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Die Ausgangslage

Die gesellschaftliche Situation

Definitionen:

Sexualisierte Gewalt: Wir sprechen von sexualisierter Gewalt, wenn an jemand gegen sein/ihr wissentliches Einverständnis unter Ausnutzung einer Überlegenheit, z.B. eines Erfahrungs- oder Machtgefälles, oder durch Ausnutzung einer Abhängigkeit sexuelle Handlungen begangen werden, oder diese Person dazu bewegt wird an sich oder anderen sexuelle Handlungen zu vollziehen.

Sexueller Missbrauch (sexualisierte Gewalt gegen Kinder oder Jugendliche) liegt dann vor, wenn gegen Kinder oder Jugendliche sexualisierte Gewalt ausgeübt wird, durch Erwachsene oder durch andere (zumeist ältere) Kinder oder Jugendliche. Die Begriffe Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind hier im Sinne unterschiedlicher Entwicklungsstadien gemeint, nicht als juristisch definierte Altersangaben.

Sexualisierte Gewalt gegen Jungen:

Sexualisierte Gewalt gegen Jungen ist nach wie vor ein Thema, das in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung unterrepräsentiert ist. Letztere ist eher geprägt von geschlechtsspezifischen Vorurteilen und gesellschaftlichen Normen, als von den Fakten. So werden Jungen solange sie klein und damit noch nicht "männlich" sind, durchaus als potentielle Opfer gesehen, je älter sie werden, aber um so weniger.

In Studien schwanken die Zahlen je nach Definition und Alter des Opfers, 5 % bis 10 % bis zum 14. oder 16. Lebensjahr. Wenn Volljährigkeit zugrunde gelegt wird, steigen die Zahlen natürlich weiter. Es ist also davon auszugehen, dass ca. jeder achte oder neunte bis jeder zwölfte oder fünfzehnte Junge bis vor Vollendung des achtzehnten Lebensjahres Opfer sexualisierter Gewalt wird. Ein Drittel aller Kinder, die Missbraucht werden sind Jungen.

Dem steht, gerade was Jungen in oder ab der Pubertät angeht, ein vollkommen unzureichendes Hilfeangebot gegenüber. Dies betrifft nicht nur die professionellen Angebote von Beratungsstellen, sondern vor allem auch die Unterstützung durch das Umfeld der Betroffenen. Erschwerend kommt hinzu, dass die gesellschaftlichen Erwartungen an die Jungen es ihnen fast unmöglich machen, von der ihnen zugefügten sexualisierten Gewalt zu erzählen und sich Hilfe zu suchen. In einer amerikanischen Befragung gaben 1994 80,8% der männlichen Missbrauchsopfer als Grund für ihr Schweigen an, dass sie Angst vor den Reaktionen anderer gehabt haben.

Zahlreiche Jungen wachsen also mit Erfahrungen sexualisierter Gewalt auf und erhalten zu keinem Zeitpunkt adäquate Hilfe.

Die Situation erwachsener Männer, die als Junge Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind:

Bei einer Gesamtbevölkerung von 3,39 Millionen Menschen in Berlin ist von 80.000 – 165.000 Männern auszugehen, die als Junge Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Die Erfahrung in der bisherigen Arbeit bei Tauwetter zeigt, dass viele Männer Anfang bis Mitte dreißig sind, bis sie die Anlaufstelle aufsuchen. Erst mit einem großen zeitlichen Abstand zu der erlebten Gewalt, erst, wenn sie das Gefühl haben, wirklich "auf eigenen Füßen zu stehen", haben viele die Kraft, sich mit der erlittenen sexualisierten Gewalt zu konfrontieren. Auch Erinnerungen gewinnen oft jetzt einen neuen Stellenwert, oder beginnen wieder präsent zu werden. Gleichzeitig haben sich oft die Folgen der sexualisierten Gewalt und von schädlichen Bewältigungsstrategien krisenhaft so zugespitzt, dass zum Teil irreversible körperliche Schädigungen entstanden sind.

Bevor diese Männer in die Anlaufstelle gefunden haben, haben sie häufig eine wahre Odyssee hinter sich, auf der Suche nach einem adäquaten Hilfeangebot. Und die Situation außerhalb Berlins sieht da noch wesentlich schlimmer aus. Die Scham in einer Kleinstadt, wo sowieso alle alles erfahren, seine Geschichte zu erzählen, ohne dabei zu wissen, ob es überhaupt ein Angebot gibt, dürfte ziemlich hoch sein.

Eine erste, vorläufige Auswertung eines Teil der Berichte der zu Tauwetter kommenden Männer ergab folgende Nennungen von Folgeerscheinungen der erlebten sexualisierten Gewalt:

Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle wahrzunehmen 51,4%
allgemeine Ängstlichkeit
(insbesondere Angst vor anderen Menschen)
43,2%
(27%)
depressive Zustände 32,4%
Störungen des Selbstwertgefühls 31,1%
diverse sexuelle Symptome 29,7%
Probleme mit der/dem PartnerIn 28,4%
exzessiver Alkohol- oder Drogenkonsum 21,6%
Probleme, die eignen oder fremde Grenzen zu spüren und einzuhalten 20,3%
massive Einschränkungen der Lebensfähigkeit (arbeits-/ alltagsunfähig...) 20,3%

Es ist die bereits erwähnte krisenhafte Zuspitzung ihrer Situation und das damit verbundene Scheitern des Versuchs, mit den ihnen bisher zur Verfügung stehenden Mitteln, die ihr Leben massiv beeinflussende Missbrauchserfahrung zu bewältigen, die die betroffenen Männer nach Hilfe suchen lässt. Dies geschieht oft erst in letzter Sekunde. Viele Männer befinden sich dann in einer Situation, die eigentlich eine Auseinandersetzung mit dem Trauma verunmöglicht. Ihre gesamte Lebenssituation ist dermaßen instabil und prekär, dass als erstes eine Stabilisierung ansteht, bevor die Traumaexposition stattfinden kann. Diese Stabilisierung umfasst nicht nur den psychischen Bereich, sondern oft auch klassische Sozialarbeit in dem Sinne, dass als erstes ein materiell halbwegs stabiler Rahmen (Wohnung, Finanzen...) geschaffen werden muss. Die Fähigkeit, dies in Eigenregie zu managen, haben viele nicht. Sie brauchen auch an diesem Punkt Unterstützung. Dies trifft auch auf jüngere Männer zu, die teilweise zu dem Zeitpunkt, wo sie zu Tauwetter kommen, schon extreme Drogenkariieren oder andere selbstschädigende Bewältigungs- und Fluchtversuche hinter sich haben.


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