgerungen u.a. für die Politik zu ziehen. Wir möchten deshalb unsere Praxis öffentlich machen und so

  • den Wert betroffenenkontrollierter Projekte deutlich machen,
  • die weitergehende Diskussion über diese Art von Arbeit anregen,
  • Impulse geben für die Weiterentwicklung der Sozialarbeit und
  • üblichen gesellschaftlichen Ausgrenzungsmechanismen entgegenwirken.

Wir möchten denjenigen Professionellen, die selber Betroffene sind, Mut machen, zu ihrer Geschichte zu stehen und diese bewusst in ihre Arbeit einfließen zu lassen. Und wir wollen darüber hinaus natürlich allen von Gewalt betroffenen Menschen Anregungen geben.

 

Warum gerade diese drei Projekte?

Entstehungsgeschichte der drei Projekte aus Betroffeneninitiativen und Selbsthilfe

Wildwasser, Weglaufhaus "Villa Stöckle" und Tauwetter arbeiten auf ähnlichen konzeptionellen Grundlagen. Sie wurzeln in den emanzipatorischen Ansätzen der sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre.

Die Projekte sind aus Betroffeneninitiativen entstanden und kommen aus der Selbsthilfe. MitarbeiterInnen der Projekte haben selber Erfahrung als Opfer von Gewalt gemacht. Dies spiegelt sich nicht nur in den Konzepten wieder, sondern auch in der Praxis. Die Auseinandersetzung und der Umgang mit den eigenen Erfahrungen bestimmen die Praxis mit und ermöglichen auch deren Überprüfung und Transformation.

 

Die Welt, wie wir sie sehen...
woher wir kommen, wohin wir gehen
heute hier , morgen dort,
stehen bleiben wir immer an einem anderem Ort
oder: unsere Standpunkte, Grundhaltungen

Konzeptionelle Gemeinsamkeiten:

Aus diesen gemeinsamen Wurzeln haben sich unabhängig voneinander gemeinsame professionelle Haltungen in den drei Projekten entwickelt. Diese sind nicht statisch, sondern unterliegen einem stetigen Prozess der Neubestimmung. Natürlich gibt es zahlreiche andere Projekte und auch Institutionen, die einzelne Aspekte unserer Konzepte umsetzen. Unsere Herangehensweise, die eben ein Zusammenspiel aller Haltungen und Umgangsweisen ist, ist einzigartig und birgt eine eigene Qualität.

" Ein Kuchen ist mehr als die Summe der Einzelzutaten."
Auf die Mischung kommt es an!

 

Menschenbild

Für uns gibt es keine verschiedenen Wertigkeiten von Menschen. Die Spaltung in Hilfesuchende und Helfende ist für uns eine situative, keine grundsätzliche.

Jeder Mensch bringt erheblich mehr an Lebenserfahrungen mit als die erlebte Gewalt. Alle verfügen grundsätzlich über die notwendigen Ressourcen und Fähigkeiten, um sich zu verändern.

Krise - Hilfebedarf

Krisen sind ein Bestandteil des Lebens und nicht Ausdruck einer Krankheit. Sie stellen immer eine Chance zu konstruktiven Veränderungen dar. Neben individuellen Faktoren finden sich immer auch gesellschaftliche und soziale Hintergründe, die zu einer Krise führen.

Die NutzerInnen sind die Einzigen, die verlässliche Aussagen machen können über die eigenen Erfahrungen, über deren aktuelle Bedeutung, die gewünschten persönlichen Veränderungen und deren Umsetzung.

Jedes Verhalten, und sei es noch so ungewöhnlich, übernimmt im Leben des jeweiligen Menschen eine Funktion und ist immer auch ein kreativer Lösungsversuch einer konfliktreichen Situation.

Gewaltbegriff

Gewalterfahrung ist kein persönliches Stigma, sondern erlebtes Unrecht.

Gewalt ist eine auf Machtstrukturen basierende Handlung, die einen Menschen auf ein Objekt reduziert. Das Definieren des Erlebten als Gewalterfahrung ist der Beginn der Wiederaneignung des Subjektstatus.

Menschen werden zu TäterInnen, in dem sie rücksichtslos ihren Bedürfnissen folgen und sich somit entscheiden, Machtstrukturen zu benutzen, um Herrschaft zu erlangen oder zu sichern.

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt.
Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt."
(aus: Der Erlkönig, J.W.v.Goethe)

In dem Kontext der Arbeit der drei Projekte geht es nicht ausschließlich um Gewalt im körperlichen Sinne. Die drei Projekte arbeiten thematisch überwiegend entweder zu sexueller Gewalt in der Kindheit oder zu psychiatrischer Gewalt. Der zugrunde liegende Gewaltbegriff kann jedoch auf alle Erscheinungsformen ausgeweitet werden. Trotzdem ist natürlich jede Erfahrung von Gewalt individuell und auf dem Hintergrund des persönlichen Erlebens niemals mit einer anderen gleichzusetzen.

Parteilichkeit

Im Mittelpunkt der Arbeit steht für uns, das größt mögliche Verständnis für die jeweilige NutzerIn und deren Verhalten zu entwickeln. Dabei ist es uns wichtig, die Probleme und Gewalterfahrungen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Strukturen zu betrachten. Die fortwährende kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist Bestandteil unserer Arbeit.

Parteiliche Arbeit ist immer ein Prozess und beinhaltet ein differenziertes Verständnis der Komplexität von Lebenszusammenhängen. Einer parteilichen Haltung immanent ist das Wissen, dass Neutralität und Unabhängigkeit von der eigenen gesellschaftlichen Herkunft, ethischer und ethnischer Zugehörigkeit, vom eigenen Geschlecht, von Alter und persönlicher Geschichte nicht möglich sind. Diese Faktoren müssen immer mit reflektiert werden.

Freiwilligkeit

Alle drei Projekte arbeiten nach dem Prinzip der Freiwilligkeit. Jede Nutzerin / Jeder Nutzer entscheidet selber, ob sie oder er das gemachte Angebot wahrnehmen will. So wird von uns der direkte Kontakt zu den potenziellen NutzerInnen gesucht, eine Kontaktaufnahme durch StellvertreterInnen ist für die Projekte nicht ausreichend. Auch der Weg in die Projekte muss eigenständig gefunden werden, die NutzerInnen werden nicht abgeholt.

Betroffenenkontrollierter Ansatz

Im gesellschaftlichen Rahmen, das heißt unter Berücksichtigung der strukturellen Hintergründe, findet eine kritische Auseinandersetzung sowohl mit sexueller Gewalterfahrung in der Kindheit, als auch mit psychiatrischer Gewalt nur am Rande statt.

Besonders durch Medien und Fachöffentlichkeit gibt es (scheinbar) allgemeingültige Vorstellungen von Frauen und Männern, die sexuelle Gewalt als Kinder und/oder psychiatrische Gewalt erfahren haben. Durch diese konstruierten Bilder werden die Betroffenen stigmatisiert und isoliert. Zur Beendigung der persönlichen und gesellschaftlichen Isolation ist es absolut notwendig, dass Mann und Frau in den Projekten auf andere Menschen treffen können, die ebenfalls persönliche Erfahrungen mit dem jeweiligen Thema haben. Für einen Teil unserer NutzerInnen ist es sogar entscheidend für die Nutzung unserer Angebote, zu wissen, dass sie MitarbeiterInnen begegnen, die ähnliches erlebt haben.

Die MitarbeiterInnen erfüllen eine gewisse Vorbildfunktion in bezug darauf, dass es trotz der Gewalterfahrungen möglich sein kann, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Der betroffenenkontrollierte Ansatz beinhaltet die konzeptionell festgeschriebene Einstellung von Betroffenen.

Durchlässigkeit der Strukturen

Für NutzerInnen bzw. ehemalige NutzerInnen der Projekte besteht die Möglichkeit, irgendwann selbst in dem jeweiligen Projekt mitzuarbeiten und damit zukünftige MitarbeiterInnen oder KollegInnen zu werden. Diese grundsätzliche Option der formalen Gleichberechtigung ist Ausdruck einer Haltung, die getragen ist von der perspektivischen Möglichkeit der Aufhebung der Machtverhältnisse. Diese Haltung ist grundlegend für jede Begegnung zwischen NutzerInnen und MitarbeiterInnen und oft auch zwischen den NutzerInnen selbst.

Die Selbstbetroffenheit ist allerdings nicht das einzige und ausschlaggebende Kriterium für eine Mitarbeit.

Selbsthilfeansatz

Betroffene tauschen sich aus, unterstützen und solidarisieren sich. Auf diese Weise wird die Isolation beendet. Im Rahmen von Selbsthilfe sprechen die Betroffenen selber, es wird nicht über sie gesprochen.

Der Selbsthilfeansatz kann, aber muss nicht, die Arbeit von Selbsthilfegruppen beinhalten.

Zugang

Es werden als Eingangsvoraussetzungen keine Diagnosen erstellt oder abgefragt. Die Einschätzung des eigenen Hilfebedarfs liegt bei den NutzerInnen. Wenn sie sich entscheiden, das Angebot in Anspruch zu nehmen, werden sie im Rahmen der formalen und personellen Möglichkeiten der Projekte akzeptiert.

Transparente Hierarchien

Vorhandene Hierarchien werden den NutzerInnen transparent gemacht, es werden ihnen weitestgehende Einflussmöglichkeiten eingeräumt. Der Umgang mit den vorhandenen Hierarchien wird ständig reflektiert.

Schnittmenge der NutzerInnen

Eine wachsende Anzahl der NutzerInnen von Wildwasser oder Tauwetter verfügt auch über Erfahrungen mit psychiatrischer Gewalt. Ein hoher Anteil der NutzerInnen des Weglaufhauses ist auch Opfer sexueller Gewalt gewesen.

 

Die Despotie der Realität
kann uns nicht zwingen
die Fahne der Imagination
auf Halbmast zu setzen.

Die Umsetzung:

Wir bieten aktiv einen Rahmen, in dem die NutzerInnen mit ihren Problemen und Schwierigkeiten, aber auch und gerade mit ihren Ressourcen und Fähigkeiten anwesend sein können. Unser Fokus liegt auf der Wahrnehmung der vielfältigen Möglichkeiten eines Menschen, sich zu entwickeln.

Entwicklung als
ent-wicklung
aus der Verwicklung

Den Zugang zu ihren Potenzialen unterstützen wir durch konkrete Fragen und das gemeinsame Entwickeln eines individuellen Angebots. Gefragt wird nach der eigenen Wahrnehmung, den eigenen Bedürfnissen, Veränderungswünschen, Vorstellungen und Erfahrungen hilfreichen Verhaltens. Entscheidend dabei ist, dass wir die NutzerInnen in ihren Äußerungen ernst nehmen, darauf eingehen, auch wenn sie für uns, zumindest im ersten Moment, nicht nachvollziehbar erscheinen. Häufig wird es den NutzerInnen erst durch diese Haltung möglich, sich als kompetent zu erleben und Veränderung zu beginnen.

Veränderung ist möglich!

 

Die Umsetzung unserer Angebote wird bestimmt von dem Wissen, dass nur die NutzerInnen selbst verlässliche Auskünfte über sich und ihre aktuellen Bedürfnisse geben können. Vorgegebene Kategorien und diagnostische Raster geben uns weder sinnvolle noch hilfreiche Informationen über Menschen. Sie sind Festschreibungen durch andere.

"When I use a word" Humpty-Dumpty said in a rather scornfull tone,
"it means just what I choose it to mean – neither more or less."
"The question is," said Alice,
"whether you can make words mean so many different things."
"The question is," said Humpty-Dumpty,
"which is to be the master – that’s all."
(Lewis Carrol: Through the Looking Glass)

Wir bieten uns den NutzerInnen als Gegenüber, auch mit zum Teil kontroversen Meinungen, an. Im gegenseitigen Kontakt eröffnen sich Räume, die eigene Situation zu reflektieren. Ziel unserer Angebote ist es, dass die Ratsuchenden ihre Sichtweisen und Definitionen der persönlichen Situation, des bisher Erlebten und der persönlichen Bedürfnisse wahrnehmen und die jeweils eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen.

ExpertIn ist die NutzerIn

 

Es gibt keine vorgegebenen Raster, nach denen NutzerInnen etwas von sich preisgeben müssten. Sie werden darin respektiert, was, wie viel und in welcher Form sie von sich zeigen und erzählen wollen. Auf dieser Grundlage gestaltet sich ganz spezifisch der Erstkontakt und auch der Kontakt darüber hinaus.

Die MitarbeiterInnen eröffnen den NutzerInnen Entscheidungsmöglichkeiten, indem sie versuchen, mögliche Konsequenzen persönlichen Handelns aufzuzeigen. Dabei bestimmen die NutzerInnen, welche Wege sie gehen möchten oder eben gerade nicht gehen wollen. Dem liegt die Sichtweise zugrunde, dass der tiefere innere Sinn und die Tragweite einzelner Lebensentscheidungen nicht immer für andere zu erfassen sind. In der Konsequenz heißt dies, dass MitarbeiterInnen mit Empfehlungen und Ratschlägen sehr vorsichtig umgehen oder diese bewusst nicht aussprechen. Das heißt auch, die Geduld aufzubringen, die Umsetzung der eigenen Entscheidungen bei den NutzerInnen zu belassen.

Dürfen hätten wir schon gekonnt,
aber wollen haben wir uns nicht getraut

Die Verantwortung für sich selbst und das eigene Verhalten liegt bei den NutzerInnen

 

Statuten oder Statussis oder Statuti?

Unsere Projekte sind weder frei von Hierarchien, noch frei von Machtstrukturen. MitarbeiterInnen befinden sich aufgrund ihrer Rolle und ihres Status‘ in einer besonderen Verantwortung gegenüber den NutzerInnen und dem gesamten Projekt. Einerseits bieten sie einen Raum, in dem sich NutzerInnen und MitarbeiterInnen offen begegnen können, andererseits sind sie gebunden an die eigenen Grenzen und Bedürfnisse, an konzeptionelle und allgemeine Rahmenbedingungen. Dies führt dazu, dass MitarbeiterInnen durchaus Macht ausüben, zum Beispiel, wenn sie das Hausrecht durchsetzen. Wir bemühen uns, den NutzerInnen auch in der Situation der Machtausübung mögliche Entscheidungsspielräume offenzulegen. Im Vordergrund steht dabei, den NutzerInnen die Prozesse, die zu Entscheidungen führen, zugänglich zu machen, damit sie die Möglichkeit haben, Entscheidungen nachzuvollziehen, zu hinterfragen und zu beeinflussen.

Vom konzeptionellen Hintergrund der drei Projekte her wird eine ständige Reflexion und Bereitschaft zur Transparenz hinsichtlich der eigenen Rolle von MitarbeiterInnen vorausgesetzt. Raum und Zeit bieten hierfür z.B. die Teamsitzungen oder die Supervision. Wichtig ist uns, gemeinsam mit den NutzerInnen Strukturen zu entwickeln, in denen sie vorhandene Machtverhältnisse sowie den Rahmen, in dem Begegnung und Begleitung stattfinden, mitbestimmen können.

Hierarchiekritik bedeutet nicht Hierarchiefreiheit

 

Unser Anspruch ist es, den Prozess der Wiederaneignung des Subjektstatus‘ zu unterstützen oder anzustoßen. Dies setzen wir um, indem wir mit den NutzerInnen Wahlmöglichkeiten jenseits von gesellschaftlichen Zuweisungen besprechen. Dies entspricht einem Schritt heraus aus der Ohnmacht, hin zur Selbstermächtigung.

Dabei fragen wir die NutzerInnen, was sie brauchen, um sich selbst helfen zu können. Ziel ist die Unterstützung bei der Entwicklung neuer Handlungsmöglichkeiten. Hierbei spielt der betroffenenkontrollierte Ansatz der Projekte eine tragende Rolle, da die MitarbeiterInnen die Möglichkeit verkörpern, ihr Leben immer wieder selbst zu bestimmen. In dieser Vorbildfunktion und der Vorstellung einer möglichen, künftigen Mitarbeit der NutzerInnen in den Projekten wird die perspektivische Auflösung der Machtverhältnisse direkt greifbar. Dies motiviert und macht Mut, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Die eigene Position in der Gesellschaft kann wieder neu definiert werden, was auch bedeutet, den eigenen Teil der Verantwortung für die Gesellschaft wieder wahrzunehmen.

Empowerment

Selbst Bestimmung
Selbst   Ermächtigung
Selbst   Ermöglichung
Selbst        Definition
Selbst    Ermündigung
Selbst                 Hilfe

 

Die MitarbeiterInnen:

MitarbeiterInnen in betroffenenkontrollierten Projekten bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen der Annahme der Gleichwertigkeit von MitarbeiterInnen und NutzerInnen und der Rolle als professionell Helfende. Dies ist eine hohe Anforderung, die weder durch eigene Gewalterfahrungen, noch durch Berufsausbildungen alleine gewährleistet werden kann.

MitarbeiterInnen in betroffenenkontrollierten Projekten zeichnen sich besonders aus durch:

  • die Entscheidung, ihre eigenen (Gewalt-) Erfahrungen und die Beschäftigung damit aktiv als Ressource zu nutzen,
  • die Fähigkeit, die eigenen Erfahrungen und den Umgang damit zu reflektieren,
  • die Kompetenz und Bereitschaft zur Kommunikation über das eigene Erleben und den Reflexionsprozess,
  • die Entscheidung, die eigenen Erfahrungen für andere sichtbar zu machen und kritisch nach außen zu vertreten,
  • die Offenheit, sich in ihren Vorstellungen und Werten irritieren zu lassen,
  • die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen,
  • den bewussten Einsatz der eigenen Erfahrungen, um z.B. Hemmschwellen zu verringern oder Fremdzuschreibungen in Frage zu stellen,
  • die Grundhaltung, sich als LernendeR stetig weiter zu entwickeln,
  • den konstruktiven Umgang mit Stigmatisierungen durch die Öffentlichkeit, der diese in ihren Funktionen aufdeckt,
  • die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Der fleischgewordene Entwurf eines sebstbestimmten Lebens
oder das vegane eierlegende Woll-Milch-Spanferkel

 

Die NutzerInnen:

Formale Zugangsvoraussetzungen bzw. Ausschlussgründe versuchen wir so gering wie möglich zu halten (z.B. Weglaufhaus ab 18, Wildwasser nur für Frauen, Tauwetter nur für Männer). Dennoch sind wir darüber hinaus nicht einfach offen für alle.

Unser Ansatz stellt Ansprüche an die NutzerInnen. Diese haben sich im Laufe der Jahre in der Erfahrung der Projekte als Bedingungen herauskristallisiert, um unser Hilfsangebot erfolgreich nutzen zu können. Diese Ansprüche sind weder statisch noch müssen sie von den NutzerInnen von vornherein mitgebracht werden. Sie sind immer prozesshaft und situationsabhängig zu betrachten. Unserer Erfahrung nach sind sie jedoch der häufigste Grund dafür, sich gegen unser Hilfsangebot zu entscheiden. Uns ist es wichtig, diese zu beschreiben, um unseren Respekt darüber zum Ausdruck zu bringen, wieviel die NutzerInnen unserer Projekte mitbringen (müssen) und während des Hilfeprozesses tatsächlich leisten. Sie müssen:

  • unser Angebot nutzen wollen und sich aktiv dafür entscheiden,
  • ihrem Willen Ausdruck verleihen,
  • bereit sein, mit uns in Kontakt zu treten und uns Offenheit entgegenbringen,
  • sich auf einen Prozess des Hinterfragens, Neu– und Umorientierens einlassen,
  • den Mut aufbringen,sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen,
  • den Wunsch nach selbstbestimmter Veränderung mitbringen,
  • die Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen,
  • Kraft und Durchhaltevermögen einsetzen.

Manche entscheiden sich aufgrund dieser Anforderungen gegen unser Angebot. Für Viele ist unser Ansatz eine Chance zu einem selbstbestimmten Leben.

 

Selbsthilfearbeit bedeutet auch, die Gesellschaft in die Verantwortung zu nehmen!

Unsere Forderungen:

  • Würdigung der Qualität und der Erfolge unserer Arbeit, sowohl finanziell als auch ideell.
  • Förderung betroffenenkontrollierter Initiativen und Projekte als unverzichtbare und zukunftsweisende Ergänzungen zum bestehenden Angebot.
  • Die Anerkennung des bewussten Einbringens eigener Erfahrungen in die professionelle Praxis als Qualität.
  • Schaffung eines Rahmens zur Anstellung betroffener MitarbeiterInnen ohne vorausgesetzte Berufsausbildungen bei entsprechender Kompetenz.

 

Die Projekte:

Tauwetter,

Anlaufstelle für Männer,

die als Junge sexueller Gewalt ausgesetzt waren

Adressdaten:

Gneisenaustr. 2a
2. Hof, Aufgang 3, 2 OG (Zugang über Fahrstuhl nach Absprache)
10961 Berlin

Informations- und Beratungsstelle:
Dienstags 17.00 bis 18.00 Uhr und Donnerstags 17.00 bis 19.00 Uhr
030 - 693 80 07

Selbsthilfebereich:
Donnerstags: 17.00 bis 19.00 Uhr
030 - 816 19 114

 

Zielgruppen:

  • Männer, die als Junge Opfer sexueller Gewalt gewesen sind oder den Verdacht haben, ab 16 Jahren.
  • Aktuelle und zukünftige UnterstützerInnen (Angehörige, FreundInnen, im psychosozialen Bereich Beschäftigte, ...)

 

Angebote:

  • Beratung und Information für die Zielgruppen - telefonisch, face-to-face, per Email
  • Organisierung des Zustandekommens und Startbegleitung von Selbsthilfegruppen betroffener Männer
  • Selbsthilfegruppe von Partnerinnen betroffener Männer
  • Informationsarbeit in Schulklassen
  • Informationsveranstaltungen für angehende ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen etc.
  • Fortbildungen

 

Tauwetter

Aus der Erstarrung im trockenen Eis,
zwischen Gesichtern aus Marmor,

Befestigungen aus weißen Steinquadern,

suchen wir Panzer zu zerstören.

Erst nur Spuren von Feuchtigkeit,

dann Pfützen, Rinnsale,

schließlich Bäche, Flüsse, Ströme.

Bewegung.

Und dann,

unendlich weit und tief,

entspannt die Festung wegspülend,

kommt das Meer.

Leben.

 

Im Frühjahr 1995 gründeten Teile einer seit drei Jahren arbeitenden Selbsthilfegruppe von Männern, die als Junge sexuell missbraucht wurden, die Anlaufstelle Tauwetter. Die Idee für eine Anlaufstelle war dann naheliegend: Wir wollten den Ansatz, sich gegenseitig zu unterstützen, zu helfen und zu beraten und dabei als ganzer Mensch, mit der Gesamtheit der Erfahrungen seines Lebens aktiv zu sein, über die Selbsthilfegruppe hinaus auf mehr Betroffene ausdehnen. Zu dem Zweck boten wir an, mit anderen Männern über ihre Probleme zu sprechen, sie zu beraten und, wenn sie es wünschen, bei dem Aufbau einer Selbsthilfegruppe zu unterstützen.

Tauwetter ist gewachsen, nicht nur die Zahl der Beratungen und der Selbsthilfegruppen ist gestiegen, es entstanden auch neue Angebote: Informationsveranstaltungen für Interessierte und Beratung für UnterstützerInnen kamen als erstes dazu. Wir begannen in Vernetzungsgremien mitzuarbeiten und beteiligten uns zunehmend an Fachdiskussionen. Irgendwann wurden wir für die erste Fortbildung angefragt. Wir stellten fest, dass jugendliche Männer oft Probleme haben, an das Hilfesystem an zu docken und überlegten, wie sie anzusprechen seien. Wir haben begonnen geschlechtsspezifische Informationsstunden zum Thema sexuelle Gewalt gegen Jungen in Oberschulklassen zu machen.

Tauwetter hat sich verändert. Wir haben dazugelernt, neue Männer sind gekommen, andere gegangen. Bewährt, gerade zuletzt auch wieder in der schulischen Arbeit hat sich der Ansatz, als ganzer Mensch präsent zu sein: Wir geben uns als Männer, die Opfer sexueller Gewalt gewesen sind, zu erkennen. Und wir versuchen unsere beruflichen Qualifikationen ebenso mit einfließen zu lassen. Es ist naheliegend, dass wir nach wie vor einen parteilichen Ansatz verfolgen.

Was nicht mit gewachsen ist, ist unsere Finanzierung. Nach wie vor erfolgt ein großer Teil der Arbeit ehrenamtlich oder unterbezahlt. Lediglich für konkrete Projekte lassen sich Gelder mobilisieren, die Basisfinanzierung ist äußerst prekär. An diesem Punkt und nicht am Mangel an sinnvollen Ideen oder Konzepten sind wir immer wieder an unsere Grenzen gestossen. In Anbetracht von nach vorsichtigen Hochrechnungen 80.000 bis 160.000 betroffenen Männern in Berlin, in Anbetracht der massiven Folgekosten sexueller Gewalt und des mangelhaften Unterstützungsangebotes ist das nicht verständlich.

 

Weglaufhaus "Villa Stöckle"

Träger: Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.v.

Kriseneinrichtung nach § 67-69 SGB XII (bis zum 31.12.04 § 72 BSHG)

 

Adressdaten:

Postfach 280427
13444 Berlin

Da sich das Weglaufhaus als Zufluchtsort versteht ist die Straßenadresse nicht öffentlich zugänglich.

Tel. 030/40632146
Fax. 030/40632147
www.weglaufhaus.de
weglaufhaus@web.de

 

Telefonzeiten:

Täglich rund um die Uhr

 

Zielgruppe

  • Männer und Frauen ab 18 in psychosozialen Krisensituationen, die von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht sind.

 

 

Angebote

  • Spezialisiert für menschen, die Psychiatrisierung erlebt haben und nach Alternativen suchen
  • Rund.um-die-Uhr intensive Krisenbegleitung
  • Unterstützung im Absetzprozess von Psychopharmaka
  • Vorübergehende Wohnmöglichkeit in Einzel und Doppelzimmer
  • Frauenetage vorhanden
  • Unterstützung bei der Klärung der finanziellen und rechtlichen Situation
  • Begleitung bei Ämtergängen
  • Information und Vermittlung zu weitergehenden Wohn- und Unterstützungsmöglichkeiten

 

Weiterführendes Angebot des Trägervereins

"support", nichtpsychiatrische Einzelfallhilfe nach §53 SGBXII (bis 31.12.04 §39 BSHG)
030 / 97894436
Di von 13.00-16.00 Uhr

 

Seit 1996 bietet das Berliner Weglaufhaus als eine Kriseneinrichtung, nach § 67-69 SGB XII (bis zum 31.12.04 §72 BSHG) Schutz vor Wohnungslosigkeit und Psychiatrie. Vor seinem antipsychiatrischen Hintergrund ist das Weglaufhaus keine Ergänzung zur Psychiatrie, sondern eine Alternative. Es ist offen für erwachsene Männer und Frauen, die Schwierigkeiten mit dem psychiatrischen System haben, diesem entkommen möchten und eine andere Form der Unterstützung benötigen. Zusätzliche Voraussetzung für eine Aufnahme ist vorangegangener oder drohender Wohnungsverlust. Prinzipiell kann jederzeit sofort aufgenommen werden, wer sich selbst als InteressentIn meldet. Für jedeN EinzelneN muss eine Kostenübernahme beim Sozialamt erwirkt werden. Dies geschieht immer unter Beteiligung der BewohnerInnen.

Am Stadtrand im Norden von Berlin gelegen, können in einer Altbauvilla mit großzügigem Garten bis zu 13 Menschen jeweils einige Monate lang wohnen. Im Haus gibt es neben einer Gemeinschaftsküche zwei große gemeinsame Wohnräume, einen Fernseh- und einen Sportraum. Das 2.Obergeschoss ist für Frauen reserviert. Rund um die Uhr sind qualifizierte MitarbeiterInnen im Haus anwesend, die sich um die verschiedenen Belange der BewohnerInnen kümmern. Dabei wird den BewohnerInnen die Verantwortung für ihr eigenes Leben explizit wieder "zugemutet".

Im Weglaufhaus gibt es keine verschlossenen Türen, keine Zwangsmaßnahmen, keine ÄrztInnen. Vielmehr herrscht ein hohes Maß an Transparenz, das sich in der Einsehbarkeit aller persönlichen Aufzeichnungen und der jeweils eigenen Akte zeigt sowie an der Möglichkeit, an Dienstübergaben und Teamgesprächen teil zu nehmen.

Die BewohnerInnen werden von den MitarbeiterInnen sehr intensiv darin begleitet, Krisen zu durchleben und ihre Realität selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. Dabei erfahren sie Unterstützung beim Absetzen von Psychopharmaka, bei der Verarbeitung ihrer Psychiatriegeschichte und bei weiteren von ihnen selbst gesetzten Zielen. Konkret kann das heißen: Begleitung zu Ämtergängen, Arztbesuchen, Wohnungsbesichtigungen, Beratung im Antragsdschungel, Hilfe beim Umgang mit oder beim Loswerden von gesetzlichen BetreuerInnen aber auch gemeinschaftliches Kochen, gemeinsame Spaziergänge, zusammen an den Boxsack gehen, Möbel beschaffen, berufliche Perspektiven erörtern, bis hin zu Gesprächen über Leben und Tod, dem Austausch über Krisenerfahrungen, oder einfach da sein, wenn die Welt alleine nicht mehr aushaltbar erscheint.

Die Begleitung in Krisensituationen bekommt eine besondere Qualität durch den Umstand, dass mindestens die Hälfte der MitarbeiterInnen im Weglaufhaus Psychiatrieerfahrene sind. Verrücktes Verhalten und Denken werden im Weglaufhaus von niemandem für Symptome einer Krankheit gehalten. Die Lösung der damit einhergehenden sozialen und persönlichen Probleme wird keinem abgenommen, sondern in die Hände der Bewohner/innen selbst gelegt. Die Krisen- und Psychiatrieerfahrung der MitarbeiterInnen fließen bei der Krisenbegleitung mit ein und zeigen die Möglichkeit, aus den je eigenen Erfahrungen als ein Experte seiner Selbst hervorzugehen. Diese Herangehensweise ermöglicht einen sehr individuellen Zugang und Umgang mit der jeweiligen Lebensgeschichte sowie den spezifischen Erlebens- und Ausdrucksweisen. Ein darüber hinaus gehendes therapeutisches Angebot wird nicht bereitgehalten.

Während der Zeit im Weglaufhaus gestalten die BewohnerInnen den gemeinsamen Alltag in der Hausgemeinschaft. Ziel ist es, auf verschiedenen Ebenen Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben zu eröffnen.

 

 

 

Wildwasser – Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen e.V.

Frauenselbsthilfe und Beratung

Frauenladen/ Info– Café

Adressdaten Frauenselbsthilfe

Dachgeschoss (Beratung auch ebenerdig möglich),
Friesenstraße 6,
10965 Berlin
030/ 693 91 92
selbsthilfe@wildwasser–berlin.de
www.wildwasser–berlin.de

 

Adressdaten Frauenladen und Info-Café

Friesenstraße 6,
10965 Berlin

 

Telefonzeiten der Beratungstelle
Dienstag 9–11 Uhr
Mittwoch 16– 18 Uhr
Donnerstag 13– 15 Uhr

 

Öffnungszeiten Frauenladen / Info-Café

Dienstag 18–20.30 Uhr

 

Zielgruppe

  • Frauen, die in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben oder es vermuten,
  • Unterstützerinnen
  • im psychosozialen Bereich arbeitende Frauen.

 

Angebote:

  • Einzelberatungen, ein und mehrmalig, persönlich, telefonisch, Chat
  • Koordination und Gründung von Selbsthilfegruppen von Frauen, die sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebt haben
  • Unterstützende Angebote für Selbsthilfegruppen
  • Workshops für Selbsthilfegruppen
  • Räume für Selbsthilfegruppen
  • angeleitete Themengruppen
  • Frauenladen als offenes, unverbindliches Angebot

Auf Initiative zweier von sexueller Gewalt in der Kindheit betroffenen Frauen gründete sich im November 1982 die erste Selbsthilfegruppe. Aus ihr entstand ein Jahr später Wildwasser- Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen e.V.. Unter dem Dach des Vereins arbeiten vier verschiedenen Projekte: der Mädchennotdienst, zwei Mädchenberatungsstellen (in Berlin Mitte und Wedding) und die Frauenselbsthilfe und Beratung mit Frauenladen in Kreuzberg. Die Frauenselbsthilfe und Beratung ist ein Ort für Frauen (ab 18 Jahren), die sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebt haben oder dies vermuten, für Freundinnen, Unterstützerinnen und Professionelle. Die konzeptionelle Arbeit – nach dem Ansatz der Selbsthilfe – unterscheidet sich von anderen Möglichkeiten der Auseinandersetzung (Psychiatrie, Klinik, Therapie u.a.) und kann sowohl eine Ergänzung als auch eine Alternative darstellen.

Im Rahmen der Selbsthilfearbeit können sich betroffene Frauen begegnen und miteinander erfahren, dass sexuelle Gewalterfahrung nicht nur ein individuelles Schicksal ist, sondern dass viele Frauen ähnliches erlebt haben. Im gemeinsamen Austausch ist es möglich, die eigenen Potentiale zu entdecken. Selbsthilfearbeit versteht sich als ein Ort der gemeinsamen Reflexion der erlebten Gewalt in dem Versuch, das Phantasma eines individuellen persönlich erlittenen Schicksals zu erkennen und eingebettet in und als Folge von gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen und Machtverhältnissen zu bewerten.

Das Angebot umfasst die telefonische, persönliche (Face–to–Face), Chat und schriftliche Einzelberatung. Diese können mehrmalig – bis zu 10–mal als Beratungsreihe, in Ausnahmefällen auch bis zu einem Jahr, in Anspruch genommen werden. Ziel der Beratung ist es, gemeinsam mit der jeweiligen Frau zu klären, welcher Weg der Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte und der aktuellen Situation für sie individuell stimmt. Auch kann die Einzelberatung in bestimmten Lebenssituationen (während eines Gerichtsprozesses gegen den Täter, bei der Frage nach Konfrontation des Täters und / oder der Familie, bei der Suche einer Therapeutin etc.) Unterstützung bieten.

Beratung im Selbsthilfekontext bedeute, mit jeder Nutzerin in einen gleichberechtigten, selbstverantwortlichen Kontakt zu treten. Jede Frau in ihrer Selbstwahrnehmung zu unterstützen und sie als die wissende Expertin anzuerkennen und zu stärken. Dies bedeutet auch, dieses Wissen willkommen zu heißen und die damit verbundenen Interessen, Ideen, Wünsche und Vorstellungen im Team zu diskutieren um so die nötige Prozesshaftigkeit der inhaltlichen und konzeptionellen Arbeit weiter zu entwickeln. Dies erfordert eine hohe Transparenz und es ist ausdrücklich erwünscht, dass Nutzerinnen im Anschluss an die Nutzung der Angebote selber aktiv mitarbeiten.

Des weiteren koordinieren wir alle 4–6 Wochen die Gründung einer neuen Selbsthilfegruppe zum Thema sexuelle Gewalterfahrung in der Kindheit , wobei das erste und dritte Treffen von 2 Mitarbeiterinnen strukturiert und begleitet wird. Die Gruppen arbeiten selbstständig ohne Anleitung und können unsere Räume kostenlos nutzen. Im Vorfeld einer Gruppenteilnahme gibt es das Angebot, in einem Beratungsgespräch die Erwartungen, Wünsche, Vorstellungen, Ziele und auch Grenzen der Selbsthilfearbeit gemeinsam zu klären.

Ergänzend zur selbständigen Arbeit, können sich die Gruppen über vielfältige Angebote bei uns vernetzen und einbinden. Es ist zum Beispiel möglich (und von uns sehr gewünscht), bei Schwierigkeiten, Konflikten oder Fragen die Mitarbeiterinnen als eine Art "Supervisorinnen" in die Gruppe zu holen. Weitere Angebote sind z.B. Workshops zu bestimmten Themen oder verschiedene kreativen Methoden, die von den Mitarbeiterinnen in Absprache mit der jeweiligen Gruppe über 3– 5 Abende vorbereitet und angeleitet werden. So wie die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe für die einzelne Frau ein Schritt aus der Isolation sein kann, so können Selbsthilfeforen (Treffen aller Selbsthilfegruppen) und Austauschtreffen der SHG`s zu speziellen Themen (z.B: Umgang mit der eigenen Sexualität, Berufswege/ Berufsbrüche u.v.m.) auch für die Gruppen ein Schritt zu weiterer Vernetzung und Öffentlichkeit darstellen.

Zur weiteren Vertiefung bestimmter Themen ("Erinnerungen", "Herkunftsfamilie"), aber auch um ganz spezifisch die Arbeit mit kreativen Methoden (Malen, Körperarbeit, Maskenbau und –Spiel) vorstellen zu können, bieten wir einmal im Jahr eine angeleitete Themengruppen an.

 

Der Frauenladen

Der Frauenladen mit Infocafé wird von Frauen aus dem Selbsthilfezusammenhang angeboten und ist ein eigenständiges Team. Es ist ein unverbindlicher Ort zum Klönen, zur Information, zum Austausch, zum Ausruhen und zur Auseinandersetzung. In einer Atmosphäre der Anonymität, der Möglichkeit des sozialen Kontaktes, des Eingebundenseins, der Unverbindlichkeit ohne Termineinhaltung bzw. –absprache bzw. Anmeldung und ohne Erklärungs– bzw. Rechtfertigungsdruck, erfährt jede Besucherin die Möglichkeit einfach nur Da zu sein, ohne Pflicht sich mitzuteilen oder zu erklären. Des weiteren steht für jede Besucherin unsere Präsenzbibliothek mit einem vielfältigen Repertoire über unser Thema zur Verfügung.

Alle Mitarbeiterinnen der Beratungstelle und des Frauenladens haben sich mit der eigenen sexuellen Gewalterfahrung in der Kindheit aktiv auseinandergesetzt, sind als Betroffene sicht– und berührbar.

 

"Adieu", sagte der Fuchs. "Hier mein Geheimnis:

Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem

Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen

Unsichtbar."

(aus: Der kleine Prinz, A. de Saint-Exupéry)


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