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Erste Hilfe

Ich gehe mal davon aus, dass Du, wenn Du diese Seite liest, vor kurzem festgestellt hast, daß Du als Junge sexuell missbraucht worden bist. Für die allermeisten ist das ein ziemlich heftiger Schock und begleitet von dem Wunsch, dass es alles nicht wahr sein soll und vielleicht ja doch nur Einbildung wäre. Das ist vollkommen normal.

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder oder Jugendliche ist etwas unglaubliches, das jeden Rahmen sprengt.  Es ist nicht zu fassen und auch nicht mal eben so zu verarbeiten. Kaum jemand, dem das widerfahren ist, schafft es, das ein Leben lang beiseite zu schieben und trägt keine Folgen davon.

Wichtig ist für Dich im Moment zu wissen: Es gibt einen Weg daraus! Im Prinzip hat jedeR Mensch die Möglichkeit das erlebte Trauma von einem bösen Horrortrip, der immer wieder überfallartig hoch kommt, zu einer zwar schmerzhaften, aber vergangenen Phase seines Lebens zu machen - dafür braucht es Kraft und Energie, aber auch vor allem die richtige Hilfe und Unterstützung.

Als erste Hilfe, die natürlich kein direktes Gespräch mit guten FreundInnen oder einer Beratungsstelle ersetzen können,  im folgenden ein Auszug aus dem Selbsthilfehandbuch, was wir geschrieben haben:

Keine Panik:

Du hast es damals überlebt und hast bis jetzt überlebt. Selbst wenn es dir jetzt unmöglich erscheint: Du kommst auch durch diese Zeiten durch!

Traue deinen Gefühlen:

Wenn du beispielsweise nicht sicher bist, ob du sexuell mißbraucht worden bist, oder dich nicht an Einzelheiten erinnern kannst, sondern "nur" vage Vermutungen oder einen Verdacht hast: Nimm dich und deine Gefühle ernst! Du irrst dich vielleicht in Details deiner Erinnerungen, aber nicht in der Tatsache, daß du verletzt worden bist. Und wenn du nicht weißt, wer der/die TäterIn war: Ein schlechtes Gefühl z.B. zu deinem Vater oder zu einer anderen Person ist auf jeden Fall erst einmal Grund genug, auf Abstand zu gehen und vorsichtig zu sein - solange, bis du genauer weißt, wo das Gefühl herkommt.

Es ist o.k., wie es dir jetzt geht:

Egal, wie du dich fühlst, versuche es zu akzeptieren, nimm es, wie es ist. Das heißt nicht, daß du alles gut finden sollst, aber die Verdammung deiner Gefühle bringt gar nichts. Mit der Zeit wird sich sicherlich viel ändern, aber akzeptiere als erstes, was ist und versuche dann, von dort aus die nächsten Schritte zu machen.

Such dir Hilfe:

Du kannst dich schnell überfordern, wenn du alles allein und mit dir selbst ausmachen willst. Rede mit guten FreundInnen, denen du vertrauen kannst. Hol dir Hilfe in Anlauf- und Beratungsstellen. Frage dort nach, wie es mit Selbsthilfegruppen oder TherapeutInnen aussieht (falls dich das interessiert).

Schütze dich selbst:

Überlege dir, mit wem du reden willst. Wappne dich innerlich davor, daß dein bester Freund oder deine beste Freundin von dem Thema möglicherweise nichts wissen will oder sogar verletzend reagiert. Das muß nicht böswillig sein. Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit dem Thema umgehen sollen, und brauchen wie du Zeit, sich darauf einzulassen.

Schaffe dir einen sicheren Raum:

Wenn es dir schlecht geht, brauchst du einen Raum, wohin du dich zurückziehen kannst. Das kann ein Zeit-Raum sein, den du dir freihältst, um dich nur um dich zu kümmern. Oder es ist ein Ort, wo du ungestört bist, dich wohl fühlst und den du dir gestalten kannst. Das kann dein Zimmer sein oder eine Kuschelecke, aber vielleicht ist es auch ein Platz irgendwo draußen im Wald oder ein Baumhaus, wie du es als Junge schon immer haben wolltest. Manche fühlen sich an einem öffentlichen Ort unter Menschen sicher, z.B. mitten in einem Café, wo ihnen niemand besondere Bedeutung schenkt.

Du brauchst nichts zu überstürzen:

Jetzt muß sofort etwas passieren - wenn du diesen Druck verspürst, ist das verständlich. Dennoch haben Veränderungen ihren eigenen Rhythmus und brauchen ihre Zeit. Es läuft dir nichts davon. Erst wenn du stabil geworden bist, kann vielleicht auch der Zeitpunkt kommen, den/die TäterIn mit seiner/ihrer Tat zu konfrontieren. Das solltest du aber nicht überstürzen, denn ein zu früher und wenig vorbereiteter Kontakt mit dem/der TäterIn kann dir möglicherweise mehr schaden als helfen.

Suche dir einen inneren sicheren Ort:

Wenn du immer wieder von bedrängenden Erinnerungen und Gefühlen überflutest wirst, soll er dir eine Zuflucht sein. Der innere sichere Ort ist ein Ort in deiner Phantasie, den du ganz nach deinen eigenen Wünschen aufbaust. Versuche dir möglichst deutlich einen Ort auszumalen, an dem du dich wohl, sicher und geborgen fühlst. Das kann ein Garten mit Blumen und Bäumen sein, oder ein schönes, helles Zimmer, ein Berggipfel mit frischer Luft und tollem Ausblick oder ein Strand mit Wellenrauschen, ein ferner Planet - oder was immer du dir wünscht. Gestalte dir diesen Ort in deinen Gedanken in allen Einzelheiten und überlege dir, was du dort Schönes machen oder haben willst. Willst du dort alleine sein, oder dürfen auch ausgewählte andere dorthin? Alleinsein hat den Vorteil, daß dich keiner enttäuschen kann. Du kannst aber auch andere Menschen an den Ort laden, die dir guttun. Wenn dich mal wieder der Horror packt, kannst du versuchen innerlich an diesen Ort zu gehen, allen Schrecken draußen zu lassen und schöne Sachen zu machen. Das ist anfangs schwierig und bedarf einiger Übung. Erlaube dir ruhig, den Ort immer wieder nach deinen Bedürfnissen umzugestalten. Die Beschäftigung damit kann helfen, dich vor dem "Überflutet-Werden" zu schützen. Das klingt wie ein billiger Trick, aber es hilft. Und du hast ein Recht darauf, daß es dir gut geht!

Du bist nicht allein:

Es gibt andere Männer, die ebenfalls sexualisierte Gewalt erfahren haben. Versuche zu ihnen Kontakt aufzunehmen und mit ihnen zusammen das Schweigen und Alleinsein zu überwinden.

Auf unserer Adressenseite findest Du Hinweise auf Beratungsstellen im Bundesgebiet. Wenn Du keine aus Deiner Region findest, oder zu denen ein schlechtes Gefühl hast, kannst Du auch an uns eine Mail an  mailadresse.gif (1830 Byte)   schicken, vielleicht können wir ja weiter helfen.

Falls Du aus Berlin bist, kannst Du Dich auch telefonisch an die Informations- und Beratungsstelle wenden: Dienstags 17.00 - 18.00 Uhr und Donnerstags 17.00 - 19.00 Uhr, 030 - 693 80 07, um Dich über Möglichkeiten und Angebote zu informieren und beraten zu lassen. Donnerstags von 17.00 bis 19.00 Uhr, 030 - 816 19 114, sind Männer aus dem Selbsthilfebereich am Telefon für Fragen direkt zu den Selbsthilfegruppen bei Tauwetter.

Ich wünsche Dir jedenfalls viel Kraft, alles Gute und viel Erfolg auf Deinem Weg.

Du wirst es schaffen.

Jo


© Tauwetter e.V., 2005


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