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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Eine Broschüre zum betroffenenkontrollierten Ansatz

Betrifft: Professionalität:

Eine Broschüre zum betroffenenkontrollierten Ansatz

Unter dem Titel „Betrifft: Professionalität" ist 2004 von der Frauenselbsthilfe und Beratung von Wildwasser Berlin, der antipsychiatrischen Kriseneinrichtung Weglaufhaus „Villa Stöckle" und Tauwetter mit Unterstützung des Berliner Landesverbands des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes eine Broschüre erschienen und auf einer Veranstaltung vorgestellt worden. In ihr wurden das erste Mal die Grundsätze des betroffenenkontrollierten Ansatzes dargelegt. Vorausgegangen waren mehrere Jahre Diskussionen zwischen Mitarbeiter_innen der drei Projekte. Sie ist hier herunterladbar.

Betrifft: Professionalität

Ziel dieser Broschüre ist es, in der Auseinandersetzung um Qualitätsstandards einerseits und NutzerInnenbeteiligung andererseits Position zu beziehen aus der Perspektive der Betroffenen.

Wir denken, dass es Zeit ist, aus der langjährigen Erfahrung unserer drei Projekte Schlussfolgerungen u.a. für die Politik zu ziehen. Wir möchten deshalb unsere Praxis öffentlich machen und so

  • den Wert betroffenenkontrollierter Projekte deutlich machen,
  • die weitergehende Diskussion über diese Art von Arbeit anregen,
  • Impulse geben für die Weiterentwicklung der Sozialarbeit und
  • üblichen gesellschaftlichen Ausgrenzungsmechanismen entgegenwirken.

Wir möchten denjenigen Professionellen, die selber Betroffene sind, Mut machen, zu ihrer Geschichte zu stehen und diese bewusst in ihre Arbeit einfließen zu lassen. Und wir wollen darüber hinaus natürlich allen von Gewalt betroffenen Menschen Anregungen geben.

Warum gerade diese drei Projekte?

Entstehungsgeschichte der drei Projekte aus Betroffeneninitiativen und Selbsthilfe

Wildwasser, Weglaufhaus "Villa Stöckle" und Tauwetter arbeiten auf ähnlichen konzeptionellen Grundlagen. Sie wurzeln in den emanzipatorischen Ansätzen der sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre.

Die Projekte sind aus Betroffeneninitiativen entstanden und kommen aus der Selbsthilfe. MitarbeiterInnen der Projekte haben selber Erfahrung als Opfer von Gewalt gemacht. Dies spiegelt sich nicht nur in den Konzepten wieder, sondern auch in der Praxis. Die Auseinandersetzung und der Umgang mit den eigenen Erfahrungen bestimmen die Praxis mit und ermöglichen auch deren Überprüfung und Transformation.

Die Welt, wie wir sie sehen...
woher wir kommen, wohin wir gehen
heute hier, morgen dort,
stehen bleiben wir immer an einem anderem Ort
oder: unsere Standpunkte, Grundhaltungen

Konzeptionelle Gemeinsamkeiten:

Aus diesen gemeinsamen Wurzeln haben sich unabhängig voneinander gemeinsame professionelle Haltungen in den drei Projekten entwickelt. Diese sind nicht statisch, sondern unterliegen einem stetigen Prozess der Neubestimmung. Natürlich gibt es zahlreiche andere Projekte und auch Institutionen, die einzelne Aspekte unserer Konzepte umsetzen. Unsere Herangehensweise, die eben ein Zusammenspiel aller Haltungen und Umgangsweisen ist, ist einzigartig und birgt eine eigene Qualität.

" Ein Kuchen ist mehr als die Summe der Einzelzutaten."
Auf die Mischung kommt es an!

Menschenbild

Für uns gibt es keine verschiedenen Wertigkeiten von Menschen. Die Spaltung in Hilfesuchende und Helfende ist für uns eine situative, keine grundsätzliche.

Jeder Mensch bringt erheblich mehr an Lebenserfahrungen mit als die erlebte Gewalt. Alle verfügen grundsätzlich über die notwendigen Ressourcen und Fähigkeiten, um sich zu verändern.

Krise - Hilfebedarf

Krisen sind ein Bestandteil des Lebens und nicht Ausdruck einer Krankheit. Sie stellen immer eine Chance zu konstruktiven Veränderungen dar. Neben individuellen Faktoren finden sich immer auch gesellschaftliche und soziale Hintergründe, die zu einer Krise führen.

Die NutzerInnen sind die Einzigen, die verlässliche Aussagen machen können über die eigenen Erfahrungen, über deren aktuelle Bedeutung, die gewünschten persönlichen Veränderungen und deren Umsetzung.

Jedes Verhalten, und sei es noch so ungewöhnlich, übernimmt im Leben des jeweiligen Menschen eine Funktion und ist immer auch ein kreativer Lösungsversuch einer konfliktreichen Situation.

Gewaltbegriff

Gewalterfahrung ist kein persönliches Stigma, sondern erlebtes Unrecht.

Gewalt ist eine auf Machtstrukturen basierende Handlung, die einen Menschen auf ein Objekt reduziert. Das Definieren des Erlebten als Gewalterfahrung ist der Beginn der Wiederaneignung des Subjektstatus.

Menschen werden zu TäterInnen, in dem sie rücksichtslos ihren Bedürfnissen folgen und sich somit entscheiden, Machtstrukturen zu benutzen, um Herrschaft zu erlangen oder zu sichern.
"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt.

Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt."
(aus: Der Erlkönig, J.W.v.Goethe)

In dem Kontext der Arbeit der drei Projekte geht es nicht ausschließlich um Gewalt im körperlichen Sinne. Die drei Projekte arbeiten thematisch überwiegend entweder zu sexueller Gewalt in der Kindheit oder zu psychiatrischer Gewalt. Der zugrunde liegende Gewaltbegriff kann jedoch auf alle Erscheinungsformen ausgeweitet werden. Trotzdem ist natürlich jede Erfahrung von Gewalt individuell und auf dem Hintergrund des persönlichen Erlebens niemals mit einer anderen gleichzusetzen.

Parteilichkeit

Im Mittelpunkt der Arbeit steht für uns, das größt mögliche Verständnis für die jeweilige NutzerIn und deren Verhalten zu entwickeln. Dabei ist es uns wichtig, die Probleme und Gewalterfahrungen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Strukturen zu betrachten. Die fortwährende kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist Bestandteil unserer Arbeit.
Parteiliche Arbeit ist immer ein Prozess und beinhaltet ein differenziertes Verständnis der Komplexität von Lebenszusammenhängen. Einer parteilichen Haltung immanent ist das Wissen, dass Neutralität und Unabhängigkeit von der eigenen gesellschaftlichen Herkunft, ethischer und ethnischer Zugehörigkeit, vom eigenen Geschlecht, von Alter und persönlicher Geschichte nicht möglich sind. Diese Faktoren müssen immer mit reflektiert werden.

Freiwilligkeit

Alle drei Projekte arbeiten nach dem Prinzip der Freiwilligkeit. Jede Nutzerin / Jeder Nutzer entscheidet selber, ob sie oder er das gemachte Angebot wahrnehmen will. So wird von uns der direkte Kontakt zu den potenziellen NutzerInnen gesucht, eine Kontaktaufnahme durch StellvertreterInnen ist für die Projekte nicht ausreichend. Auch der Weg in die Projekte muss eigenständig gefunden werden, die NutzerInnen werden nicht abgeholt.

Betroffenenkontrollierter Ansatz

Im gesellschaftlichen Rahmen, das heißt unter Berücksichtigung der strukturellen Hintergründe, findet eine kritische Auseinandersetzung sowohl mit sexueller Gewalterfahrung in der Kindheit, als auch mit psychiatrischer Gewalt nur am Rande statt.

Besonders durch Medien und Fachöffentlichkeit gibt es (scheinbar) allgemeingültige Vorstellungen von Frauen und Männern, die sexuelle Gewalt als Kinder und/oder psychiatrische Gewalt erfahren haben. Durch diese konstruierten Bilder werden die Betroffenen stigmatisiert und isoliert. Zur Beendigung der persönlichen und gesellschaftlichen Isolation ist es absolut notwendig, dass Mann und Frau in den Projekten auf andere Menschen treffen können, die ebenfalls persönliche Erfahrungen mit dem jeweiligen Thema haben. Für einen Teil unserer NutzerInnen ist es sogar entscheidend für die Nutzung unserer Angebote, zu wissen, dass sie MitarbeiterInnen begegnen, die ähnliches erlebt haben.

Die MitarbeiterInnen erfüllen eine gewisse Vorbildfunktion in Bezug darauf, dass es trotz der Gewalterfahrungen möglich sein kann, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Der betroffenenkontrollierte Ansatz beinhaltet die konzeptionell festgeschriebene Einstellung von Betroffenen.

Durchlässigkeit der Strukturen

Für NutzerInnen bzw. ehemalige NutzerInnen der Projekte besteht die Möglichkeit, irgendwann selbst in dem jeweiligen Projekt mitzuarbeiten und damit zukünftige MitarbeiterInnen oder KollegInnen zu werden. Diese grundsätzliche Option der formalen Gleichberechtigung ist Ausdruck einer Haltung, die getragen ist von der perspektivischen Möglichkeit der Aufhebung der Machtverhältnisse. Diese Haltung ist grundlegend für jede Begegnung zwischen NutzerInnen und MitarbeiterInnen und oft auch zwischen den NutzerInnen selbst.

Die Selbstbetroffenheit ist allerdings nicht das einzige und ausschlaggebende Kriterium für eine Mitarbeit.

Selbsthilfeansatz

Betroffene tauschen sich aus, unterstützen und solidarisieren sich. Auf diese Weise wird die Isolation beendet. Im Rahmen von Selbsthilfe sprechen die Betroffenen selber, es wird nicht über sie gesprochen.

Der Selbsthilfeansatz kann, aber muss nicht, die Arbeit von Selbsthilfegruppen beinhalten.

Zugang

Es werden als Eingangsvoraussetzungen keine Diagnosen erstellt oder abgefragt. Die Einschätzung des eigenen Hilfebedarfs liegt bei den NutzerInnen. Wenn sie sich entscheiden, das Angebot in Anspruch zu nehmen, werden sie im Rahmen der formalen und personellen Möglichkeiten der Projekte akzeptiert.

Transparente Hierarchien

Vorhandene Hierarchien werden den NutzerInnen transparent gemacht, es werden ihnen weitestgehende Einflussmöglichkeiten eingeräumt. Der Umgang mit den vorhandenen Hierarchien wird ständig reflektiert.

Schnittmenge der NutzerInnen

Eine wachsende Anzahl der NutzerInnen von Wildwasser oder Tauwetter verfügt auch über Erfahrungen mit psychiatrischer Gewalt. Ein hoher Anteil der NutzerInnen des Weglaufhauses ist auch Opfer sexueller Gewalt gewesen.

Die Despotie der Realität
kann uns nicht zwingen
die Fahne der Imagination
auf Halbmast zu setzen.

Die Umsetzung:

Wir bieten aktiv einen Rahmen, in dem die NutzerInnen mit ihren Problemen und Schwierigkeiten, aber auch und gerade mit ihren Ressourcen und Fähigkeiten anwesend sein können. Unser Fokus liegt auf der Wahrnehmung der vielfältigen Möglichkeiten eines Menschen, sich zu entwickeln.

Entwicklung als
ent-wicklung
aus der Verwicklung

Den Zugang zu ihren Potenzialen unterstützen wir durch konkrete Fragen und das gemeinsame Entwickeln eines individuellen Angebots. Gefragt wird nach der eigenen Wahrnehmung, den eigenen Bedürfnissen, Veränderungswünschen, Vorstellungen und Erfahrungen hilfreichen Verhaltens. Entscheidend dabei ist, dass wir die NutzerInnen in ihren Äußerungen ernst nehmen, darauf eingehen, auch wenn sie für uns, zumindest im ersten Moment, nicht nachvollziehbar erscheinen. Häufig wird es den NutzerInnen erst durch diese Haltung möglich, sich als kompetent zu erleben und Veränderung zu beginnen.

Veränderung ist möglich!

Die Umsetzung unserer Angebote wird bestimmt von dem Wissen, dass nur die NutzerInnen selbst verlässliche Auskünfte über sich und ihre aktuellen Bedürfnisse geben können. Vorgegebene Kategorien und diagnostische Raster geben uns weder sinnvolle noch hilfreiche Informationen über Menschen. Sie sind Festschreibungen durch andere.

"When I use a word" Humpty-Dumpty said in a rather scornfull tone,
"it means just what I choose it to mean – neither more or less."
"The question is," said Alice,
"whether you can make words mean so many different things."
"The question is," said Humpty-Dumpty,
"which is to be the master – that's all."
(Lewis Carrol: Through the Looking Glass)

Wir bieten uns den NutzerInnen als Gegenüber, auch mit zum Teil kontroversen Meinungen, an. Im gegenseitigen Kontakt eröffnen sich Räume, die eigene Situation zu reflektieren. Ziel unserer Angebote ist es, dass die Ratsuchenden ihre Sichtweisen und Definitionen der persönlichen Situation, des bisher Erlebten und der persönlichen Bedürfnisse wahrnehmen und die jeweils eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen.

ExpertIn ist die NutzerIn

Es gibt keine vorgegebenen Raster, nach denen NutzerInnen etwas von sich preisgeben müssten. Sie werden darin respektiert, was, wie viel und in welcher Form sie von sich zeigen und erzählen wollen. Auf dieser Grundlage gestaltet sich ganz spezifisch der Erstkontakt und auch der Kontakt darüber hinaus.

Die MitarbeiterInnen eröffnen den NutzerInnen Entscheidungsmöglichkeiten, indem sie versuchen, mögliche Konsequenzen persönlichen Handelns aufzuzeigen. Dabei bestimmen die NutzerInnen, welche Wege sie gehen möchten oder eben gerade nicht gehen wollen. Dem liegt die Sichtweise zugrunde, dass der tiefere innere Sinn und die Tragweite einzelner Lebensentscheidungen nicht immer für andere zu erfassen sind. In der Konsequenz heißt dies, dass MitarbeiterInnen mit Empfehlungen und Ratschlägen sehr vorsichtig umgehen oder diese bewusst nicht aussprechen. Das heißt auch, die Geduld aufzubringen, die Umsetzung der eigenen Entscheidungen bei den NutzerInnen zu belassen.

Dürfen hätten wir schon gekonnt,
aber wollen haben wir uns nicht getraut

Die Verantwortung für sich selbst und das eigene Verhalten liegt bei den NutzerInnen

Statuten oder Statussis oder Statuti?

Unsere Projekte sind weder frei von Hierarchien, noch frei von Machtstrukturen. MitarbeiterInnen befinden sich aufgrund ihrer Rolle und ihres Status' in einer besonderen Verantwortung gegenüber den NutzerInnen und dem gesamten Projekt. Einerseits bieten sie einen Raum, in dem sich NutzerInnen und MitarbeiterInnen offen begegnen können, andererseits sind sie gebunden an die eigenen Grenzen und Bedürfnisse, an konzeptionelle und allgemeine Rahmenbedingungen. Dies führt dazu, dass MitarbeiterInnen durchaus Macht ausüben, zum Beispiel, wenn sie das Hausrecht durchsetzen. Wir bemühen uns, den NutzerInnen auch in der Situation der Machtausübung mögliche Entscheidungsspielräume offenzulegen. Im Vordergrund steht dabei, den NutzerInnen die Prozesse, die zu Entscheidungen führen, zugänglich zu machen, damit sie die Möglichkeit haben, Entscheidungen nachzuvollziehen, zu hinterfragen und zu beeinflussen.

Vom konzeptionellen Hintergrund der drei Projekte her wird eine ständige Reflexion und Bereitschaft zur Transparenz hinsichtlich der eigenen Rolle von MitarbeiterInnen vorausgesetzt. Raum und Zeit bieten hierfür z.B. die Teamsitzungen oder die Supervision. Wichtig ist uns, gemeinsam mit den NutzerInnen Strukturen zu entwickeln, in denen sie vorhandene Machtverhältnisse sowie den Rahmen, in dem Begegnung und Begleitung stattfinden, mitbestimmen können.

Hierarchiekritik bedeutet nicht Hierarchiefreiheit

Unser Anspruch ist es, den Prozess der Wiederaneignung des Subjektstatus' zu unterstützen oder anzustoßen. Dies setzen wir um, indem wir mit den NutzerInnen Wahlmöglichkeiten jenseits von gesellschaftlichen Zuweisungen besprechen. Dies entspricht einem Schritt heraus aus der Ohnmacht, hin zur Selbstermächtigung.

Dabei fragen wir die NutzerInnen, was sie brauchen, um sich selbst helfen zu können. Ziel ist die Unterstützung bei der Entwicklung neuer Handlungsmöglichkeiten. Hierbei spielt der betroffenenkontrollierte Ansatz der Projekte eine tragende Rolle, da die MitarbeiterInnen die Möglichkeit verkörpern, ihr Leben immer wieder selbst zu bestimmen. In dieser Vorbildfunktion und der Vorstellung einer möglichen, künftigen Mitarbeit der NutzerInnen in den Projekten wird die perspektivische Auflösung der Machtverhältnisse direkt greifbar. Dies motiviert und macht Mut, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Die eigene Position in der Gesellschaft kann wieder neu definiert werden, was auch bedeutet, den eigenen Teil der Verantwortung für die Gesellschaft wieder wahrzunehmen.

Empowerment

Selbst Bestimmung
Selbst Ermächtigung
Selbst Ermöglichung
Selbst Definition
Selbst Ermündigung
Selbst Hilfe

Die MitarbeiterInnen:

MitarbeiterInnen in betroffenenkontrollierten Projekten bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen der Annahme der Gleichwertigkeit von MitarbeiterInnen und NutzerInnen und der Rolle als professionell Helfende. Dies ist eine hohe Anforderung, die weder durch eigene Gewalterfahrungen, noch durch Berufsausbildungen alleine gewährleistet werden kann.

MitarbeiterInnen in betroffenenkontrollierten Projekten zeichnen sich besonders aus durch:

  • die Entscheidung, ihre eigenen (Gewalt-) Erfahrungen und die Beschäftigung damit aktiv als Ressource zu nutzen,
  • die Fähigkeit, die eigenen Erfahrungen und den Umgang damit zu reflektieren,
  • die Kompetenz und Bereitschaft zur Kommunikation über das eigene Erleben und den Reflexionsprozess,
  • die Entscheidung, die eigenen Erfahrungen für andere sichtbar zu machen und kritisch nach außen zu vertreten,
  • die Offenheit, sich in ihren Vorstellungen und Werten irritieren zu lassen,
  • die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen,
  • den bewussten Einsatz der eigenen Erfahrungen, um z.B. Hemmschwellen zu verringern oder Fremdzuschreibungen in Frage zu stellen,
  • die Grundhaltung, sich als LernendeR stetig weiter zu entwickeln,
  • den konstruktiven Umgang mit Stigmatisierungen durch die Öffentlichkeit, der diese in ihren Funktionen aufdeckt,
  • die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Der fleischgewordene Entwurf eines selbstbestimmten Lebens
oder das vegane eierlegende Woll-Milch-Spanferkel

Die NutzerInnen:

Formale Zugangsvoraussetzungen bzw. Ausschlussgründe versuchen wir so gering wie möglich zu halten (z.B. Weglaufhaus ab 18, Wildwasser nur für Frauen, Tauwetter nur für Männer). Dennoch sind wir darüber hinaus nicht einfach offen für alle.

Unser Ansatz stellt Ansprüche an die NutzerInnen. Diese haben sich im Laufe der Jahre in der Erfahrung der Projekte als Bedingungen herauskristallisiert, um unser Hilfsangebot erfolgreich nutzen zu können. Diese Ansprüche sind weder statisch noch müssen sie von den NutzerInnen von vornherein mitgebracht werden. Sie sind immer prozesshaft und situationsabhängig zu betrachten. Unserer Erfahrung nach sind sie jedoch der häufigste Grund dafür, sich gegen unser Hilfsangebot zu entscheiden. Uns ist es wichtig, diese zu beschreiben, um unseren Respekt darüber zum Ausdruck zu bringen, wieviel die NutzerInnen unserer Projekte mitbringen (müssen) und während des Hilfeprozesses tatsächlich leisten. Sie müssen:

  • unser Angebot nutzen wollen und sich aktiv dafür entscheiden,
  • ihrem Willen Ausdruck verleihen,
  • bereit sein, mit uns in Kontakt zu treten und uns Offenheit entgegenbringen,
  • sich auf einen Prozess des Hinterfragens, Neu– und Umorientierens einlassen,
  • den Mut aufbringen,sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen,
  • den Wunsch nach selbstbestimmter Veränderung mitbringen,
  • die Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen,
  • Kraft und Durchhaltevermögen einsetzen.

Manche entscheiden sich aufgrund dieser Anforderungen gegen unser Angebot. Für Viele ist unser Ansatz eine Chance zu einem selbstbestimmten Leben.

Selbsthilfearbeit bedeutet auch, die Gesellschaft in die Verantwortung zu nehmen!

Unsere Forderungen:

  • Würdigung der Qualität und der Erfolge unserer Arbeit, sowohl finanziell als auch ideell.
  • Förderung betroffenenkontrollierter Initiativen und Projekte als unverzichtbare und zukunftsweisende Ergänzungen zum bestehenden Angebot.
  • Die Anerkennung des bewussten Einbringens eigener Erfahrungen in die professionelle Praxis als Qualität.
  • Schaffung eines Rahmens zur Anstellung betroffener MitarbeiterInnen ohne vorausgesetzte Berufsausbildungen bei entsprechender Kompetenz.
"Adieu", sagte der Fuchs. "Hier mein Geheimnis:
Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem
Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen
Unsichtbar."
(aus: Der kleine Prinz, A. de Saint-Exupéry)