Informationsveranstaltungen / Workshops
zum Thema sexuelle Gewalt gegen Jungen
für jugendliche Jungen ab der 7. Klasse
Seit Frühjahr 2004 macht Tauwetter, Anlaufstelle für Männer, die als Junge sexuell missbraucht wurden, Informationsveranstaltungen mit Workshopcharakter für Jungen zum Thema sexuelle Gewalt gegen Jungen. Angeregt wurde dies durch die Kooperation mit Wildwasser, die ähnliches für Mädchen sowohl zum Thema häusliche Gewalt als auch zum Thema sexuelle Gewalt gegen Mädchen machen.
Zielsetzung:
Mit den Informationsveranstaltungen sollen den beteiligten Jungen Möglichkeiten eröffnet werden, sich Hilfe zu holen, wenn ihre sexuellen Grenzen überschritten werden und/oder sie Opfer sexueller Gewalt werden. So soll präventiv gegen sexuelle Gewalt gewirkt werden, sowohl im Sinne einer Primärprävention (Schutz vor sexueller Gewalt) als auch einer Sekundärprävention (Schutz und Unterstützung der Opfer sexueller Gewalt).
Durchführung:
Während einer Doppelstunde - oder besser während eines ganzen Vormittags - werden von den Mitarbeitern von Tauwetter u.a. Informationen zum Thema vermittelt (Formen sexueller Gewalt, Aufteilung Täter / Täterinnen, Vorkommen innerfamiliär / Nahbereich / Fremdtäter...). Ausführlich wird auf die Fragen der Jungen eingegangen (Wer macht so was? Wird man davon schwul?...). Dazu werden situationsabhängig in der Präventionsarbeit bewährte Materialien (z.B. in Comicform zum Mitnehmen) und Formen (Brainstorming, spielerische Fragerunden...) eingesetzt.
Als für die Jungen zentrales Ereignis stellt sich meist heraus, dass sich die Mitarbeiter von Tauwetter selber als Opfer sexueller Gewalt zu erkennen geben. Sie stehen den Jungen auch für Nachfragen zur Verfügung. So wird sexuelle Gewalt als Realität erkennbar und bleibt nicht länger irgend etwas, was weit weg ist und schlimmstenfalls anderen passiert. Dies ist Voraussetzung, die bisher geleugnete sexuelle Gewalt gegen Jungen und eventuell widerfahrene eigene Grenzverletzungen wahrnehmen zu können. Gleichzeitig wird so die Vorgabe "Darüber spricht mann nicht" durchbrochen. Die Mitarbeiter von Tauwetter zeigen durch ihre Arbeit auf, dass es möglich ist, sich mit den eigenen Gewalterfahrungen produktiv auseinanderzusetzen. Sie wirken so herrschenden Opferbildern und einer Stigmatisierung von Opfern entgegen.
Einen großen Raum nehmen die Möglichkeiten ein, sich Hilfe zu holen. Dabei wird darauf geachtet, dass die Grenzen der Jungen geachtet werden. Es wird z.B. meist nicht darüber geredet, "wo finde ich Hilfe, wenn mir so etwas passiert", sondern, "was könnte ich tun, wenn einem Freund von mir so etwas passiert". Dies fördert gleichzeitig die Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe. Gemeinsam mit der Gruppe werden sowohl individuelle als auch allgemeine Unterstützungs- und Hilfsangebote erarbeitet. Wenn möglich wird der individuelle Teil von den Jungen selber verschriftlicht, beide Teile werden von ihnen mitgenommen.
Die Mitarbeiter versuchen die Einheit gemeinsam z.B. mit einer Abschlussrunde zu beenden.
Angemessene Zeit für Vor- und Nachbesprechungen mit den PädagogInnen sollte zur Verfügung stehen. In diesen erhalten sie u.a. Informationsmaterial über das Thema und einen adäquaten Umgang mit Verdachtsmomenten. Falls in einer Schule mit mehreren Klassen gearbeitet wird, ist auch eine Informationsveranstaltung für das Kollegium sinnvoll.
Der Schwerpunkt wird von unserer Seite aus auf sexuelle Gewalt gegen Jungen gelegt. Falls sich aber herausstellen sollte, dass für die Jungen häusliche Gewalt das zentrale Thema ist und dass sie sonst keinen Raum haben, über diese zu sprechen, wird versucht, auch dies zu berücksichtigen. Das Angebot ersetzt nicht die klassische Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch und auch nicht die gewaltpräventive Arbeit. Es stellt eine Ergänzung dazu dar. |