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Hilfen für die Selbsthilfearbeit

Zugang zu den eigenen Gefühlen bekommen

In der Selbsthilfegruppe könnt Ihr über alle erdenklichen Themen sprechen, die Eure persönliche Geschichte, den erlebten sexuellen Missbrauch betreffen. Oft geschieht das aber in einer Form, die viele selbst als zu "kopfig", zu abstrakt oder analytisch empfinden. Dann wird mehr über Gefühle gesprochen, als sie zu empfinden oder den anderen zu zeigen. Die Angst, dass einen die eigenen Gefühle überwältigen könnten oder dass Mann vor den Anderen schutzlos dastehen könnte, ist manchmal sehr groß. Besonders gegenüber Männern fällt es schwer, die sogenannten "schwachen" Gefühlen wie Traurigkeit, Angst, Hilflosigkeit oder Einsamkeit zu zeigen.

Und selbst wenn Du es willst, ist es oft schwer, Deine eigenen Gefühle überhaupt wahrzunehmen, sie als zu Dir gehörig zu akzeptieren und sie auszudrücken - sei es körperlich oder mit Worten. Es gibt verschiedene Hilfsmittel, die förderlich sein können, die eigenen Gefühle zu spüren.

Im folgenden einige Vorschläge und Ideen, mit denen wir bei Tauwetter in verschiedenen Selbsthilfegruppen gute Erfahrung gemacht haben, zuerst die, in denen es darum geht, was Du selber tun kannst:

Was kann ich für mich tun?

Wie geht es mir?

Frage Dich immer wieder: Wie geht es mir gerade - hier und in diesem Augenblick? Dafür kannst Du schon den Anfangsblitz nutzen, aber stelle Dir die Frage auch ruhig häufiger während des Gruppenabends. Wichtig dabei ist, alle spontan empfundenen Gefühle, die sich bemerkbar machen, ernst zu nehmen. Das heißt, sie zum Beispiel nicht nach einer inneren Rangliste abzuwerten und zu zensieren. Versuch einer sich in Dir breitmachenden Langeweile, einer Verwirrung oder einem tiefen Müdigkeitsgefühl dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken, wie den 'klareren' Gefühlen wie Wut, Freude, Trauer, Angst usw.

Oft finden Gefühle nicht den Weg ins Bewußtsein, so dass Mann sie benennen oder aussprechen könnte. Häufig machen sie sich dann aber auf irgendeine Art körperlich bemerkbar. Statt nach Deinen Gefühlen zu "fahnden" - die sich dann erst recht verstecken - kannst Du Deine Aufmerksamkeit auf Deine körperlichen Empfindungen lenken: "Halte ich den Atem an? Sitze ich verspannt auf meinem Stuhl? Schnürt es mir gerade die Kehle zu? Werde ich unruhig? Da ist so ein unangenehmer Druck im Bauch! Meine Füße werden kalt! Es schüttelt mich innerlich! Krieg' ich schon wieder Kopfschmerzen?" (Wenn Du merkst, dass Dir das direkte ‘Aufspüren‘ nicht so leicht fällt, kannst Du Deinen Körper ‘systematisch’ von oben nach unten durchgehen). Du machst sozusagen einen Körpercheck.

Jeder kennt sicherlich einige Symptome, die ihn immer wieder "heimsuchen", wenn die Situation überfordernd oder bedrohlich wird. Viele andere körperliche Empfindungen und Signale sind im Lauf der Jahre schon so vertraut geworden, dass Mann sie kaum noch wahrnimmt. Aber - im Gegensatz zum Kopf - betrügt Dich der Körper nur selten und will Dir mit den Symptomen meist etwas Wichtiges mitteilen, vor dem Du gerne ausweichen oder die Augen verschließen würdest, z.B.: "Achtung, jetzt wird's brenzlig für Dich - pass gut auf Dich auf!" oder "Hey - Du bist gerade verletzt worden! Schütze Dich vor weiterer Verletzung!"

Die Körpersignale wahrzunehmen muß nicht heißen, sie sofort deuten und erklären zu müssen. Aber ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und sie ernst zu nehmen heißt, sich mit dem eigenen Körper und der daran gebundenen Gefühlswelt wieder anzufreunden. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg des "Heilwerdens". Denn im sexuellen Missbrauch wurde Dein Körper und die Gefühle fremden Bedürfnissen unterworfen. Oft resultiert aus dem Missbrauch eine quälend empfundene Fremdheit gegenüber dem eigenen Körper, manchmal sogar gesteigert bis zum Selbstekel und Körperfeindlichkeit (Selbstzerstörerisches Verhalten, Drogensucht usw.).

In der geschützten Atmosphäre der Gruppe gibt es für Dich hoffentlich die Möglichkeit, Dich den vernachlässigten Anteilen Deines Selbst annähern und sie allmählich für Dich - statt gegen Dich - einzusetzen.

Was löst das Gehörte bei mir aus?

Wenn ein Anderer von sich erzählt, kannst Du darauf achten, was dessen Geschichte bei Dir auslöst: Macht Dich das Gehörte traurig? Wütend? Hilflos? Also nicht nur zuhören, um den Anderen dann eine gute Rückmeldung geben zu können (was Du auch machen kannst), sondern um zu spüren, "was kenne ich davon bei mir?" oder "wie hätte ich in dieser Situation reagiert?". Diese Gefühle oder auch Erinnerungen kannst Du dann den Anderen mitteilen.

Pausen zulassen

Oft wird versucht, während des Abends auftretende Gesprächspausen so schnell wie möglich zu beenden. Das Schweigen, die Stille im Raum wird als belastend oder peinlich empfunden. Der wachsende Druck. "Ich muß jetzt etwas sagen, damit es weitergeht", nimmt Dir aber unter Umständen die Möglichkeit, in Dich hineinzuhorchen und zu spüren, was das zuletzt Gehörte bei Dir ausgelöst hat. Manchmal will Mann möglichst schnell weiterreden, um das nicht wahrnehmen zu müssen. Die Pause bietet Dir die Gelegenheit und die Ruhe, dem nachzuspüren.

Hilfsmittel (Fotos o.ä.) nutzen

Ein mitgebrachtes Foto (von Dir als Kind, aus der Familie, mit dem/r Täter/in drauf o.ä.) kann Dir helfen, die Hemmschwelle zu überwinden, etwas aus Deiner persönlichen Geschichte zu erzählen. Dabei ist es hilfreich , sich auf einzelne Fragestellungen zu konzentrieren: Was lösen die auf dem Foto abgebildete/n Person/en heute bei Dir aus? Siehst Du Dich zum Beispiel selbst auf dem Bild als das vernachlässigte und mißhandelte Kind, das Du vielleicht noch heute in Dir spürst? Was für eine Beziehung hatten die anderen Personen zu Dir, wie fühlt sich das heute an? Oder zeigt das Foto eine Szene, die für Deine damalige Situation typisch war: "So wie hier auf diesem Bild, wurde ich immer gegen meinen Willen angezogen. Ich hab's gehaßt, aber mein Protest half nichts." Außerdem kannst Du die anderen bitten zu sagen, was sie aus dem Foto herauslesen.

Ein Foto kann möglicherweise Türen zu Deinem 'emotionalen Gedächtnis' öffnen, die bisher verschlossen waren. Empfehlenswert ist, nur ein oder zwei Fotos bewußt auszuwählen, die Du mitbringen willst, und Dich nicht im Zeigen von zu vielen Fotos zu verlieren.

Ähnliches ist auch mit anderen persönlichen Gegenständen denkbar: Mit einem Kuscheltier, einem Kinderbuch, einem Bild, einem Brief oder einem Tagebuchausschnitt.

Verschiedene Ausdrucksformen nutzen

Wenn Du feststellst, dass Du Schwierigkeiten hast, Deine Gefühle in Worte zu fassen, kannst Du Dir überlegen, ob es andere Ausdrucksformen gibt. Manchmal ist es ein innerer Schrei voller Verzweiflung, für den es keine Worte gibt, den Du aber vielleicht rauslassen kannst. Auch eine Geste kann unter Umständen viel ausdrücken. Anderen liegt es eventuell näher, Szenen vorzuspielen, oder eine Schutzmauer aus Sitzkissen vor sich aufzubauen, um dahinter zu weinen. Was für viele auch eine Ausdrucksmöglichkeit gewesen ist, ist Malen. Dabei geht es nicht um irgendeine künstlerische Qualität der Bilder sondern darum, zu versuchen Gefühlen einen Ausdruck zu verleihen. Es kann eine regelrechte Annäherung an die eignen Gefühle sein, nacheinander Bilder zu verschiedenen Gefühlen, wie Wut, Angst, Freunde, Mut, Trauer... zu malen.

Zur Erinnerung: Es gibt in der Gruppe keinen Zwang, Deine Gefühle zu spüren - und schon gar nicht, sie den Anderen zu zeigen! Du brauchst Dich mich damit nicht unter Druck zu setzten - und die Anderen auch nicht! Du kannst Dich jederzeit wieder in die Sicherheit des 'Nicht-Fühlens' zurückziehen. Dort, in der vertrauten Sicherheit Deines 'Schneckenhäuschens' kannst Du dann Mut und Kraft sammeln für den nächsten 'Ausflug' in Deine Gefühlswelt.

Und es ist auch wichtig, Dir immer vor Augen zu halten, dass Du es selber bist, der das was bei Dir abläuft kontrollieren kann. Das gilt in beide Richtungen: Du kannst Dich öffnen, und Du kannst Dich emotional zurückziehen, wenn Dir etwas zuviel wird und Du zuviel Angst bekommst, überflutet zu werden. Dieser Ausstieg kann in der Gruppe sowohl durch die Konzentration auf die "Unbeteiligten", als auch durch Rückzug an einen inneren sicheren Ort (s.u.) sein.

Soweit einige Vorschläge, wie Du auf Dich selbst achten und für Dich sorgen kannst. Auf der anderen Seite können alle sich auch gegenseitig helfen, Kontakt zu ihren Gefühlen zu kriegen und bei sich zu bleiben.

Wie kann ich die anderen unterstützen?

Rückmeldung: Wie nehme ich den anderen wahr?

Möglich ist das durch Rückmeldung, wie Du die anderen wahrnimmst. Das kann sich auf die erzählten Inhalte und Gefühlsäußerungen ebenso beziehen, wie auf die körperliche Wahrnehmung der anderen Person. Das sollten möglichst keine wertenden oder kritisierenden Aussagen sein. Einige Beispiele:

"Das hat mich sehr berührt, was Du gerade erzählt hast. Jetzt verstehe ich mehr von Deiner Verzweiflung."

"So wie Du das erzählt hast, sehe ich das alleingelassene Kind förmlich vor mir. Übrigens haben sich auch Deine Stimme und Dein Gesicht dabei verändert."

"Auf mich machst Du jetzt einen entspannteren Eindruck als vorhin. Empfindest Du das auch so?"

Oft ist es sinnvoll einfach zu fragen: "Wie geht es Dir gerade, was fühlst Du, wo Du das erzählt hast?", wenn jemand dabei ist, relativ unbeteiligt 'über' seine Gefühle zu sprechen, sie rationalisiert.

Erzählter Inhalt und die dazugehörige Körpersprache klaffen manchmal deutlich auseinander. So erzählt z.B. ein Mann, dass ihn jemand verletzt hätte und er wütend sei - aber er lächelt die ganze Zeit beim Erzählen. Ihm ist in diesem Moment die Gefühlsabspaltung gar nicht bewußt. Seine berechtigte Wut macht ihm Angst. Deshalb läßt er das Gefühl nicht zu. Der Hinweis von jemand anderem auf den Widerspruch zwischen benanntem Gefühl und Mimik, kann eine Chance sein, sich dessen bewußt zu werden.

Rückmeldung: Was hat das Gehörte bei mir ausgelöst?

Wie oben schon erwähnt, kannst Du dem Anderen auch mitteilen, was das Gehörte bei Dir selber ausgelöst hat. Manchmal fällt es leichter, die eigenen Verletzungen zu zu lassen, wenn ich von Anderen gehört habe, wie es ihnen ergangen ist, während ich erzählt habe. Es kann aber auch um gute Gefühle und Erfolge gehen, die ich mir schlecht eingestehen kann, weil ich mich sowieso für einen Looser halte.

Bereitschaft zum Zuhören signalisieren

Manchmal bricht jemand beim Erzählen an einem offensichtlich heiklen Punkt ab oder weicht auf ein anderes Thema aus. Hier kannst Du z.B. fragen: "Ich habe den Eindruck, dass du gerade an einem heißen Thema warst. Stimmt das? Möchtest Du darüber mehr erzählen?" So ermöglichst Du ihm eventuell etwas schmerzliches auszusprechen, was er glaubte den Anderen - und sich - nicht zumuten zu dürfen.

Rückmeldungen bergen die Gefahr, als Angriff oder distanzierende Kritik empfunden zu werden. Schließlich erfüllen über Jahre eingeschliffene Verhaltensmuster oft die Schutzfunktion, die (noch) nicht offen angehbaren Probleme und Gefühle erträglich zu machen. Rührt jemand daran - sei's auch nur durch einen Hinweis darauf - wird der mühsam erreichte (zwar 'faule', aber doch überlebenswichtige) Kompromiß in Frage gestellt. Hinweise und Rückmeldungen an andere Männer sollten deshalb grundsätzlich Angebote sein und Du solltest sie auch so formulieren - keineswegs als 'Du-mußt-das-doch-auch-so-sehen-Botschaft'! (Obwohl einem das manchmal auf der Zunge liegt) Ungeduldiges 'Drängeln zur Einsicht' hilft selten - schadet aber oft.

Bei all diesen Vorschlägen geht es um die grundsätzliche Idee, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Du es Dir gemeinsam mit den anderen Männern ermöglichst, über Eure Geschichte von sexuellem Missbrauch zu sprechen, Verletzungen zu zeigen und Gefühle auszudrücken. Wichtigste Orientierung für ein Eingreifen, Nachfragen oder Rückmelden sollte möglichst immer ein persönliches Interesse am Austausch mit den anderen Männern sein! Sonst rutscht Du schnell in die Rolle eines distanzierten und unbeteiligten Beobachters. Und das tut weder Dir noch den Anderen gut. Wenn Du feststellst, dass Du distanziert beobachtest, kann das auch ein Hinweis sein, mal zu gucken, was das Gehörte eigentlich gerade mit Dir macht.

Umgang mit Konflikten

Aus dem bisher Gesagten ist eigentlich schon klar, dass es in einer Selbsthilfegruppe genügend Zündstoff für Konflikte gibt. Diese lösen oft bei einzelnen große Angst aus. Vielleicht wurde Dir zu Hause als Kind die Rolle eines Schlichters zwischen Deinen erwachsenen Eltern zugewiesen? Dann ist es schwer, nicht sofort vermittelnd einzugreifen, sondern den Anderen Zeit zu lassen, ihren Konflikt vielleicht selber zu klären. Viele Überlebende sexueller Gewalt haben später sehr viel "wunde Punkte": Sehr schnell fühlt sich der eine benutzt, sehr schnell vermutet ein anderer einen Angriff auf sein Wahrnehmungsvermögen, viele fühlen sich von jemand anderem verletzt, obwohl der das gar nicht beabsichtigt hatte. Wir haben als Männer normalerweise nicht gelernt, das zu artikulieren und zu klären, was das Gegenüber beabsichtigt hatte. Normal ist, dass wir uns "dicht machen" und "zurückschlagen" (im wörtlichen und im übertragenen Sinn). Dazu kommt, dass wir es eher gewohnt sind, andere Männer als Konkurrenten oder als Rivalen zu begreifen und zu bekämpfen, anstatt uns gegenseitig zu helfen und uns zu unterstützen. Auch eine Selbsthilfegruppe von ehemaligen Opfern sexualisierter Gewalt ist nicht frei von Machtkämpfen.

Gerade in solchen Konflikten ist die Vereinbarung "Jeder redet von sich" wichtig. Sie lassen sich eigentlich nur bewältigen, wenn jeder einzelne bei sich bleibt und von seinen Gefühlen redet und nicht dem Gegenüber erklärt, was der gemacht hat. Es ist schwer, gerade dann, wenn Du Dich angegriffen fühlst und eigentlich alle Reflexe Dir raten, jetzt bloß keine Schwäche zu zeigen, zu sagen "Ich bin verletzt", den Schmerz zuzulassen und eventuell sogar zu weinen. Bei vielen ist das starke Gefühl dann, die Aggression und die Wut. Dahinter verbirgt sich oft Angst, Verletzung und Traurigkeit. Dieser schwierige Weg hilft, weil Du dichter an Deine versteckten Gefühle kommst. Dein Gegenüber hat eher die Möglichkeit, zu reflektieren, ob er das wirklich so beabsichtigt hat, kann eher seine Gefühle spüren und sich eventuell entschuldigen. Oft stellt sich raus, dass sich einer von Euch oder auch beide, nicht miteinander, sondern mit eineR GegnerIn aus der Vergangenheit gestritten haben. Die einzelnen erfahren so unter Umständen mehr über sich selber und können anfangen, besser für sich zu sorgen. (Vielleicht gibt es nach Absprache eine neue Regel?) Konflikte sind eine Bedrohung aber gleichzeitig eine Chance.

Eine Selbsthilfegruppe kann und soll ein Raum sein, in dem sich mit Toleranz und Respekt begegnet wird. Unterschiedlichkeiten sind normal, jeder hat seinen eigenen Weg. Wenn es gut läuft, bietet eine Gruppe die Chance, gerade von den Unterschieden zu lernen und auch zu lernen, mit Widersprüchen produktiv umzugehen, konfliktfähiger zu werden.

Wir wünschen Euch, dass das in Eurer Gruppe so sein wird.


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