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Aus Switchboard, Zeitschrift für Männer und Jungenarbeit, Nr.157 April/Mai 2003 + Nr. 158 Juni/Juli 2003 Thomas Schlingmann: Männlichkeit und sexualisierte Gewalt gegen Jungen (1.)Der geschlechtsspezifische Blick:Wir sehen, was wir zu sehen bereit sind.Viele PraktikerInnen sind sich heute einig, dass es bei den direkten Folgen sexualisierter Gewalt kaum einen Unterschied macht, ob ein Junge oder ein Mädchen betroffen ist. Erst mit der Reaktion der Umwelt und den an das Opfer heran getragenen Erwartungen beginnt die Geschlechtsspezifik. Ein Beispiel aus dem Bereich der körperlichen Folgen: Ein Arzt untersucht im Rahmen einer Routineuntersuchung ein Kind, das sexuell missbraucht wurde, wovon der Arzt nichts weiß. Ob er die unmittelbaren körperlichen Folgen der sexualisierten Gewalt als solche erkennt, hängt nicht nur von seiner Ausbildung und Fachkenntnis ab, sondern oft auch davon, wie alt das Kind ist und welches Geschlecht es hat. Bei kleineren Kinder wird er eher unabhängig vom Geschlecht dazu tendieren, die körperlichen Folgen sexualisierter Gewalt zu erkennen, als bei älteren Kindern und Jugendlichen. Je älter ein Junge ist, also je mehr er nicht mehr "kindlich", sondern "männlich" ist, desto stärker greift die Vorstellung, dass "Opfer werden" und "männlich sein" nicht zusammen passen. Bei möglichen psychosomatischen Folgen tauchen erste geschlechtsspezifische Unterschiede auf, denn hier spielt eine Rolle, welche Einschränkungen und Möglichkeiten der Verarbeitung ein Junge aufgrund der ihm zugewiesenen Geschlechterrolle hat. Was sich nicht verändert, ist die Tatsache, dass einige Folgen durch die geschlechtsspezifische Sichtweise der Umwelt übersehen werden: Einem Jungen, der viel zu dünn bekleidet im Winter draußen spielt, wird unterstellt, er sei gut abgehärtet. Bei einem Mädchen taucht viel eher die Frage auf, ob es nicht ein gestörtes Schmerzempfinden - konkret ein gestörtes Kalt-Warm-Empfinden - habe. Im Bereich der psychischen Folgen sexualisierter Gewalt gilt es weiter zu differenzieren: Bei den unmittelbaren psychischen Reaktionen auf Missbrauch ist bisher kaum ein Unterschied bei Jungen und Mädchen aufgefallen. Bei der Frage, wie sich diese unmittelbaren Folgen dann allerdings weiterentwickeln, spielt die Geschlechtszugehörigkeit eine gewichtige Rolle. Jungen und Mädchen erhalten unterschiedlichen Zugang zu den für eine einen konstruktiven Umgang mit dem Trauma notwendigen Ressourcen. Von Jungen wird erwartet, dass sie körperlich aktiv sind, eher laut und aggressiv reagieren, sich austoben... . Dementsprechende Angebote werden ihnen gemacht und nur wenige Jungen lernen, ihre "weiblichen" Anteile zu entdecken und auszudrücken. Was vermittelt einE ErwachseneR einem Jungen, wenn er gelobt wird, dafür, dass er Schmerzen ignoriert und das mit den Worten, "Er sei ein ganzer Mann"? Mit Sicherheit nicht, darüber zu reden, dass er Opfer geworden ist und sich Hilfe zu holen. Und im Ergebnis tauchen dann so Vermutungen auf, es sei für den Jungen wohl nicht so schlimm gewesen. (2.) Darüber hinaus prägt natürlich wieder die Erwartung das entstehende Bild: Viele Jungen reagieren auf sexuelle Gewalt mit starker Verunsicherung im Umgang mit anderen Menschen und mit sozialem Rückzug. Stille Jungen passen aber nicht in das normale Jungenbild. Sie werden ganz einfach schneller übersehen. So entsteht der Eindruck, Jungen würden auf Missbrauch fast immer mit Aggressivität reagieren und versuchen die Ohnmachterfahrung so zu kompensieren. Solche Wechselwirkungen entwickeln sich unter Umständen auch in einem Beratungsgespräch: Viele Opfer sexualisierter Gewalt sind gleichzeitig Opfer von Vernachlässigung und geradezu darauf gepolt worden, die Erwartungshaltung anderer zu spüren und zu befriedigen, um überhaupt Zuspruch und Zuneigung zu erhalten. Und dies tun sie auch im Beratungsgespräch, so dass der / die BeraterIn die eigenen Erwartungen, die aus dem eigenen, geschlechtsspezifischen Blick herrühren, durch den "vorauseilenden Gehorsam" des/der Ratsuchenden bestätigt findet. Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich in der Bewertung des Erlebten durch die Betroffenen selber feststellen. Hier spielt für (angehende) Männer eine gewaltige Rolle, ob sie ihr Empfinden mit dem, was sie für männlich halten, in Übereinstimmung bringen können. Opfer sein, oder sich als Opfer zu fühlen, gilt als nicht männlich. "Du Opfer" ist in einigen Jugendgruppen ein beliebtes Schimpfwort. Die Beratungsarbeit mit erwachsenen Männern hat gezeigt, dass es einigen sogar leichter fällt, als Täter gesehen zu werden, denn als unmännliches Opfer. Andere, sowohl hetero- als auch homosexuelle Männer, deuten den Missbrauch zu einvernehmlichen ersten sexuellen Erfahrungen um, oder sind der Ansicht, es habe ihnen nichts ausgemacht. Geschlechtsspezifische Unterschiede finden sich also weniger im Bereich der unmittelbaren Folgen des Missbrauchs selber. Hier ist das Geschlecht des Opfers ein Faktor unter mehreren, wie Alter, familiärer Hintergrund, Nähe und emotionale Bindung an den / die TäterIn, Art, Dauer und Häufigkeit des Missbrauchs. Manch ein Junge hat hier mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, wie manch ein Mädchen und umgekehrt. Mittel- und langfristig weitreichendere Konsequenzen haben die unterschiedlichen Bilder und Erwartungen an Mädchen und Jungen und die unterschiedlichen Bewertungen des Missbrauchs und der Folgen. Es gibt sicherlich ebenso viele Männer mit Depressionen als Folge von sexualisierter Gewalt, wie Männer, die deshalb kriminell geworden sind, und ebenso viele Jungen, die still und eigenbrötlerisch werden, wie solche, die den "Macker" raushängen. Männlichkeit und sexualisierte Gewalt:Sexueller Missbrauch macht "unmännlich"Ein entscheidender Punkt im Leben von Jungen, der mit zunehmendem Alter noch an Wichtigkeit gewinnt, ist die Frage: Wie werde ich ein richtiger Mann? Dabei haben nicht nur Jungen und männliche Jugendliche Schwierigkeiten zu sagen, was das überhaupt sein soll "Männlichkeit".
Männlichkeit kann verschieden aussehen und widersprüchlich sein. Sie ändert sich im Lauf der Zeit. Es gibt aber immer so etwas, wie einen männlichen Mainstream, die hegemoniale Männlichkeit. (vgl. Connell 1999) Es zählt zu den Kennzeichen von Kindern und Jugendlichen, dass ihre Körper am wachsen sind, und dass sie noch nicht als erwachsen gelten. Gerade die körperliche Ebene von Männlichkeit spielt für Jungen eine große Rolle. Ihr Körper wächst in einem Tempo, dass er ihnen oft fremd ist. Und in zunehmenden Maße nehmen sie dieser Körper als männlich wahr. Zur körperlichen Seite von Männlichkeit gehört, einen bestimmten Raum einzunehmen, ihn für sich zu beanspruchen und ihn auszufüllen. Das lässt sich auch bei erwachsenen Männern oft wunderbar beobachten, nicht nur wenn sie breitbeinig in der U-Bahn sitzen, sondern auch, wenn sie sich auf der Straße begegnen und die Frage auftaucht, wer weicht wem aus. Auf diesem Hintergrund werden Jungen nun Opfer sexualisierter Gewalt: Sie haben keine Chance einen Raum für sich zu beanspruchen, sie schaffen es nicht, sich zu behaupten, sie sind nicht diejenigen, die sagen, wo es lang geht, ihre körperliche und psychische Integrität wird mit den Füßen getreten, sie sind hilflos, ohnmächtig und ausgeliefert mit einem Wort, sie sind "unmännlich". Und zwar nicht, weil sich irgend etwas an ihrer Biologie verändert hat, sondern weil das, was ihnen passiert, nicht mit dem gesellschaftlich vermittelten Bild von Mann-sein übereinstimmt. 1994 haben 80,8% der befragten Missbrauchsopfer in eine Studie als Grund für ihr Schweigen angegeben, dass sie Angst vor den Reaktionen anderer gehabt haben (Bagley et. al. 1994). Für diese Jungen tut sich ein gewaltiger Graben auf, zwischen dem, was sie denken, darstellen zu müssen und dem, wie sie sich fühlen. Die Diskrepanz zwischen der Inszenierung und dem eigenen Empfinden ist wohl allen Jungen bekannt, für sexuell Traumatisierte gewinnt er eine ganz andere Dimension. Viel von dem, was von erwachsenen Männern Jahre später noch als größtes Problem benannt wird, wie gestörtes Selbstwertgefühl und Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, hängen eng hiermit zusammen. Männliche Bewältigungsstrategien:Was ich nicht weiß, macht mich nicht heißUm mit der erlebten sexualisierten Gewalt um zu gehen und sie irgendwie in ihr Selbstbild zu integrieren, entwickeln Jungen und Männer verschiedene Bewältigungsstrategien: An erster Stelle dürfte sicherlich die Verdrängung stehen. Es ist hirnphysiologisch nachweisbar, dass es unterschiedliche Arten gibt, Extremtraumata und normalen Alltag im Gedächtnis zu "speichern", was dazu führt, dass die Erinnerung an das Trauma erschwert und fragmentiert wird. Es gibt daneben den Wunsch, das Geschehene, möglichst tief zu vergraben und nie wieder daran denken zu müssen. Die Fähigkeit mancher, das Geschehen komplett zu vergessen oder jedweden emotionalen Bezug dazu zu kappen, hilft ihnen zwar erst mal zu überleben, macht es ihnen aber später, wenn sie in Sicherheit sind, schwerer, den Missbrauch zu verarbeiten. Oft leiden sie unter für sie selber unerklärlichen diffusen Angstzuständen, permanentem "unter Strom stehen", unverständlichen Verhaltensweisen,... , Reaktionen auf durch Schlüsselreize ausgelöste unbewußte Erinnerungen und ein durch das Bedrohungsgefühl bedingter Daueralarmzustand.
Wenn es nicht möglich ist, das Geschehene ganz zu vergessen, versuchen zahlreiche Jungen, die damit verbundenen Gefühle zu vergessen. Sie kappen gewissermaßen die Verbindung zu ihnen. Eng verknüpft mit der Abspaltung der mit dem Missbrauch verbundenen Emotionen, ist die Bagatellisierung.
Immer wieder tauchen in Beratungsstellen Männer auf, die zwar detaillierte Erinnerungen an die erlebte sexualisierte Gewalt haben, aber keinen Zugang zu den damit verbundenen Emotionen. Auch Männer, die sich bereits mit der erlebten sexualisierten Gewalt auseinandersetzen, vertreten in Gruppen z.B. die Ansicht, bei ihnen sei das alles nicht so schlimm gewesen und es habe ihnen nicht so viel geschadet. Bei einigen Betroffenen, sowohl Jungen, als auch Männern, findet eine Umdeutung statt. Die sexualisierte Gewalt wird als erste Einführung in die Sexualität gedeutet, wobei sie eigentlich froh seien, dass sie durch eine erfahrene ältere Person erfolgt sei. Dies kann sogar so weit führen, dass die betroffenen Männer, obwohl sie im nachhinein klar erkennen, dass sie unter Druck gesetzt wurden und das Altersgefälle ausgenutzt wurde, der Ansicht sind, es sei ein einvernehmlicher sexueller Kontakt gewesen. Diese Umdeutung gibt es sowohl bei heterosexuellen Männern, die von einer Frau, also gegengeschlechtlich missbraucht wurden, als auch bei homosexuellen, die Opfer eines Manns gewesen sind. In diesen Kontext passt auch der Versuch, durch Konformität und Übererfüllung gesellschaftlicher Normen, unauffällig zu sein, damit nichts mehr passiert, und um sich zu beweisen, dass mann normal ist. Unter Umständen taucht erst nach Jahren, wenn eine gewisse Sicherheit entstanden ist, die Erinnerung an die erlebte sexualisierte Gewalt wieder auf.
Es ist eine Minderheit der missbrauchten männlichen Kinder Jugendlichen, die zu auffälligen, aggressiven oder kriminellen Methoden greifen, um den Abgrund zwischen Schein und Sein zu verdecken. Ein Teil wendet sich selbstzerstörerischen Verhaltensweisen, wie Alkohol- und Drogenkonsum zu. Wenn sie sich hilfesuchend an eine Beratungsstelle wenden, erfahren sie meist, dass sie erst von der Droge runter sein müssten, ehe eine Bearbeitung der Missbrauchserfahrung möglich sei. Da Folgen der Missbrauchserfahrung aber Ursache ihres Drogenkonsums sind, sehen sie sich dazu nicht in der Lage und befinden sich in einem Teufelskreis. Diese Männer benötigen dringend ein Angebot, dass nicht das trocken, bzw. clean sein als Startbedingung hat. Zu den auffälligen Methoden der Bewältigung zählt auch das vermeintlich besonders männliches Verhalten von einigen, die so versuchen, andere und vor allem auch sich selber zu überzeugen, dass sie ein toller Kerl und z.B. der Herr im Hause sind. David Finkelhor (1986) vertritt die These, dass die Täterverhalten zum Ausgleich eigener Opfererfahrungen vor allem dann entwickelt würde, wenn es keine Möglichkeit gäbe, Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz zu erlernen. Auch müssen das Erniedrigungsgefühl und die Scham sehr groß sein. Es ist darüber hinaus bekannt, dass, wie bei jeder Folgeerscheinung, auch hier mehrere Faktoren ineinander greifen. Gerade Erfahrungen als Opfer körperlicher Misshandlung scheinen ein wichtiger Teil möglicher Ursachen späteren Täterverhaltens zu sein. Einer der Gründe, die verhindern, dass betroffene Männer sich Hilfe holen können, scheint die Scham zu sein. Dabei geht es weniger um eine rationale Ebene, um eine direkte Scham für den Missbrauch, als um ein tief liegendes Gefühl, einen Teil von sich verstecken zu müssen und eine Maske aufrecht erhalten zu müssen, weil das dahinter Liegende schlecht und peinlich ist. Der Übergang zu den Problemen mit dem Selbstwertgefühl, die viele haben, ist fließend. Männer, bei denen diese Scham sehr groß ist, finden nur in seltenen Fällen den Weg in eine Beratungsstelle. Eine Möglichkeit, hier die Hemmschwelle herabzusetzen, ist öffentliche Aufklärung: Es ist notwendig, genau diesen Mechanismus öffentlich zu beschreiben, damit sich die Betroffenen wieder erkennen und so einen leichteren Zugang finden. Folgen sexualisierter Gewalt gegen Jungen:Schwierigkeiten, die eigenen Gefühlen wahrzunehmen, Ängste, ein gestörtes Selbstwertgefühl und DepressionenHenri Julius (2000) stellt in einer Auswertung bisheriger Untersuchungen fest, "dass sowohl sexuell missbrauchte Jungen und männliche Jugendliche, als auch Männer, die in ihrer Kindheit sexuellen Gewalterfahrungen ausgesetzt waren, durch eine große Bandbreite psychischer Symptome von den jeweiligen Kontrollgruppenmitgliedern unterscheiden." Weil diese Untersuchungen aber an einigen Punkten an ihre Grenzen gestoßen sind, bemerkt er weiter, dass "lediglich für die depressiven Symptome im Erwachsenenalter" Hinweise vorlagen, "die einen kausalen Zusammenhang... wahrscheinlich machen". Nicht nur aus der Praxis ist bekannt, dass die Folgen sexualisierter Gewalt immer von mehreren Faktoren abhängen und dass die gleichen Symptome durchaus auch unterschiedliche Ursachen haben können. Um so erstaunlicher ist es, dass es an einem Punkt gelungen ist, einen Zusammenhang nachzuweisen. Nicht jedes Erleben sexueller Gewalt muss traumatisierend sein und nicht jede Traumatisierung hat lebenslange Folgen. Unter Trauma wird ein Erlebnis verstanden, dass mit den normalen, zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, nicht verarbeitet und bewältigt werden kann. Ob also etwas traumatisierend ist, hängt sowohl vom Ereignis, als auch von den Ressourcen ab, die der betroffenen Person zugänglich sind. Und was für Folgen ein Trauma nach sich zieht, hängt u.a. davon ab, was für Möglichkeiten zur Verarbeitung zur Verfügung stehen und gestellt werden. Ein starkes, sicheres Grundvertrauen des Kindes und ein unterstützendes Umfeld, das angemessen hilft, erleichtern manches. In dem, was Männer bei Tauwetter berichten, was der Missbrauch bei ihnen für Folgen hinterlassen hat, stehen Schwierigkeiten, die eigenen Gefühlen wahrzunehmen (51,4%), allgemeine Ängstlichkeit (43,2%), und ein gestörtes Selbstwertgefühl (31,1%) im Vordergrund. Nach den Kriterien für eine Posttraumatische Belastungstörung sortiert, sind 31,1% in ihrer sozialen Reaktionsfähigkeit eingeschränkt, vermeiden bestimmte Schlüsselreize, oder sind wie emotional gedämpft. 24,3% befinden sich in einem dauerhaft erhöhten Erregungszustand, was sich u.a.. in Schlafstörungen, permanenter Wachsamkeit oder Nervosität äußern kann. 9,5% erleben auch für sie rätselhafte, überfallartige Erinnerungsblitze, in denen sie, unter Umständen auf einer rein körperlichen Ebene, bruchstückhafte Erinnerungsschübe haben. Gerade die körperlichen Erinnerungen bringen viele Männer aber erst im Laufe der Aufarbeitung überhaupt mit dem Missbrauch in Verbindung. Die Zahl derjenigen, die unter diesen Flashbacks leiden, dürfte also wesentlich höher liegen. Bei den meisten Männern steht demzufolge als erstes eine Stabilisierung an und nicht eine direkte Konfrontation mit dem Trauma.
Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, können verschiedene Formen haben: Sie können sämtliche Gefühle betreffen, die meisten, oder nur einen geringen Teil; sie können fast immer auftreten oder zu bestimmten Zeiten; sie können dem Betreffenden bewusst sein oder gar nicht bemerkt werden; sie können Körpergefühle oder auch Emotionen betreffen. Zum Teil passen sie gut zu einem Form von Männlichkeit: Cool sein, eiskalt, abgebrüht, eben nicht von seinen Gefühlen beeinflusst. Aber eigentlich ist diese Art von Männlichkeit schon antiquiert. Der moderne Mann hat Gefühle und zeigt sie auch gelegentlich - aber er kontrolliert sie. Seine Gefühle nur eingeschränkt wahrzunehmen, heißt, sie eben nicht zu beherrschen. Das verunsichert und ist bedrohlich. Und so ist die heimliche Angst, "auf einen Vulkan zu sitzen", das Gefühl, was für viele Männer am klarsten ist. Sie befürchten, "wenn die Gefühle einmal ausbrechen, von diesen überschwemmt zu werden". Es tut sich hier der Verdacht auf, dass es eine Verbindung gibt, zwischen starken Gefühlsempfindungen überhaupt und der Erfahrung des "Überschwemm-Werdens" mit stark negativen Gefühlen in der Missbrauchssituation. Diese Angst, Gefühle zu zu lassen, führt natürlich auch oft zu Problemen in der Partnerschaft.
Es ist nur auf den ersten Blick erstaunlich, wie wenig Männer angeben, unter psychosomatischen Folgen zu leiden (8,1%). Bei genauerem Hinsehen stellt sich schnell heraus, dass viele sehr wohl unter zum Teil heftigsten psychosomatischen Folgen leiden, diese aber nicht wahrnehmen. Dies ist nicht nur ihrer Schwierigkeit, ihre Körpergefühle wahr zu nehmen geschuldet, sondern auch ihrer Vorstellung von Männlichkeit, zu der eine Missachtung der eigenen körperlichen Schwächen und Gebrechen gehört. Angst zu haben, ist nicht gerade das, was als besonders männlich gilt. So versuchen Männer und Jungen oftmals ihre Ängste zu vertuschen und zu umgehen. Sie entwickeln die verschiedensten Formen von Vermeidungsverhalten.
Diese Ängste sind eng mit Problemen mit dem eigenen Selbstwertgefühl verwoben. Störungen des Selbstwertgefühls äußern sich oft darin, dass die jeweiligen Männer zwischen absolut unrealistischer Selbstüberschätzung, und Phasen pendeln, in denen sie sich "wie das letzte Stück Scheiße" vorkommen und vollkommen handlungsunfähig sind. Solche depressiven Zustände sind häufig von einer abgrundtiefen Traurigkeit und Verzweiflung bestimmt, oder von einer totalen Leere und Beliebigkeit. Gerade die Zustände der Leere und Empfindungslosigkeit werden nicht nur durch normale Misserfolge hervorgerufen, sondern haben auch traumaspezifische Auslöser.
Depressionen bei Männern werden nach wie vor oft übersehen. Fast die Hälfte der Männer, die bei Tauwetter, Anlaufstelle für als Junge sexuell missbrauchte Männer in Berlin, in die Beratung kommen, klagen über Probleme mit dem Selbstwertgefühl (31,1%) oder mit der Geschlechtsrollenidentität (17,6%) und in diesem Zusammenhang werden depressive Zustände sehr oft beschrieben (32,4%). Dieses Geflecht von Folgen führt dazu, dass ein nicht unerheblicher Teil der Männer, wenn sie Anfang bis Mitte 30 Hilfe suchen, mit ihren Lebensentwürfen gescheitert ist. Einige sind arbeitsunfähig geschrieben, andere bekommen banale Sachen des Alltags, wie einkaufen oder sauber machen nicht geregelt, dritte sind zum wiederholten Mal von ihrer/m PartnerIn verlassen worden, nicht wenige haben Psychiatrieerfahrungen gemacht. Für sie gilt es, als erstes den Alltag zu stabilisieren. Bevor sie daran denken können, sich das Trauma anzugucken, brauchen sie Boden unter den Füßen, eine Basis, von der aus sie die nächsten Schritte unternehmen können. Oft hat dieses Wiedergewinnen der Fähigkeit, sein eigenes Leben ein Stück weit zu gestalten, selber schon geradezu therapeutische Wirkung, Das Geschlecht der TäterInnen:JedeR agiert in seinem/ihrem BereichNach wie vor sind entsprechend der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung die Mütter zuständig für die Kleinkinder, nicht die Väter. Mütter sind die ersten wichtigen Bezugspersonen, während Väter oft abwesend sind. Erst später, wenn sie beginnen, sich stärker nach außen zu orientieren, betreten Jungen einen der Männlichkeit zugeordneten Bereich, den öffentlichen Raum. TäterInnen, egal welchen Geschlechts, missbrauchen bevorzugt in von ihnen kontrollierten Situationen. Es ist nur zwangsläufig, dass deshalb bei den Jungen, die von Männern missbraucht werden, mehr Täter aus dem Umfeld der Familie und mehr Fremdtäter zu finden sind, als bei Jungen, die von Frauen missbraucht wurden. Dies erklärt auch, warum Mütter anteilsmäßig in der Gesamtgruppe der missbrauchenden Frauen höher vertreten sind, als Väter in der Gesamtgruppe der missbrauchenden Männer. Männer haben einen einfacheren Zugriff auf Jungen außerhalb der Familie, als Frauen. Hinzu kommt die Tatsache, dass viele Jungen mit einem abwesenden Vater aufwachsen. Sie haben ein großes Bedürfnis, nach männlichen Bezugspersonen und werden dementsprechend leichter Opfer von Tätern von außerhalb der Familie, die diese Bedürftigkeit genau sehen. Es gibt Anzeichen dafür, dass Jungen, die von Frauen missbraucht werden, im Mittel zum Zeitpunkt des Beginns des Missbrauchs jünger sind, als die, die Opfer von Männern werden. Auch dies kann der Ursache geschuldet sein, dass Jungen mit zunehmendem Alter aus dem Machtbereich der Mütter in den männerdominierten öffentlichen Raum wechseln.
Das Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit und die darauf basierende Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern hat noch eine weitere Folge: Frauen wird weniger zugetraut, dass sie missbrauchen, als Männern. In dem Moment, wo ein Mann pflegerische Aufgaben für ein Kind übernimmt, wird ihm oftmals misstrauisch, mit der Frage nach seinen Motiven begegnet. Das Umfeld ist dann aufmerksamer und Übergriffe werden schneller bemerkt. In den letzten Jahren hat sich teilweise aber auch eine umgekehrte Tendenz bemerkbar gemacht: Durch die Diskussion um die Notwendigkeit, dass Jungen eine männliche Bezugsperson brauchen, sind manche Mütter so froh darüber, jemand zu haben, der sich mit dem Sohn gut versteht, dass sie ihren eigenen Gefühlen, dass "da etwas komisch ist", nicht mehr trauen und nachgehen. Gerade die Argumente der "neuen Väter", sie hätten ein Recht auf ihren Sohn und umgekehrt, wird von einer Reihe Täter gezielt benutzt, um ungestörter vorgehen zu können. Hier braucht es einen klaren Blick, der versucht sich von den eigenen Bildern frei zu machen, und die Bereitschaft, den eigenen Gefühlen nach zu gehen. Ob ein Junge von einem Mann oder einer Frau sexuell missbraucht wird, hat durchaus verschiedene Konsequenzen. Was sich auswirkt, sind allerdings nicht irgendwelche biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, sondern ist die unterschiedliche Bedeutung, die Männer bzw. Frauen für den jeweiligen Jungen haben. Erwachsene Männer, die als Junge von einer Frau missbraucht wurden klagen tendenziell häufiger darüber, dass sie Ängste im Umgang mit anderen Menschen haben, als von Männern missbrauchte. Im Regelfall haben Kinder eine enge Bindung an ihre Mutter. Sie erleben sie als diejenige, die Zuneigung, Fürsorge, Trost und Schutz gewährt. Der Vater übernimmt in den seltensten Fällen diese Aufgaben. Wenn jetzt die Person, der sie mit positiven Gefühlen von Vertrauen und Liebe begegnen, ihnen sexualisierte Gewalt zufügt, stimmt dies mit ihrem Gefühl zu der Person überhaupt nicht überein. Dementsprechend groß ist die innere Verwirrung, die Hilflosigkeit und die Ohnmacht. Anscheinend kann die engste und nächste Person schlagartig zur Bedrohung werden, wem kann mensch da noch trauen? Es ist naheliegend, dass Männer, die als Jungen von Frauen missbraucht wurden, häufiger benennen, eine prinzipielle Angst vor anderen Menschen zu haben. Männer, die als Junge von einem Mann missbraucht wurden, erzählen häufiger, dass sie Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl haben. Diese Erfahrung deckt sich mit den Ergebnissen aus der Forschung (Julius 2000). Diese Männer können sich selber, ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten nur schwer einschätzen und haben ein unrealistisches Selbstbild. Sie sind sich in ihrer Einschätzung unsicher und haben oft das Gefühl nicht zu wissen, was sie sind. Offensichtlich wird die Entwicklung eines klaren Selbstwertgefühls nicht nur durch die Ohnmachterfahrung, die Reduzierung zum Objekt und damit die Negierung der eigenen Person durch den Missbrauch behindert. Es scheint, dass darüber hinaus im Bezug auf die Herausbildung einer eigenen Identität, sexuelle Gewalt durch ein Mitglied des gleichen Geschlechtes wesentlich verunsichernder wirkt. Möglicherweise ist es leichter, sich vom anderen Geschlecht abzugrenzen. Für diese Annahme spricht, dass hauptsächlich Männer, die als Junge von Männern missbraucht wurden, benennen, dass sie Angst haben, selber zum Täter zu werden. Bei Zartbitter Köln fragte einmal sogar ein erst 8 Jahre alter Junge, "ob er jetzt werde, wie der". Auch die Möglichkeit der Umdeutung könnte für gegengeschlechtlich missbrauchte, heterosexuelle Männer erleichternd gewesen sein, obwohl sie zum Zeitpunkt der Benennung der Folgen diese Umdeutung aufgegeben hatten.
Ein weiterer Punkt ist bei diesem Komplex fatal: Männer, die als Junge von einer Frau missbraucht wurden, existieren in der öffentlichen Meinung fast gar nicht. Lediglich einige obskure Maskulinisten und Mitglieder der Täterlobby äußern sich lautstark und versuchen das Leid der Betroffenen für sich zu nutzen. Die Erfahrung der betroffenen Jungen und Männer entspricht nicht den herrschenden Vorstellungen von Männlichkeit, bzw. Weiblichkeit. Sie wird durch die öffentliche Ignoranz negiert, was für die Betroffenen nicht nur schmerzhaft ist, sondern die Hürde, sich Hilfe zu holen, noch einmal höher setzt. Es ist für männliche Opfer sexualisierter Gewalt eh schon oft eine lange Odyssee, bis sie adäquate Hilfe finden. Jungen, die von Frauen missbraucht werden, müssen noch einmal wesentlich länger suchen. Und, wie die Erfahrung zeigt, müssen sie, wenn sie dann eine Beratungsstelle gefunden haben, wesentlich mehr und ausführlicher erzählen, als Opfer von Männern. Chancen bei der Bewältigung des Traumas:Männermacken nutzenIn der Traumatherapie, aber auch teilweise in der Arbeit in Selbsthilfegruppen, werden eine Reihe von imaginativen Techniken zur Stabilisierung eingesetzt. Luise Reddemann (2001) schlägt u.a. vor,
In diesen Übungen wird versucht, an die Ressourcen, die das Opfer hat, anzuknüpfen. Unter Umständen hat es einige gerade zur Bewältigung der Missbrauchserfahrung entwickelt, wie z.B. die Fähigkeit zur Dissoziation. Solche Fähigkeiten haben ihre Funktion, trotz ihrer schädlichen Komponenten. Es gilt sie zu nutzen, damit sie irgendwann nicht mehr benötigt werden und abgelegt werden können. Einige Folgen sexualisierter Gewalt gegen Jungen, die oft als typische Männermacken gesehen werden, lassen sich durchaus in diesem Zusammenhang nutzen, gerade in der Stabilisierung gilt es phantasievoll an den Fähigkeiten jedes einzelnen anzuknüpfen. Einige Beispiele:
Je nach Person gibt es verschiedene Anknüpfungspunkte für verschiedene Stabilisierungsübungen. Dabei hat es sich als durchaus nützlich erwiesen, ganz pragmatisch wo möglich erlernte, typisch männliche Schemata produktiv zu nutzen. Das notwendige Einüben typisch weiblicher Verhaltensweisen, wie das Spüren und Ausdrücken von Gefühlen, ist für viele schon schwer genug. Stabilisierung hat verschiedene Aspekte. Dazu gehört sowohl die psychische Seite, als auch die soziale, materielle Ebene. Ein fester Boden unter den Füßen ist nicht nur die Voraussetzung für die Traumakonfrontation, sie ist in einigen Fällen auch ausreichend, damit der Betreffende selber, Stückchen für Stückchen das Erlebte integrieren kann. Wenn es gelingt, männlichen Opfern sexualisierter Gewalt zu helfen, das Trauma zu integrieren, ist das auch ein Beitrag, die herrschende Männlichkeit zu verändern eine Männlichkeit in der sexualisierte Gewalt integraler Bestandteil ist.
Fußnoten:
Literaturliste:Bagley, C. / Wood, M. / Young, L. 1994: Victim to Abuser: Mental Health and Behavioral Sequels of Child Sexual Abuse in a Community Survey of Young Adult Males. In: Child sexual Abuse & Neglect, 18/1994 Connell, Robert W. 1999: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Oppladen: Leske + Budrich Finkelhor, David 1986: A Sourcebook on Sexual Abuse. Newbury Park Julius, Henri 2000: Die Folgen sexuellen Missbrauchs an Jungen: eine Metaanalyse. Institut für Psychologie Universität Potsdam Reddemann, Luise 2001: Imagination als heilsame Kraft, Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. Stuttgart: Klett-Cotta |
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