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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

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Selbsthilfegruppen

Frei oder 12-Schritte?

Selbsthilfegruppen gibt es nach verschiedenen Konzepten. Grob lassen sich zwei Richtungen unterschieden: Frei organisierte Selbsthilfegruppen und 12-Schritte-Gruppen.

  • Frei organisierte Selbsthilfegruppen sind meist an Beratungsstellen oder Selbsthilfezentren angekoppelt. In ihnen gibt sich die Gruppe eigene Regeln. Dabei können Erfahrungen aus bisherigen Gruppen genutzt werden. Diese Art von Gruppen verlangen eine große Verbindlichkeit. Erst die Kontinuität ermöglicht es, Vertrauen zu fassen und auch offen miteinander über die schwierigen Themen zu sprechen. Dabei wird offen zu dem, was einer gesagt hat Stellung bezogen, aber in einer Art, die abwertende oder verletzende Äußerungen zu vermeidet. Das ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber legt sich schnell.

Viele freie Selbsthilfegruppen sind gemischte Gruppen, d.h. es sitzen Männer und Frauen zusammen. Das kann vollkommen okay sein, ist aber oft schwierig, wenn von einem der beiden Geschlechter nur eine Person dabei ist.

Teilweise werden diese Gruppen in der Startphase durch Mitarbeiter_innen aus den Beratungsstellen oder Nachbarschaftszentren begleitet: Teilweise werden neue Gruppen durch Menschen organisiert, die vorher in einer Gruppe waren, teilweise arbeiten die Gruppen von Beginn an selbständig. Dauerhaft begleitete Gruppe sind eigentlich keine Selbsthilfegruppen. Hier besteht leicht die Gefahr, dass sie zu therapeutischen Gruppen ohne Konzept werden.

Die Selbsthilfegruppen bei Tauwetter sind freie Selbsthilfegruppen. Sie werden in der Startphase durch Männer unterstützt, die selber in Gruppen waren oder sind und im Selbsthilfebereich mitarbeiten.

  • 12-Schritte-Gruppe folgen dem Schema, das ursprünglich von einer christlichen amerikanischen Kirche für den Drogenbereich entwickelt wurde. Bekannt wurde das Konzept durch Gruppen wie „Anonyme Alkoholiker". Die Gruppen sind grundsätzlich offen, jede_r kann zu jeder Sitzung kommen oder gehen, wie es gerade passt. Damit das Ganze nicht in Chaos ausartet, gibt es feste Ablauf- und Umgangsregeln: Am Anfang werden die 12 Schritte vorgelesen, dann hat jede_r Gelegenheit zu einem Statement, ohne dass von den anderen dazu etwas gesagt wird. Als schwierig wird oftmals die Fluktuation erlebt, in einigen Gruppen gibt es auch starke Hierarchien und Insiderkreise. Als positiv beschreiben gerade Menschen, die Ängste in Gruppen haben, den stark formalisierter Ablauf und die Tatsache, dass niemand etwas zu meinem Statement sagt. Einige Gruppen sind sehr religiös orientiert, andere handhaben das eher locker, manche beziehen sich sehr eng auf die 12-Schritte (denen zufolge ich krank und auf die Hilfe einer höheren Macht angewiesen bin), für andere haben diese Punkte nicht solch eine Relevanz. 12-Schritte-Gruppen zum Thema sexualisierte Gewalt sind über die Website www.sia-dr.org (Survivors of Incest Anonymous) erreichbar.

Voraussetzungen für eine Gruppenteilnahme

Selbsthilfegruppen erfordern grundsätzlich, dass ich soweit mit Menschen klar komme, dass ich mit den anderen Teilnehmenden (und diese mit mir) in einer Gruppe arbeiten kann. Ich muss in einer Gruppe auf mich selber aufpassen und bin für das, was ich tue verantwortlich. Ich muss selber feststellen was mir gut tut und was nicht. Ich muss meine Grenzen halten und die Grenzen anderer respektieren. Und last but not least, brauche ich Beharrlichkeit, damit ich nicht beim ersten Konflikt weglaufe. Das Alles ist für Manche ein Grund, sich eine Gruppenteilnahme nicht zutrauen. Wenn es aber geschafft wird, kann gerade die Tatsache, sich aus eigener Kraft befreit zu haben, enorme Energie freisetzen.

Ein Gespräch in einer Beratungsstelle kann mir helfen zu klären, ob eine Selbsthilfegruppe für mich der richtige Weg ist.