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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Mamis erster Orgasmus

Ein neunjähriger Junge kniet auf einem Stuhl im Kinderzimmer. Der Stuhl steht vor dem Tisch und der Eckbank wo er sonst täglich seine Hausaufgaben macht und ist sonst immer der Platz der Mutter die ihn dabei bewacht. Kopf und Arme hat er auf die Lehne gestützt, die Hosen hängen in den Kniekehlen, seinen nackten Hintern muss er dem 50 cm Holzlineal entgegenstrecken mit dem ihn die Mutter verdrischt. Er ist mit ihr allein zu Hause; der kleine Bruder und der Stiefvater sind nicht da.

Wofür ich da geschlagen werde weiß ich nicht; des ist eben so. Seit einigen Monaten gibt es einmal die Woche Schläge nach diesem Muster und ich habe lernen müssen, daß jeder Versuch sich zu wehren es nur schlimmer macht; ich muß mich so lange bestrafen lassen bis ich vor Schmerz und Demütigung weine; wenn ich dann nicht schnell, genug aufhören kann gibt's noch eine Ohrfeige hinterher und ich werde als Heulsuse verhöhnt.

Diesmal aber hört sie nicht auf. Wieder, immer wieder saust das Lineal auf meinen Hintern egal wie laut ich weine und Mami schon stöhnen muss. Jetzt fängt sie auch noch an zu schluchzen und ich verstehe nicht was sie hat: Sie schlägt doch mich und ich habe Grund zu weinen, sie schlägt und schluchzt weiter; ich drehe mich zu ihr, sehe ihr rotes, schweißglänzendes Gesicht und frage: "Mami, warum weinst du denn?" Ich habe schon geahnt, dass dieses komische Schluchzen kein Weinen ist, aber es klingt so ähnlich und ich hoffe verzweifelt, dass sie aufhört mich zu schlagen wenn ich mich um sie sorge.

Aber sie herrscht mich an; "Runter! Guck mich nicht an!" und haut immer fester immer weiter. Jetzt schluchzt sie auch nicht mehr, sie schreit: "Haah, haah, haaah'" und hört endlich auf zu schlagen.
Als die Schläge vorbei sind drehe ich mich wieder zu ihr und sehe wie sie strahlt vor Glück und Triumph. Da. scheint mir der Augenblick günstig, den Zorn der gefürchteten und geliebten Göttin zu besänftigen. Ich will ihr zeigen dass ich doch nicht der "Egoist" bin, wie sie mich immer beschimpft wenn ich nicht sofort zu Willen bin; dass ihr Wohl trotz aller Schläge für mich an erster Stelle steht. Also frage ich nochmal: "Mami warum hast du eben geweint?" und will nicht aufgeben, obwohl sie mich in demselben Ton anfährt: "Das geht dich nichts an!" Da packt sie mich und treibt mich mit Schlägen und Tritten aus dem Kinderzimmer im 1. Stock in den Keller.

Als ich ihr nicht schnell genug bin stößt sie mich in den Rücken dass ich die halbe Treppe runter falle und von Panik gelähmt nicht mehr aufstehen kann (Den Stoß und die lähmende Panik spüre ich bis heute). Als auch alles befehlen mich nicht wieder auf die Beine bringt reißt sie mich am Handgelenk hoch und schleift mich weiter bis in den Kohlenkeller. Da gab es einen Hackklotz und ein Beil zum Kleinholz machen und im Heizungskessel ein gelb-rot glühendes Kohlefeuer und einen Lichtschalter den ich nicht anrühren durfte wenn Mami das Licht ausgemacht und mich eingeschlossen hatte.
Hier zersplittert meine Erinnerung. Ich kann nur vage fühlen und hören wie sie mich auf den Hackklotz drückt und droht mich totzuschlagen, zum Heizkessel weiter zerrt, vor die offene Feuertür hält und mir sagt dass ich in diesem Feuer spurlos verschwinden kann; dazu Satzfetzen wie.; "Nie wieder ein Wort davon! Zu Keinem!".
Ich weiß nicht wie lange ich danach im lichtlosen Keller saß bis die Tür wieder aufging. Sie fragte so was wie; Hast du's jetzt kapiert?" oder "Bist du jetzt wieder brav?" und ich konnte nur noch ja sagen.

Ich war gebrochen.

Und damit verschwanden diese Szenen für Jahrzehnte aus meinem Bewusstsein; ebenso wie die wöchentliche Wiederholung des Prügelrituals in den nächsten 2 1/2 Jahren. Aufgehört hat das erst nachdem ich gelernt hatte die Zähne so fest zusammen zu beißen, dass sie mich nicht mehr zum Weinen bringen konnte; aber bevor sie bereit war ihrer höchsten Lust zu entsagen wollte sie's doch nochmal richtig wissen. Die letzten Monate müssen absolut grauenhaft gewesen sein.

Ich kann heute noch nicht anders als meine Zähne zusammen zubeißen und weinen kann ich auch nicht.

Heute

Diese Szenen erinnern und einordnen konnte ich erst mit 50 und ein Teil von mir ist bis heute im Keller geblieben. Was ich erleben musste seit ich als einer vom "Tätergeschlecht" mich erdreistete Misshandlung und Missbrauch durch meine Mutter anzusprechen hat mir jedes Vertrauen in den Anstand der Spießertums, aus dem Bildungsbürgertum vom Typ "Wir sind die Guten" genommen. Da wird besonders von Psycho- und Sozialtanten zuerst nach Ausreden für die Täterin gesucht und einer Mitschuld des gequälten Opfers – so was darf nicht wahr sein, kann nicht wahr sein, ist also nicht wahr; und wenn doch will ich nichts davon hören. Ich kann es denken sehen.

Meine "Mutter" hat mich zu einem Sexualakt gezwungen - mit Gewalt und der Androhung von noch mehr Gewalt - der für sie höchst lustvoll war und für mich ausschließlich schmerzhaft und erniedrigend. Wenn ein Mann das mit einer Frau macht, werden die meisten das eine Vergewaltigung nennen, auch wenn er ihr nichts reingesteckt hat. Wenn ich das so nenne, sehen Frauen mich an als wäre ich der Vergewaltiger.

Ich leide bis heute unter diesem Sadismus und der gnadenlosen alltäglichen Unterjochung; für diese "Mutter" war es erst dann ein guter Tag, wenn ihr über alles geliebter Ältester sie angesehen hat, wie ein geprügelter Hund. Ich habe nicht gelebt, ich habe existiert; am Rande dessen was ein Mensch ertragen kann, ohne den Überlebenswillen zu verlieren. Die Perverse, die mir das angetan hat, konnte eine Gutmenschen-Karriere bis in den Vorstand von Terre des Hommes Deutschland machen und jahrzehntelang Adoptionen vermitteln.

In der Öffentlichkeit werden Taten von Frauen (15 - 25 %, eher mehr als weniger) auch von "Kinderschützerinnen" systematisch totgeschwiegen, erst recht wenn die Opfer männlich sind; es soll uns nicht geben.

An manchen Tagen wünsche ich nichts sehnlicher als einen Atomkrieg der endlich diese sogenannte Menschheit auslöscht; dann könnte auch ich ruhiger sterben.

Manuel