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Aus Prävention, Zeitschrift des Bundesvereins zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen, Nr. 2, 2001 Thomas Schlingmann: Gruppenarbeit von / mit Männern, die als Junge Opfer sexualisierter Gewalt warenDie Bedingungen einer Gruppe von Opfern sexualisierter Gewalt werden ganz massiv von zwei Faktoren beinflußt: Den Folgen sexualisierter Gewalt selber und dem Geschlecht der Opfer. Die Ursprungsschädigungen sexualisierter Gewalt unterscheiden sich nicht nach der Geschlechtszugehörigkeit des Opfers. Allerdings spielt schon bei den Rahmenbedingungen und damit bei den unmittelbaren Interpretations- und Verarbeitungsmöglichkeiten die gesellschaftlich definierte Geschlechtszugehörigkeit eine Rolle. Erst recht trifft dies bei den mittel- und langfristigen Folgen zu. Eine Auseinandersetzungen mit Gruppen von männlichen Opfern sexualisierter Gewalt muß deshalb eine Auseinandersetzung mit dem Konzept "Männlichkeit" beinhalten. Sexualisierte Gewalt gegen Jungen und MännersozialisationWas einen "Mann" ausmacht, die "Männlichkeit", ist scheinbar etwas geworden, die sich nicht mehr richtig greifen läßt. Dennoch hat sich manches nicht verändert: "Die männliche Form der Weltaneignung beruht auf Herrschaft und Kontrolle und vermittelt einen verhängnisvollen patriarchalen Kulturbegriff. In immer neuen Variationen dreht sich dieser um Unterwerfung, Aneignung, Sich-Erheben über ein Gegebenes oder gewaltsame Veränderung eines Gegebenen. In dem bestehenden Herrschaftssystem sind die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse hierarchisch aufgebaut. Auf der Basis der kapitalistischen Marktwirtschaft funktioniert die 'Siegerkultur', deren Spitze die 'hegemoniale Männlichkeit' (Connel) repräsentiert. Ideologisch abgesichert herrscht das 'Recht des Stärkeren'. (Lenz 2000, S.55) In den Randbereichen dieser Pyramide ist durchaus Platz für von der Norm abweichende Vorstellungen von Männlichkeit. Solange die betreffenden Männer auf dem ihnen zugewiesenen Platz bleiben, und das Prinzip der hegemonialen Männlichkeit lediglich im stillen Kämmerchen in Frage stellen, werden sie auch in Ruhe gelassen. Eine Pyramide läßt sich eben auch aus bunten Steinen bauen. "Die männliche Identität, als ein Konglomerat von Unterwerfung und Macht? - Eine fatale Mischung, die an zweifelhafte Gestalten, wie 'den Untertan' von Heinrich Mann erinnert." (Galeitner 1995, S.198) Es stellt sich die Frage, inwieweit sexualisierte Gewalt gegen Jungen - wie überhaupt Opfererfahrungen - nicht überaus funktional für diese patriarchale Konstruktion von Männlichkeit sind. Sie sind ein Mittel das Prinzip "Hierarchie" und der Verfügungsgewalt des/der Ranghöheren über den/die RangniedrigereN zu etablieren. Nicht von ungefähr ist auch sexualisierte Gewalt in Peer-groups von Jungen und männlichen Jugendlichen eine Mittel die Rangfolge abzustecken. "Im Prozeß der Sozialisation lernen bereits kleine Jungen, sich in dieses Muster vermeintlich 'richtiger Männlichkeit' einzupassen. Deren Maxime ist: Man muß unten anfangen und sich dann hocharbeiten. Findet die Unterwerfung nicht freiwillig statt, wird sie von Mächtigeren mit Gewalt eingefordert. So werden Unterwerfung unter die elterliche Gewalt und sich daraus frühkindliche Ohnmachts- und Opfererfahrungen häufig als der Preis gesehen, um später eine Gratifikation zu bekommen, nämlich Herr zu sein. Nach analogem Muster verlaufen Positionskämpfe zwischen Gleichaltrigen im schulischen und außerschulischen Bereich." (Lenz 2000, S.55) Auch wenn in der Literatur oft von einer "Verunsicherung der Männlichkeit" als Folge sexualisierter Gewalt die Rede ist, tritt in den meisten Fällen keine die patriarchale Männlichkeit per se in Frage stellende Verunsicherung ein, wohl aber eine, über die eigenen Möglichkeiten, sich in dieser Hierarchie zu behaupten. Es bieten sich hier zwei Bewältigungsstrategien an, die Vermeidung oder die Übererfüllung hegemonialer Normen. Viele Männer pendeln zwischen den Extremen. "So ist zu vermuten, dass die geschlechtsspezifische Sozialisation für die Wahrnehmung und Verarbeitung sexueller Missbrauchserfahrungen eine wichtige Rolle spielt (vgl. auch Bange & Enders 1995). Jungen, die klassisch maskuline Geschlechtsrollenskripte internalisiert haben, dürfte es schwer fallen, eine Opfererfahrung an ein solches Schema zu assimilieren. Gelingt es, die Missbrauchserfahrungen so um zu bewerten, dass sich die Jungen nicht mehr bedroht fühlen, ist ihre maskuline Geschlechtsrollenidentität nicht mehr bedroht. Eine Überidentifikation mit der männlichen Geschlechtsrolle wäre auf diesem Hintergrund ein weiterer Versuch, die bedrohte Geschlechtsrollenidentität zu schützen. Eine solche Strategie könnte mit zunehmender Schwierigkeit, sexuelle Opfererfahrungen um zu bewerten wichtiger werden. Wird eine Umbewertung sexueller Missbrauchserlebnisse unmöglich, könnten Jungen ihre Geschlechtsrollenidentität an die Erfahrung des Missbrauchs anpassen. Haben sie nur ein Konzept klassisch dichotomisierter Geschlechtsrollen verinnerlicht, wäre es möglich, dass sie eine feminin gefärbte Geschlechtsrollenidentität (im klassischen Sinne) entwickeln." (Julius & Boehme 1997, S.199) Vor diesem Hintergrund ist es schwierig auseinanderzuhalten, was Folgen der erlebten sexualisierten Gewalt sind und was Ergebnis "normaler" Sozialisation ist. Ich will deshalb an einigen Gegenüberstellungen verdeutlichen, wie eine oft nicht auseinander zu dividierende Wechselwirkung zwischen den beiden Bereichen besteht:
Wenn Männer, mit sehr unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen, aber alle aus diesem wechselseitigen Geflecht kommend, in eine Männergruppe gehen, so sind sie natürlich auch hierbei wieder, von verinnerlichten gesellschaftlichen Zuschreibungen beeinflußt. Die Ambivalenz von Männergruppen"Einerseits steht die Männergruppe in der Tradition männerbündischer Gemeinschaften und teilt mit dieser die Bedeutung der gleichberechtigten 'Bruderhorde', des 'Initiationsbundes', der 'Kameradschaft' oder der 'Jungenclique'. In dieser Symbolik steht die Männergruppe für Männlichkeit schlechthin und die Unabhängigkeit von Frauen. Daneben besteht aber noch eine andere Symbolik ... . (Ihr) entsprechend sind alle intimen Angelegenheiten, das Sprechen auch über den Körper und insbesondere die Sexualität, aber auch der Austausch über persönliche Problematiken und Schwächen eine Sache von Frauen, die sich im geschlossenen Raum oder am Brunnen hierüber austauschen. Im Gegensatz hierzu steht der männliche Raum der Öffentlichkeit, in dem über Politik, wirtschaftliche Belange oder Religion geredet wird, wo Sachverstand, Kompetenz und Leistung gefragt sind und den Austausch von Mann zu Mann bestimmen. In deutlichem Gegensatz zu einem solchen männlichen Kontext steht die therapeutische Gruppe mit ihrer Abgeschlossenheit als intimer Raum und ihrem mehr oder minder expliziten Auftrag an die Teilnehmer, über Probleme, Gefühle und Sexualität zu sprechen. Zumindest im ursprünglichen, spontanen Verständnis vieler Männer liegt eine solche Gruppe auf einer Linie mit Klassifikationen wie schwach, krank, passiv, abhängig und unmännlich." (Brandes 1996, S.147) Männer, die eine spezialisierte Beratungseinrichtung aufsuchen, stehen vor der Erkenntnis (oder dem Verdacht), Opfer gewesen zu sein. Der Verdrängungs- und Verleugnungsprozeß funktioniert nicht mehr reibungslos. Sie hinterfragen oft das herrschende Konzept von Männlichkeit, entweder weil sie sich in ihm nicht für sie selbst zufriedenstellend einfügen können, oder auch aus einer eher theoretisch und intellektuell geprägten Hinterfragung des Prinzips. Sie erleben eine starke Verunsicherung und Isolierung und Suchen die Stärkung durch andere Gruppenmitglieder. Zumeist existieren aber unterschwellig die alten, eingeübten männlichen Verhaltensmuster weiter. So hat jede Gruppe prinzipiell zwei Entwicklungsrichtungen: Sie wird eine "Stammtischrunde" mit männerbündischen Zügen, in der die erlebte Verunsicherung durch gegenseitige Bestätigung der Männlichkeit abgewehrt wird, oder sie entwickelt sich zu einem Forum in dem ausgelöst durch die Verunsicherung herkömmliche Konzeptionen von Männlichkeit hinterfragt werden können. Anforderungen an die Anbieter einer Gruppe"Viel wichtiger als die Methode ist die Haltung" (Bange 1995, S.122) Aus dem bisher Geschilderten geht hervor, dass es Männern schwer fällt, in eine Beratungsstelle zu kommen. Es ist wichtig, dass sämtliche Angebote (nicht nur die Gruppe) niedrigschwellig sind. Es muß Möglichkeiten für die Betroffenen geben, das Angebot und die Anbietenden unauffällig in Augenschein zu nehmen. Das kann sein, wenn ein Berater auf einer Veranstaltung öffentlich auftritt und über sich und seine Arbeit informiert, oder durch eine Fortbildung, oder durch ein Informationsgespräche. Betroffene Männer, die erst eine Arbeit zum Thema schreiben und wesentlich später zu einer Beratung kommen, sind aus mehreren Beratungsstellen bekannt. Wichtig ist von Anfang an Transparenz über das Angebot. Je mehr die betroffenen Männern das Gefühl haben, den Überblick zu haben, desto geringer wird ihre Angst vor Kontrollverlust. Dies beinhaltet auch den Rahmen z.B. eines Beratungsgespräches oder einer Gruppe klar und eindeutig zu gestalten und die Grenzen des Angebotes sichtbar zu machen. Einen ähnlichen Stellenwert hat Parteilichkeit. Im konkreten Gespräch heiß das, dem betreffenden Mann zu glauben. Dazu gehört auch, eindeutig öffentlich Position gegen sexualisierte Gewalt gegen Jungen zu beziehen. Dies ist nicht nur für die persönliche Glaubwürdigkeit des Beraters sinnvoll, sondern trägt auch zu einem öffentlichen Klima bei, dass es Männern leichter macht, das Erlebte sich einzugestehen und sich Hilfe zu holen. "Kompetente Beratung und Therapie müssen begleitet werden von Prävention und gesellschaftspolitischer Aufklärung über herrschende Männlichkeit und deren Opfer, sowie von Reflexion der strukturell-gesellschaftlichen Hintergründe männlicher und gegen Männer gerichteter Gewalt." (Lenz 1996, S.288) Zwei weitere Faktoren, die sowohl die Kontaktaufnahme zu einer Beratungsstelle, als auch den konkreten Kontakt zum Berater im Gespräch beeinflussen sind die Kongruenz und die Empathiefähigkeit des Beraters. Viele Männer, die als Junge Opfer sexualisierter Gewalt gewesen sind, haben ein sehr feines Gespür für Unwahrhaftigkeiten und Doppelbödigkeiten. Es stellt keineswegs eine unzulässige Belastung für den zu Beratenden dar, wenn ein Berater seine eigenen Schwierigkeiten und Grenzen offen legt. Es erleichtert vielen Hilfe suchenden Männern das Sprechen, wenn der Berater seinen eigenen Zugang zum Thema sexualisierte Gewalt, ggf. seine eigene Betroffenheit oder andere Erfahrungen mit traumatisierender Gewalt in das Beratungsgespräch einfließen läßt. Empathie und Akzeptanz sind gerade am Anfang eines Heilungsprozesses zentrale Voraussetzungen: "Der Patient muß das Gefühl haben, wahrgenommen, gehört und gesehen zu werden. Zunächst ist daher weniger therapeutische Kunstfertigkeit gefragt, sondern in erster Linie eine reflektierte Parteilichkeit mit Gewaltopfern (vgl. Kavemann 1997). Sie verbindet Informiertheit über die (auch geschlechtsspezifischen) Besonderheiten sexueller Missbrauchserfahrungen mit einer einfühlenden Haltung." (Boehme 2000, S.168) Für den Umgang mit betroffenen Männern im Beratungsgespräch selber ist darüber hinaus wichtig, die Entscheidungsfreiheit des anderen zu wahren, also eine möglichst wenig direktive oder zuweisende Art zu kommunizieren zu wählen. Zum einen ist nur so die Übernahme von Eigenverantwortung erlernbar, zum anderen haben viele Betroffene große Angst vor Kontrollverlust und reagieren sehr empfindlich auf "Anordnungen" und "Zuschreibungen". Die Gruppenarbeit:Verschiedene Gruppenarten Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es natürlich zahlreiche Unterschiede zwischen selbstorganisierten oder anderen Selbsthilfegruppen, begleiteten oder angeleiteten Gruppen und Therapiegruppen. In der Literatur über Männergruppen wird der Unterschied zwischen therapeutischen und Selbsthilfegruppen gelegentlich nicht klar. Dies hängt damit zusammen, dass offensichtlich manche Gruppenprozeße in beiden Arten von Gruppen möglich sind. Ich möchte mich im folgenden aber auf Selbsthilfegruppen und begleitete/angeleitete Gruppen beziehen, da ich in diesem Bereich gearbeitet habe. Kennzeichnend für Selbsthilfegruppen ist, dass jeder Teilnehmer eigenverantwortlich ist und selber bestimmen muß, welche Schritte er macht und wie er selber für seinen Schutz sorgt. Dies betrifft sowohl den Rahmen, als auch den Inhalt. Alle Teilnehmer sind gleichberechtigt, es gibt keine Leitung o.ä. Schwierig ist, dass viele Männer, die als Junge Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, eben Probleme haben genau diese Eigenverantwortlichkeit zu übernehmen. Sinnvoll ist, dass eine Gruppe auf alle Fälle Unterstützung von außen hat z.B. durch Begleitung am Anfang, spätere regelmäßige und auch abrufbare "Supervision", bei Bedarf Beratung für einzelne. Es ist also sinnvoll, wenn Gruppen eingebunden sind in ein breiteres Angebot von Beratung, Information und Unterstützung. (vgl. Autorengruppe Tauwetter, 1998) An einen Begleiter / Anleiter werden von den Gruppenteilnehmern Wünsche gestellt wie, er solle Orientierung geben, Schutz organisieren und die Verantwortung übernehmen. Ein sich als Begleiter verstehenden Mann wird diese Wünsche sicherlich stärker zurückweisen, als ein Anleiter. Dennoch ist Zurückhaltung, auch eines Anleiters, wichtig für den Gruppenprozeß: "Die Forderung an den Leiter, den Gruppenprozeß stärker zu bestimmen, ist nämlich Ausdruck der unbewußten Erwartung eines aus anderen Kontexten vertrauten Konformitätsdrucks und einer selbstverständlichen Hierarchie in den Beziehungen von Männern. Gleichzeitig drückt sich hierin eine bei Männern tief verwurzelte Angst vor Situationen der Hilflosigkeit aus. Indem sich der Leiter der Forderung nach stärkerer Strukturierung des Prozesses verweigert, werden die Teilnehmer auf sich selbst zurück geworfen, was zuerst Ängste und Unsicherheiten auslöst, dann aber in der für viele erstaunlichen Erfahrung mündet, dass auf diesem Weg eine viel intensivere Gemeinsamkeit mit größeren Spielräumen für die einzelnen zustande kommt." (Brandes 1996, S.149) Entwicklungsprozesse in der GruppeZiele: "Für sexuell traumatisierte Männer ist aufgrund der oft tiefen Verletzungen ihrer Fähigkeit, Vertrauen zu gewinnen, schon das Herstellen einer tragfähigen therapeutischen Beziehung ein Ziel der Behandlung." (Heinemann 2000, S.221) "Als wichtigste Ziele in der Therapie traumatisierter Personen nennt van der Kolk (1998) die Entwicklung von Sicherheit in sozialen Beziehungen, die Fähigkeit, Gefühle zu verstehen, zu benennen und zu interpretieren und schließlich das Erkennen und Befriedigen eigener Bedürfnisse - auch mit Hilfe anderer Personen." (Boehme 2000, S.173)
Oft folgt dieser Phase der Gemeinsamkeiten das Zutagetreten der Unterschiede. Dies stellt eine gewisse Desillusionierung dar, die Verletzungen und Konflikte beinhalten kann. Erst durch sie läßt sich ein gemeinsamer Umgang in der Gruppe aushandeln. Vorher beschlossenen Regeln können in der Phase der Desillusionierung eine Unterstützung bieten. Für viele Gruppenteilnehmer werden sie aber erst jetzt, in den ersten Konflikten greifbar.
Zunehmend spüren sie jetzt ihre eigene Verletzbarkeit und Bedrohungen (reale und vermeintliche) durch andere, im Laufe der Zeit auch von anderen Männern aus der Gruppe. In dem Maße, wie der einzelne die Gruppe verherrlicht hat, fällt es ihm schwer, diese Bedrohungsgefühle zuzulassen. Und noch schwerer ist es, zu ihnen zu stehen und sie anzusprechen. Die Erkenntnis, dass Opfer sexualisierter Gewalt zu bedrohlichem und sogar zu einem gewlttätigem Verhalten fähig sind, bedeutet aber u.U. einen schweren Angriff auf die emotionale Verbundenheit mit den anderen Gruppenmitgliedern. Erst das Erkennen der eigenen Gewaltanteile beinhaltet die Möglichkeit, dass sich dies wieder ändert. Für den einzelnen ist dieser Prozeß wichtige Voraussetzung, um festgelegte Rollen zu verlassen und die verschiedenen Anteile zu integrieren (vgl. Schlingmann u.a. 2000, S.242).
ArbeitsmittelBei Tauwetter werden den Gruppenteilnehmern drei Fragestellungen als grundlegendes Arbeitsprinzip mit auf den Weg gegeben:
Gerade die erste Frage ist für die meisten Männer die zentrale und gleichzeitig die, bei der sie die meisten Schwierigkeiten haben, sie zu beantworten. Als Hilfsmittel bieten sich sowohl Atem- als auch Entspannungs- oder Körperübungen an. "Zugleich mache ich auch häufig die Erfahrung, dass es vielen Männern leicht fällt, körperliche Haltungen, Bewegungen und Spannungen im therapeutischen Kontext wahrzunehmen und die hier 'verkörperten' Gefühle und Empfindungen zu entdecken. Ich habe den Eindruck, dass körpernahe und körperliche Prozesse für viele Männer als relativ 'handfeste' und sinnlich greifbare Erfahrungen besonders gut zugänglich sind." (Krämer 1996, S.191) Die Frage "Was löst das Gehörte bei mir aus" überschneidet sich evtl. mit der ersten. Sie lenkt den Fokus aber stärker auf die Verbindung zwischen den eigenen Erfahrungen/Erinnerungen und denen des anderen. So kann die Erzählung des anderen ein wichtiger Beitrag für die eigene Aufarbeitung sein, da es vielen z.B. leichter fällt, Mit-Gefühl mit anderen zu haben, als mit dem kleinen Jungen, der sie selber gewesen sind. Gleichzeitig trägt diese Frage der Tatsache Rechnung, dass gerade der Erzählende u.U. beim Reden selber kaum einen Zugang zu seinen Gefühlen hat und durch die Mitteilung, was das Erzählte bei anderen ausgelöst hat, wichtige Hilfestellungen bekommen kann. Dies leitet zur dritten Frage "Wie nehme ich den anderen wahr" über. Dieses direkte Feedback ist eine schwierige Sache, weil es schnell als Zuweisung und Anmaßung aufgefaßt werden kann. Es ist aber gleichzeitig ein wichtiger Spiegel für den Betreffenden, weil er selber oft so sehr mit dem, was er sagen will beschäftigt ist, dass seine Selbstwahrnehmung eingeschränkt ist. "...die wechselseitige Spiegelung der Teilnehmer (ist) eines der wichtigsten therapeutischen Mittel. Der einzelne sieht sich oder einen Teil widergespiegelt in den Interaktionen der anderen Gruppenteilnehmer. Im Sinne von Benjamin kann man diesbezüglich auch von einem Prozeß wechselseitiger Anerkennung sprechen, der insofern den Charakter einer korrigierenden emotionalen Erfahrung annimmt, als die meisten Teilnehmer den Vater als spiegelndes und anerkennendes Selbstobjekt (Kohut) vermißt haben. Indem die Männer sich wechselseitig die Anerkennung zuteil werden lassen, die in den Vaterbeziehungen gefehlt hat, lernen sie zugleich, dass sie mit ihren individuellen traumatischen Erfahrungen vom kollektiven männlichen Rahmen der Gruppe gehalten werden und dass sie Trauer, Leid und Scham zeigen können, ohne damit zugleich ihre Männlichkeit einzubüßen." (Brandes 1996, S.150) Die direkte Interaktion der Männer einer Gruppe bedarf eines prinzipiellen, gegenseitigen Respekts, einem sich Begegnen mit Achtung und einer offenen, aufmerksamen Haltung. "Awareness (Bewußtheit/Aufmerksamkeit d.A.) ist ein hervorragendes Mittel gegen eine bei Männern verbreitete Form von Dumpfheit und Empfindungslosigkeit, die den Kontakt zu sich selbst und zu anderen beeinträchtigen und 'verdünnen'." (Krämer 1996, S.190) Besondere, potentielle ProblemlagenDie Studien zum Geschlecht der TäterInnen zeigen extrem unterschiedliche Ergebnisse (vgl. Julius & Boehme 1997, S.74 ff), je nach Methodik, Zielgruppe, etc. Die Mehrheit der Jungen, die Opfer sexualisierter Gewalt werden, sind aber anscheinend mit einem oder mehreren männlichen Täter konfrontiert. Dies wirft für Gruppen männlicher Missbrauchsopfer besondere Probleme auf, denn zwangsläufig treffen in ihr Männer auf Personen des Geschlechtes, das der Missbraucher hatte. Das reicht von reflexartiger Abwehr und Erinnerungen, die durch Äußerlichkeiten, getriggert werden können, bis zu der Tatsache, dass sich Personen des gleichen Geschlechts, wie der Täter für Projektionen offensichtlich besser eignen. Auch wenn zahlreiche Männer Schwierigkeiten mit ihrer psychosexuellen Identitätsfindung haben, hat bei den wenigsten heterosexuell orientierten eine bewußte Auseinandersetzung damit stattgefunden. Wie oben skizziert, haben auch männliche Opfer sexualisierter Gewalt in unterschiedlichem Maße herrschende Männlichkeitsnormen verinnerlicht und dazu zählt nach wie vor Homophobie. Erschwerend kann hinzukommen, dass es für den einen Mann schwierig sein kann, zu akzeptieren, dass ein anderer genau die sexuellen Praktiken als lustvolle Sexualität lebt, die er nur in der Missbrauchssituation erlebt hat (z.B. Anal- oder Oralverkehr). Ein potentielles Spannungsfeld kann also die sexuelle Orientierung der verschiedenen Männer sein. Eine Gruppe oder auch das Verhalten einzelner Teilnehmer kann für andere Männer eine massive Verunsicherung bedeuten. Wenn diese nicht bewußt wahrgenommen und bearbeitet werden kann, greifen regelmäßig Männer zu einem bewährten männertypischen Mittel, um mit der Situation klar zu kommen: Abwertung und Aggressivität. Nur selten gelingt es der Gruppe, dieses Verhalten als Signal für Verunsicherung zu interpretieren. Normal ist vielmehr, dass die Gruppe nun ihrerseits mit Abwehr und Ausgrenzung reagiert. So entsteht ein Kreislauf, der ohne Hilfe von außen nur schwer zu durchbrechen ist. Über kurz oder lang, verläßt der einzelne Mann die Gruppe. Für manche Gruppen kann die Abwehr eines solchen "Störenfrieds" konstituierende Bedeutung haben. ResümeeEine Gruppe von Männern, die als Junge Opfer sexualisierter Gewalt waren, sieht sich mit Problemen konfrontiert, die aus zwei verschiedenen Ursachen herrühren: Den internalisierten Normen der hegemonialen Männlichkeit und den Folgen der sexualisierten Gewalt. Diese beiden in den persönlichen Biographien unterschiedlich eng verwobenen Stränge prägen die besonderen Bedingungen einer solchen Gruppe. Gerade die männlichen Normen dürften zusammen mit der ambivalenten Bedeutung von Männergruppen ein Grund sein, dass es kaum Gruppen von/mit Männern gibt, die als Junge sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. Gleichzeitig bietet ein erfolgreicher Gruppenverlauf die Möglichkeit zu persönlichen Veränderungen in beiden Bereichen. Gesellschaftliche Positionierungen und Veränderungen gegen die herrschende Männlichkeit und gegen sexualisierte Gewalt auch an Jungen erleichtern die Bildung solcher Gruppen. Literaturliste:
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