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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Viele denken, wenn jemand sexualisierte Gewalt erlebt hat, muss das unbedingt bearbeitet werden. Das ist mitnichten so. Es gibt Betroffene, die heute ein zufriedenstellendes Leben führen, ohne jemals eine Therapie gemacht oder an einer Selbsthilfegruppe teilgenommen zu haben. Wann aber ist eine Bearbeitung sinnvoll und wie kann sie aussehen? Muss ich dazu „vollständige Erinnerungen haben?

Der folgende Text versucht einige grundlegende Gedanken darzustellen, wie Bearbeitung funktionieren kann, um solche Fragen vielleicht zu beantworten.

Wann geht es um Bearbeitung?

Wenn ich heute vor der Frage stehe, ob ich die mir früher widerfahrene, sexualisierte Gewalt bearbeiten soll, will oder muss, so ist dies eine Frage, die ich heute stelle. Der Grund für diese Frage liegt im Heute und auch die Antwort findet sich im Heute. Dies sich zu vergegenwärtigen ist deshalb wichtig, weil oft unterstellt wird, es gäbe eine zwangsläufige Notwendigkeit, die früher erlebte sexualisierte Gewalt heute zu bearbeiten. Erst wenn ich das Ganze anders herum betrachte, wird ein Schuh daraus:

Wenn ich überlege, heute zu bearbeiten, tue ich dies, weil ich heute Fragen und Probleme habe, die ich selbst mit meiner Vergangenheit in Verbindung bringe.

  • Es kann sein, dass ich mich daran erinnere, wie mir sexualisierte Gewalt angetan worden ist und diese Erinnerung kann mich belasten. Alpträume und durch Nichtigkeiten ausgelöstes „Wieder so fühlen wie früher" sind z.B. extrem belastend.
  • Es kann sein, dass ich auf diese belastenden Erinnerungen in einer Art und Weise reagiere, die meine Lebensqualität einschränkt. Wenn ich z.B. immer mehr Alltagssituationen vermeide, weil ich Angst habe, dass dort Erinnerungen ausgelöst werden, dann ist ein normales Leben kaum noch möglich.
  • Es kann sein, dass ich den Eindruck habe meine heutigen Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten wären eingeschränkt aufgrund meiner Reaktionen auf die sexualisierte Gewalt, die mir widerfahren ist. Wenn ich z.B. damals die Schlussfolgerung gezogen habe, Nähe wäre etwas sehr gefährliches, kann das auch heute noch meine Beziehungen beeinflussen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob ich die sexualisierte Gewalt „nur bruchstückhaft" oder „vollständig" erinnern kann.

Viele, die unter Erinnerungen leiden, möchten diese oft als Erstes wieder los werden. Viele versuchen das über Jahre hinweg, bevor sie sich entscheiden, „den Stier bei den Hörnern zu packen" und die sexualisierte Gewalt zu bearbeiten. Andere schaffen es erfolgreich, erst einmal alles zu vergessen, sie stehen aber irgendwann vor der Vermutung, das Ganze wirke sich doch auf ihr Leben aus.

Für alle geht es also um das Thema Erinnern. Das unterscheidet die Bearbeitung des Themas als Erwachsener grundlegend von dem Umgang von Kindern und Jugendlichen mit aktuell stattfindender sexualisierter Gewalt. Dieser Unterschied sagt nichts über das Leid der Einzelnen aus, wenn ich z.B. aufgrund einer plötzlichen Erinnerung den Eindruck habe, mein gesamtes bisheriges Leben wäre auf einer Lüge aufgebaut.

Am Anfang kann es hilfreich sein, mir klar zu machen, wie das mit Behalten und Erinnern funktioniert:

Grenzen des Erinnerns

Die Vorstellung eines Gedächtnisses als einem großen Speicher in den automatisch alles abgelegt wird , ist zwar weit verbreitet, hilft aber nur wenig weiter, wenn wir verstehen wollen, welche Grenzen Behalten und Erinnern haben. Natürlich wird es irgendwo im menschlichen Hirn Strukturen gebe, die uns ermöglichen, etwas zu wissen, aber was bringt es uns, wenn wir diese genau kennen? Es führt eher in die Irre, wenn wir darüber vergessen, dass sowohl Behalten, als auch Erinnern zwei Handlungen sind, für die wir jeweils Gründe haben. Wenn ich mich damit zufrieden gebe, Probleme beim Erinnern auf ein „schlechtes Gedächtnis" zurück zu führen, dann mache ich eine Zirkelschluss nach dem Motto: „Ich kann mich schlecht erinnern, weil ich mich schlecht erinnere." Hier müssen wir einen Schritt weiter gehen:

Um die grundlegenden Grenzen der Möglichkeiten mich zu erinnern zu verstehen, ist es hilfreich sich zwei scheinbare Banalitäten und ihre Auswirkungen vor Augen zu halten:
- Ich kann mich nur an das erinnern, was ich behalten habe
- Ich kann nur behalten, was ich wahrgenommen habe

Fangen wir am chronologischen Anfang an.

Ich kann nur behalten, was ich wahrgenommen habe

Menschen sind keine Tonbandgeräte oder Kameras, die wahllos alles aufzeichnen. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf diejenigen Aspekte der Unmengen von Informationen, die immerzu auf uns einprasseln, die uns wichtig oder sinnvoll erscheinen. Gleichzeitig kann es Gründe geben, warum ich manche Dinge nicht wahrnehmen will – z.B. weil es mir zu viel Angst macht, weil ich es nicht wahr haben will ...

Schon lange vor der Frage, was ich eventuell behalten will, weil es mir wichtig erschient, beginnt also eine (meist gar nicht bewusste) Auswahl von Dingen, die ich wahrnehme

  • Wenn ich vor Angst die Augen verschlossen habe, kann ich nichts sehen.
  • Wenn ich mich auf einen Punkt unter der Decke konzentriere, reduziere ich meine Wahrnehmung und kann nur schlecht mitbekommen , was am Rande stattfindet
  • Wenn ich nur an eine spätere Rache denke und mir diese ausmale, nehme ich weniger vom aktuellen Geschehen wahr.
  • Wenn ich mich in einen tranceähnlichen, dissoziativen Zustand flüchte, verändert sich unter Umständen meine Zeitwahrnehmung
  • Wenn ich in einem solchen Zustand gleichsam den Körper verlasse, habe ich Schwierigkeiten Körperempfindungen wahrzunehmen (das ist ja auch das Ziel dieses Zustandes)
  • Wenn ich unter Drogen stehe (und diese werden teilweise im Kontext sexualisierter Gewalt gezielt verabreicht) habe ich ebenfalls eine veränderte Wahrnehmung
  • ...

Bevor ich also etwas als wichtig und behaltenswert einsortieren kann, muss ich es erst mal wahrnehmen können. Ob ich etwas wahrnehmen kann, hängt auch davon ab, ob ich es wahrnehmen will. Und genau da beginnen bei sexualisierter Gewalt ja die Probleme: Ich brauche schon gute Gründe, um mich über den Abscheu und das „nur-weg-sein-wollen" hinweg zu setzen und alles möglichst genau wahrzunehmen.

Ich kann mich nur an das erinnern, was ich behalten habe

Aber auch, wenn ich etwas wahr genommen habe, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass ich es auch behalte. Wir sind eben auch keine Kameras oder Tonbandgeräte mit einem Speicherchip, die alles ungefiltert aufzeichnen. Ich behalte das, was mir wichtig erscheint zu behalten und zwar deshalb, weil ich meine, dass es sinnvoll sein kann, mich später daran zu erinnern. Wenn es mir nicht einleuchtet, wofür ich etwas behalten soll, dann kann das verdammt schwer werden, das trotzdem zu tun - wie jede_r wohl noch aus der Schule weiß.

Wenn es um sexualisierte Gewalt geht, ist hinlänglich bekannt, dass Verdrängung, Umdeutung und Verleugnung eine wichtige Rolle in den Bewältigungsstrategien spielen. Wenn ich also z.B. als Junge kein Opfer sein darf und deshalb versuche so zu tun, als wäre nie etwas geschehen, dann gelingt mir das natürlich am Besten wenn ich das Ganze komplett vergesse. Ich habe dann gute Gründe, die sexualisierte Gewalt gar nicht erst zu behalten.

Neben solchen Gründen, etwas gar nicht erst zu behalten, gibt es aber noch weitere Schwierigkeiten, die selbst dann auftauchen, wenn ich es für sinnvoll halte, einen Teil oder das Ganze später zu erinnern.

Es gibt drei verschiedene Arten, wie ich etwas erinnern kann:

  • Das erste ist natürlich, ich habe es mir selbst gut eingeprägt und behalten. Das Problem ist, dass ich etwas dann am besten behalten kann, wenn es an bestehendes Wissen anknüpft. Sexualisierte Gewalt steht aber oft in Widerspruch zu Vielem, was vorher gelernt worden ist. Die Erfahrung fällt aus dem Rahmen, weswegen sie ja für viele so unverständlich, verwirrend und unglaublich ist. Es ist also schwer etwas zu finden, in das ich die widerfahrene sexualisierte Gewalt einordnen kann.
  • Die zweite Möglichkeit sich zu Erinnern besteht darin, jemand zu befragen, der etwas mitbekommen hat. Bei sexualisierter Gewalt handelt es sich aber um eine Handlung, die der Täter oder die Täterin geheim halten will. Er achtet also darauf, dass es möglichst keine oder wenige Zeugen gibt. Und er achtet darauf, dass das Opfer schweigt und niemandem davon erzählt. Es gibt also auch kaum „Zeugen vom Hörensagen". Und die wenigen Zeugen, die es eventuell gibt, sind oftmals zum Zeitpunkt des Erinnerns nur noch schwer erreichbar oder gar verstorben.
  • Bei der dritten Möglichkeit geht es um Aufzeichnungen oder Unterlagen, die abfragbar sind. Außer in den Fällen, wo die sexualisierte Gewalt aufgedeckt wird, gibt es keine offiziellen Unterlagen. Und wenn es solche gibt, sind sie oft schwer zugänglich. Natürlich ist auch vorstellbar, dass inoffizielle Aufzeichnungen existieren, aber wer sollte diese gemacht haben? Da Täter(innen) dies im Regelfall nicht tun (und wenn doch dann sind diese Aufzeichnungen nicht zugänglich), gibt es nur die Möglichkeit, dass ich selber etwas aufgeschrieben hat. Selbst wenn ich damals aber Tagebuch oder ähnliches geschrieben habe, ist so etwas oftmals inzwischen vernichtet.

In allen drei Modalitäten des Erinnerns tauchen also oftmals Schwierigkeiten auf. Wie trotzdem mit Hilfe eines „biografischen Gerüstes" in dem alle drei Ebenen zusammengetragen werden können, gearbeitet werden kann wird in den Hilfen zur Selbsthilfearbeit erläutert. Und zum Glück ist für eine erfolgreiche Bearbeitung nicht nötig, jedes Details zu erinnern, wie wir weiter unter noch feststellen werden.

Die alten Erklärungsmuster

Es gibt neben den Problemen mit dem Erinnern aber noch eine zweite Hürde, die in der Bearbeitung überwunden werden muss. Es gibt nämlich eine ganze Reihe von Erklärungsmustern, die den betroffenen Kindern entsprechend ihres jeweiligen Verständnisses der Welt angeboten werden und/oder selber entwickelt werden.

  • Säuglinge versuchen sich sexualisierte Gewalt als Folge von Signalen zu erklären, wenn das und das passiert, geht die Gewalt los. Das ist erst einmal die einzige Art, wie sie sich von ihrer Entwicklung her die Welt erklären können: Als eine Abfolge von Ereignissen.
  • Kleinkinder haben oft die Erklärung, sie seien böse und deshalb geschehe ihnen sexualisierte Gewalt.
  • Ältere Kinder und Jugendliche entwickeln Erklärungsansätze aus der Familie heraus: Das sind dann die Ersatzpartner-Modelle: Papa macht das, weil Mama den Sex verweigert – oder Mama macht das, weil der Papa die Familie verlassen hat - oder so ähnlich.
  • Erst noch einmal später entwickeln Jugendliche normalerweise die Möglichkeit, etwas mehr hinter die Kulissen zu schauen und grundlegender nach Erklärungen zu suchen. Das tun allerdings nur einige, viele sind mit anderen Fragen beschäftigt. Einige realisieren jetzt, dass es Machtverhältnisse gibt, und was diese mit sexualisierter Gewalt zu tun haben, die meisten die nach Gründen für solche Taten suchen, landen aber bei Erklärungen wie „ Wer so was macht, ist krank".

Ausführlicher sind diese Prozesse in dem Artikel „Die gesellschaftliche Bedeutung sexueller Gewalt und ihre Auswirkung für männliche Opfer" beschrieben.

Die aus meiner damaligen eingeschränkten Sicht auf die Welt entstandenen Erklärungsmuster zu verstehen und zu überprüfen ist ein wichtiger Teil in meinem Bearbeitungsprozess und genau dafür benötige ich Erinnerungen. Diese Erklärungsmuster sind es nämlich, aus denen ich meine Schlussfolgerungen gezogen und mein Verhalten entwickelt habe.

Der Weg der Bearbeitung:

Bearbeitung ist kein Programm, das sich Punkt für Punkt abhaken lässt. Meistens ist es ein Vor und Zurück. An einem Punkt bin ich einen Schritt weiter, an einem anderen klemmt es und einen dritten habe ich unter Umständen auf die lange Bank geschoben. Es gibt deshalb auch keine bestimme Zeit, in der alles abgearbeitet sein muss. Viele legen zwischendurch längere Pausen ein. Damit der Prozess der Bearbeitung funktionieren kann ist es zentral, selbstbestimmt und nach dem eigenen Tempo vorzugehen. Dann wird Bearbeitung gleichzeitig zu einer Erfahrung, dass ich mein Leben doch in die eigene Hand nehmen kann.

Meine damaligen Lebensbedingungen und meine Sicht auf die Welt

Das erste Zwischenziel im Bearbeitungsprozess im engeren Sinne ist es rückblickend zu verstehen, wie ich damals die sexualisierte Gewalt eingeordnet habe. Dazu ist es gar nicht nötig, detailliert alle Einzelheiten der sexualisierten Gewalt zu erinnern. Viel wichtiger ist es mich zu erinnern, wie ich mich damals gefühlt habe und wie ich mir erklärt habe was geschehen ist. Deshalb ist es wichtig nicht ein oder mehrere losgelöste Ereignisse zu betrachten, sondern mir meine damalige Situation insgesamt bewusst zu machen, und auch die Vorgeschichte einzubeziehen. Wenn ich z.B. gerade ein Elternteil verloren habe und mich deshalb verlassen gefühlt habe, dann ist das eine andere Situation, als wenn ich mich aufgehoben und sicher gefühlt habe. Es geht also darum meine damaligen Lebensbedingungen und meine Sicht der Welt nachzuvollziehen.

Die damalige Einordnung der sexualisierten Gewalt

Auf diesem Hintergrund versuche ich dann zu verstehen, wie ich die sexualisierte Gewalt damals eingeordnet habe. Auch dabei ist es nicht notwendig detaillierte Beschreibungen zu erstellen. Stattdessen geht es um die Frage, wie es mir während der sexualisierten Gewalt gegangen ist, welche Gefühle ich hinterher gehabt habe, und wie ich das Geschehen verstanden habe.

Erst danach kann ich mich damit beschäftigen, welche Schlussfolgerungen ich aus diesen Prämissen gezogen habe. Falls ich nicht weiß, was ich daraus geschlussfolgert habe, weil das ja meist gar kein bewusster Vorgang ist, kann ich auch versuchen, das logisch nachzuvollziehen. Die Schwierigkeit besteht oft weniger darin nachzuvollziehen, was ich gemacht habe, sondern schwierig ist es meist heraus zu finden, welche Prämissen ich denn gehabt habe - also warum ich mich so verhalten habe, wie ich es getan habe.

Für diese Rekonstruktion meiner Prämissen kann es sehr hilfreich sein, mich mit anderen Betroffenen z.B. in einer Selbsthilfegruppe darüber auszutauschen, wie Andere die Gewalt erlebt haben.

Überprüfung meiner alten Prämissen

Hier ist es notwendig, einen Absatz einzuschieben um Missverständnisse zu vermeiden: Auch wenn wir als Kinder so gut wie keine Möglichkeit hatten, uns zu wehren oder Hilfe zu holen, auch wenn wir durch die sexualisierte Gewalt zum bloßen Objekt reduziert wurden, so sind wir doch denkende und handelnde Menschen, mit Wünschen und Zielen geblieben. Es kann aber sein, dass wir zu der falschen Schlussfolgerung gekommen sind, wir wären nur noch ein Objekt, mit dem Alle machen und tun könnten, was sie wollen. Es mag sein, dass wir unter Bedingungen leben mussten, unter denen wir so gut wie keine Chance gehabt haben, aber dennoch haben wir uns entschieden, ob wir uns dagegen auflehnen, (so hilflos und vergeblich es auch immer gewesen sein mag), oder ob wir uns anpassen und fügen. Es geht hier nicht darum, Kindern irgendeine Verantwortung zu zu schieben oder „heldenhaften Widerstand" zu fordern, das wäre vollkommener Quatsch – es geht darum uns selbst klar zu machen, dass die Schlussfolgerung, wir wären auf ewig Objekt und Opfer und wir könnten sowieso nichts machen, unter Umständen auf falschen Annahmen beruht, weil wir damals noch gar nicht alles verstehen konnten. Es geht um Befreiung von einschränkenden Glaubensannahmen und nicht um Schuldzuweisungen.

Wenn ich also eine Einschätzung davon gewonnen habe, welche Prämissen damals mein Handeln bestimmt haben, dann geht es jetzt darum, diese Prämissen zu überprüfen. Dazu brauche ich mein heutiges Wissen über sexualisierte Gewalt und darüber, wie Gesellschaft funktioniert. Das ist nicht das damalige Wissen, sonst wäre ich damals ja nicht zu diesen falschen Einschätzungen gekommen. Dies ist ein Punkt im Bearbeitungsprozess, der schmerzhaft sein kann.

Wenn ich bisher die Einschätzung von damals weiter geglaubt habe „es gibt keinen Ausweg", und jetzt feststellen muss, es hätte eventuell doch diese oder jene Möglichkeit gegeben, egal wie klein diese gewesen sein mag, so kann schnell das Gefühl aufkommen versagt zu haben und selbst Schuld zu sein. Unter anderen Prämissen wäre es vielleicht möglich gewesen, jemandem davon zu erzählen. Das mag sein, aber hier ist es wichtig mir vor Augen zu halten, dass ich damals diese Möglichkeiten nicht sehen konnte. Ich kann davon ausgehen, dass ich mir zu keinem Zeitpunkt meines Lebens wissentlich selbst Schaden zugefügt habe. Ich kann davon ausgehen, dass ich zu jedem Zeitpunkt alles in meiner Macht stehende versucht habe. Wenn ich heute erkenne, dass es eventuell mehr Möglichkeiten gegeben hätte, als ich damals erkennen konnte, so hilft mir das im günstigsten Fall heute weniger Angst zu haben oder besser handeln zu können, aber es ändert nichts daran, dass ich das damals nicht erkannt habe.

So schwer es sein kann, mir das einzugestehen: Ich bin nicht willenloses Objekt der Gewalt und unausweichlichen, zwangsläufigen Folgen ausgeliefert, sondern ich spiele nach wie vor eine wichtige Rolle darin, was mit mir geschieht.

Wenn ich überprüfe, an welchen Punkten meine damaligen Annahmen aus heutiger Sicht überholt sind, tun sich damit neue Handlungsmöglichkeiten für heute auf.

Im Kern meiner Befreiung vom Opfer-Sein / Ohnmächtig-Sein steht nicht das Akzeptieren, dass ich Opfer und ohnmächtig gewesen bin. Im Kern steht, das Erkennen, welche Handlungsmöglichkeiten ich damals aufgrund welcher falschen Prämissen nicht gehabt habe. Erst dann ist einer jederzeitigen Wiederholung ein Riegel vorgeschoben und die Hilflosigkeit heute kann aufgelöst werden.

Auflösen der aktuellen Einschränkungen

Nach dieser Auseinandersetzung mit der sexualisierten Gewalt steht noch an, jene Muster zu verändern, die ich als Reaktion auf das Geschehen entwickelt habe.

Das rückblickende Durchschauen meiner damaligen Beschränkungen macht den Weg dafür frei aktuelle Annahmen zu hinterfragen: Woher habe ich sie? Wie sind sie entstanden? Stimmen sie wirklich? Dies bezieht sich nicht nur auf Prämissen, die ich unverändert aus der Zeit der sexualisierten Gewalt übernommen habe, sondern auch auf andere.

Gleichzeitig entfällt, wenn ich nicht mehr an den alten Glaubensgrundsätzen klebe, der Sinn hinter einer ganzen Reihe von überkommenen Handlungsweisen - z. B. entfällt die Notwendigkeit zu permanentem Misstrauen gegenüber anderen Menschen, wenn ich jetzt differenzieren kann, wann eine reale Gefahr droht und wann nicht. Oder realistischer: die Notwendigkeit entfällt, aber dennoch muss ich, nach und nach lernen genauer zu unterschieden, um das Misstrauen überwinden zu können.

Ein Teil solcher unnötigen Verhaltensweisen verschwindet ohne bewusstes Nachdenken darüber, andere sind aber zu geliebten Angewohnheiten/ Mustern geworden, bei denen ich noch einmal gesondert überprüfen muss, welchen Sinn sie heute noch machen.

Nicht jeder Mensch, der sexualisierte Gewalt erlebt, ist zwangsläufig für das restliche Leben geschädigt. Einige haben ein Umfeld, das sie so stützt und trägt, dass sie die Gewalt weitgehend verarbeiten können. Andere finden später Dinge, die die Verletzungen ausgleichen: z.B. erleben sie das Gefühl geliebt und respektiert zu werden in Beziehungen mit anderen Menschen.

Für viele ist es aber Realität, dass sie sich, um zufriedenstellend leben zu können, irgendwann aktiv mit dem beschäftigen müssen, was ihnen angetan wurde. Um diesen bewussten Bearbeitungsprozess geht es hier.

Vorweg wollen wir aber deutlich sagen: Es geht! Es ist auch nach erlittener sexualisierter Gewalt möglich, ein zufriedenstellendes Leben zu führen. Das erfordert unter Umständen einige Anstrengung, aber das bedeutet nicht, dass es unmöglich ist.

Eine Bearbeitung sexualisierter Gewalt, die mir früher angetan worden ist, macht dann einen Sinn, wenn ich mir davon eine Verbesserung meiner heutigen Lebensqualität versprechen kann. Dann ist es hilfreich, mich zu erinnern, was mir früher geschehen ist und zu überlegen, wo ich aus diesen Erfahrungen eventuell – bewusst oder unbewusst - Schlussfolgerungen gezogen habe, die heute nicht mehr stimmen. Das klingt jetzt ziemlich einfach, ist aber oftmals ein längerer Prozess.

Grundsätzlich gibt es mehrere Möglichkeiten:

Oftmals entscheiden leider schon die ganz konkreten Gegebenheiten vor Ort, welche Möglichkeiten ich habe.

Wenn ich im ländlichen Raum wohne, sind die Angebote wesentlich reduzierter als in Großstädten: Oftmals gibt es weder eine Selbsthilfegruppe noch eine Beratungsstelle, die beim Aufbau einer Selbsthilfegruppe unterstützen könnte. Wenn ich dann kein Auto habe, um wöchentlich 100 Kilometer zu fahren, bleibt manchmal gar nichts anderes übrig, als sich selbst zu organisieren.
Wenn ich Angst vor oder in Gruppen habe, habe ich Schwierigkeiten in eine Selbsthilfegruppe zu gehen und ich habe fast nur noch die Möglichkeit, mir einen Therapieplatz zu suchen oder mir selbst was zu organisieren.

Andererseits gehen viele Männer zu verschiedenen Zeiten verschiedene Wege und das ist auch gut so. Entscheidend ist, die eigene Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sexualisierte Gewalt ist die Erfahrung, zum Objekt gemacht zu werden. Diese Erfahrung sitzt unterschiedlich tief: Für manche ist sie existentiell und allumfassend, sie haben insgesamt das Gefühl nur ein Gegenstand ohne eigenen Willen und Bedürfnisse zu sein, andere fühlen sich „nur" in bestimmten Bereichen wie Partnerschaft oder Umgang mit Autoritäten so. Grundsätzlich gilt aber, dass Selbstbestimmung in der Bearbeitung sexualisierter Gewalt einen zentralen Stellenwert hat. Es ist wichtig, dass gerade in diesem Prozess nicht erneut Erfahrungen von Entmündigung und Ohnmacht gemacht werden. Dies gilt für alle Formen der Bearbeitung.

Es gibt verschiedene Konzepte, wie eine Bearbeitung sexualisierter Gewalt aussehen kann. Das hat einerseits mit den Möglichkeiten zu tun, die mir zur Verfügung stehen, aber auch mit meiner grundlegenden Sicht, wie es zu sexualisierter Gewalt kommt und wie Menschen damit umgehen. Im Grunde berührt das das gesamte Menschenbild. Halte ich sexualisierte Gewalt für eine Form von Gewalt, die ich selbst überwinden will oder suche ich nach einer Therapie, die mir ein Diagnostiker verschrieben hat?

Wir haben versucht grundlegende Gedanken zur Bearbeitung wie sie in den letzten Jahren bei uns entstanden sind, aufzuschreiben. Vielleicht könnt ihr mit den Gedanken ja etwas anfangen.

Tauwetter – Ein Selbsthilfehandbuch für Männer, die als Junge sexuell missbraucht wurden

Als 1998 unser Selbsthilfehandbuch herausgekommen ist, konnten wir uns nicht vorstellen, dass unsere Anlaufstelle das Buch um Jahre überleben würde. Aber es ist so gekommen: Die Anlaufstelle Tauwetter gibt es nach wie vor, das Selbsthilfehandbuch ist seit Jahren vergriffen. Und dementsprechend sind manche Angaben darin von der Zeit überholt und wir würden manches heute anders schreiben. Dennoch: In den Grundzügen stimmt das Gesagte nach wie vor und leider gibt es aktuell kein vergleichbares Buch in deutscher Sprache.

Wir haben uns deshalb nach Rücksprache mit dem Verlag entschieden, das Selbsthilfehandbuch im Netz als PDF für Betroffene und unterstützende Angehörige zur Verfügung zu stellen. Das wurde uns durch die Unterstützung von Biblio-Copy ermöglicht.

Bitte beachtet dass nach wie vor das Copyright gilt, d.h. für den Eigenbedarf, oder für die Gruppenarbeit spricht nichts dagegen Teile zu kopieren. Eine gewerbliche Reproduktion ist nicht zulässig. Aber natürlich könnt ihr den Link weiterschicken, deswegen steht es ja im Netz.

Wir haben immer noch die Absicht, ein neues Selbsthilfehandbuch zu schreiben, können aber derzeit nicht abschätzen, wann das klappen wird.

Es gibt eine Reihe von Übungen, die wir in der Selbsthilfearbeit für Männer als hilfreich erlebt haben, oder von denen uns andere erzählt haben, dass sie ihnen geholfen haben. Einige haben wir in einem Buch von Luise Reddemann wiedergefunden, einer Ärztin, die lange Jahre in einer Traumaklinik gearbeitet hat und dort viel von Ihren Patient_innen gelernt hat. Diese und andere Übungen zählen inzwischen zum Handwerkszeug vieler Psychotraumatolog_innen.

Bei all diesen Übungen darf nicht vergessen werden, dass sie einigen Menschen geholfen haben, anderen aber nicht. Einige denken, wenn eine Übung bei ihnen nicht klappt, dann wären sie selber schuld, würden etwas falsch machen und würden versagen. Manchmal bestärken Therapeut_innen leider solche Schuldgefühle. Natürlich gibt es die Möglichkeit, dass ich etwas falsch verstanden und ausprobiert habe. Dann frage ich nach. Zur Not auch noch ein zweites Mal und wenn sich dann immer noch nichts verändert, dann probiere ich was Anderes. Ich muss mir also ansehen, was es alles gibt, was mir davon sinnvoll erscheint und dann ausprobieren, ob ich damit etwas anfangen kann. Und es ist vollkommen o.k., wenn ich irgendetwas abändere, damit es bei mir besser klappt. Alle diese Techniken sind ursprünglich von Betroffenen selbst entwickelt worden.

Einige dieser Übungen und Hilfsmittel arbeiten mit der Vorstellungskraft. Es sind Auseinandersetzungen, die in der Phantasie stattfinden. Am Anfang erscheint einem das vielleicht als etwas merkwürdig, denn mein Problem ist ja meist ein ganz konkretes, z.B. dass ich Schlafstörungen oder Angst habe. Die Ursachen für das konkrete Problem haben unter Umständen aber nichts mit meiner konkreten Situation zu tun, denn eigentlich ist für einen Erwachsenen nur selten etwas bedrohlich daran, im Bett zu liegen. Bedrohlich war es damals für den Jungen, dem in einem Bett sexualisierte Gewalt widerfahren ist. Es braucht deshalb unter solchen Umständen eine Übung, um der Bedrohung, die in meiner Vorstellung existiert, zu begegnen. Einige der folgenden Übungen arbeiten deshalb mit Imagination.

Die meisten Übungen lassen sich gut alleine machen. Selbsthilfe heißt aber nicht, ich kämpfe mich durch alles alleine durch. Eine der wichtigsten, ungeschriebenen Regeln der Selbsthilfe lautet: Wenn ich Hilfe brauche, hole ich mir Hilfe! Über meine Erfahrungen mit solchen oder anderen Übungen und Hilfsmitteln kann ich mich gut mit Anderen austauschen, sei es in einer Selbsthilfegruppe oder auch anderswo. Vermutlich kennen Andere auch noch andere Möglichkeiten.

Tagebuch schreiben

Vielen kennen Momente, in denen sie bestimmte Gefühle, Bilder oder auch Gedanken nicht loslassen können. Das kommt besonders gerne abends beim Einschlafen vor und es betrifft keineswegs nur Sachen, die mit sexualisierter Gewalt zu tun haben.

Ein Tagebuch kann helfen, Dinge loszulassen und später auf sie zurück zu kommen. Dadurch, dass ich mir die Zeit nehme, belastende Dinge aufzuschreiben, nehme ich sie ernst und bringe sie gleichzeitig wortwörtlich aus mir raus. Sie sind auf Papier und da können sie nicht mehr verloren gehen. Ich muss sie also nicht länger im Kopf behalten. Vor dem nächsten Gruppentreffen kann ich das Tagebuch herausholen und mir überlegen, was ich davon heute Abend besprechen will. Nach dem gleichen Prinzip gehen vielbeschäftigte Menschen vor, wenn sie Termine und Aufgaben nicht im Kopf behalten, sondern einen Kalender benutzen.

Oftmals ist tagsüber nicht genügend Zeit, ausführlich zu schreiben. Dann reicht es oft, schnell ein, zwei Stichworte zu notieren und später, wenn ich mehr Zeit habe, darauf zurück zu kommen.

Einige Männer haben sich angewöhnt, wenn sie nachts wach wurden oder abends nicht schlafen konnten, sich an den Tisch zu setzen, das Buch hervorzuholen und aufzuschreiben, was los ist. Dann wurde das Buch zugeklappt, weggeräumt und wieder ins Bett gegangen. Oftmals hat das geholfen. Unklug ist es aber, ein Tagebuch mit solchen Erinnerungen ans Bett, z.B. auf einen Nachttisch zu legen. Besser ist, es außer Sicht - und Reichweite z.B. in einer Schreibtischschublade zu haben, um nicht permanent an die Dinge, die darin stehen, erinnert zu werden. Wenn die Schublade dann auch noch abschließbar ist, ist der Inhalt noch sicherer.

Nicht wenige Männer haben sich eine Zeit lang jeden Abend Zeit genommen, den Tag vorbei ziehen zu lassen und wichtige Dinge zu notieren. So wurden sie belastende Bilder oder Gefühle und auch Gedanken los. Es gab aber noch andere Effekte des Schreibens: Sie haben regelmäßig darüber nachgedacht, wie ihr Tag verlaufen ist, was sie getan haben und wie es ihnen gegangen ist. Gefühle, die ihnen sonst gar nicht aufgefallen sind, wurden ihnen so bewusst und sie konnten überlegen, woher diese kommen und was für sie daraus folgt. Bei so einer täglichen regelmäßigen Selbstreflexion empfiehlt es sich aber, sich eine feste zeitliche Grenze zu setzen, damit die Übung nicht ausufert. Ziel ist es immer, am Schluss das Buch zuzuklappen und das Aufgeschriebene hinter mir lassen zu können.

Das chronologische Gerüst

Nicht Wenige plagen sich mit dem Problem herum, dass sie Erinnerungslücken haben. Das betrifft gar nicht einmal immer Situationen, in denen sexualisierte Gewalt geschehen ist, oftmals fehlen einfach größere Zeiträume und es ist mir nicht klar, was da passiert ist. Dann hilft es, so etwas wie ein chronologisches Gerüst aufzubauen:

Ich beginne damit, mir eine grobe Chronologie zu erarbeiten. Dazu dienen mir als erstes Daten, die ich klar weiß oder in Unterlagen recherchieren kann: Geburt, Einschulung, Schulwechsel usw. Wann habe ich wo gelebt? Wer hat da noch gewohnt, ist wann geboren oder gestorben oder verzogen? Ich bastele also so etwas wie ein Gerüst, das weit über die Lücke hinausgeht. Nach und nach sortiere ich immer mehr Informationen ein. Je dichter ich dabei an die Lücke herankomme, desto mehr Details aus der Umgebung versuche ich einzutragen. Wenn ich z.B. nicht weiß, was in einem bestimmten Zimmer geschehen ist, dann konzentriere ich mich auf die Umgebung, den Flur davor, das, was vor dem Fenster lag, ...

Für solch ein Gerüst kann ich auch Personen befragen, die damals Dinge mitbekommen haben. Je nachdem, wie sehr ich ihnen vertraue, so offen frage ich. Wenn es noch Unterlagen, wie z.B. Zeugnisse gibt, kann ich die auch hinzuziehen. Auch ein altes Fotoalbum enthält unter Umständen Hinweise.

Beim Entwickeln solch einer Chronologie geht es nicht nur um negative Erlebnisse, sondern auch um neutrale oder positive. Ziel ist es, ein Gerüst zu schaffen mit möglichst vielen Anknüpfungspunkten, in das ich zukünftige und bestehende bruchstückhafte Erinnerungen einsortieren kann. Dazu versuche ich, die bruchstückhafte Erinnerung ruhig und sachlich zu beschreiben. Es kommt dabei gar nicht mal auf eigene Gefühle an, sondern generell auf Details der Situation: Hat draußen die Sonne geschienen? Was für eine Hose hatte ich an? Wie war die Tapete in diesem Raum? Je mehr Details der Situation ich beschreiben kann und je mehr Anknüpfungspunkte mein Gerüst hat, desto größer sind die Chancen, dass ich das Puzzlestück einsortieren kann. Dabei ist es wichtig, vorsichtig zu sein. Oftmals liegen Schlussfolgerungen nahe. Das ist auch o.k. so, aber ich sollte mir einen Vermerk machen, dass es eine Schlussfolgerung ist. Denn anders, als bei überprüfbaren Daten kann ich mich bei Schlussfolgerungen natürlich auch irren.

Solch ein Gerüst sollte ich schriftlich erarbeiten, es wird sonst schnell zu verwirrend und belastend. Es ist hilfreich, ein Notizbuch oder Ähnliches bei mir zu haben, in das ich immer mal schnell einen Gedanken schreiben kann. Das trage ich dann hinterher in Ruhe in meine Chronologie ein. Die kann ich in einem Buch erstellen, oder auch in einem Computer.

Erfahrungsgemäß führt die Arbeit an einem solchen Gerüst dazu, dass sich Dinge für mich sortieren und dass ich besser eingrenzen kann, was wann geschehen sein kann. Oft kommt es durch die systematische Beschäftigung auch dazu, dass ich beginne mich an mehr Dinge zu erinnern. Gleichzeitig ändert das alleine aber nichts daran, dass ich mich manchmal an Ereignisse solange nicht erinnern kann, wie es zu belastend wäre, sie wieder präsent zu haben. Flankierend zu der Arbeit an solch einem Gerüst ist deshalb hilfreich, dafür zu sorgen, dass es mir heute so gut wie möglich geht. Das kann ich tun indem ich bewusst Dinge mache, von denen ich weiß, dass sie mir gut tun. Manchmal hilft es, sich dafür mit Anderen zu verabreden, es ist z.B. einfacher regelmäßig Sport zu machen, wenn ich mich dazu mit Anderen treffe, als wenn ich mich alleine dazu motivieren muss.

Die Tresor-Übung

Die Tresor-Übung ist eine imaginative Übung. Sie kann eine Hilfe sein, Sachen loszulassen.

Ein Tresor hat zwei Aspekte: Einmal ist das, was darin ist, eingeschlossen, das heißt, es kann nicht heraus. Andererseits ist es aber auch gut aufgehoben und geht nicht verloren. Der erste Aspekt ist wichtig, weil ich ja die Gedanken / Bilder / Gefühle loswerden will, der zweite, weil die Gedanken schon wichtig sind, denn sonst würden sie ja nicht so penetrant da sein.

Der Kern der Übung ist, dass ich mir vorstelle, die belastenden Gefühle, Bilder und Gedanken in einem Tresor zu verschließen, wo sie gut aufgehoben sind. Dazu versuche ich mir diese Gefühle, Bilder oder Gedanken vorzustellen und zu überlegen, welche Form ich ihnen geben kann. Ich vermeide es in die Gedankenspiralen oder die Gefühlskreisläufe einzusteigen, ich gucke sie mir sozusagen von außen genau an. Ich überlege, ob die Gefühle z.B. eher eine große diffuse Masse sind oder eine kleines spitzes Etwas. Ich versuche einzuschätzen, ob Bilder eher Fotos, Videos oder Zeichnungen sind. Haben die Gedanken die Form von Theateraufführungen oder sind sie eher Texte? Je nachdem, was ich habe, verpacke ich z.B. das Ganze in ein Paket oder verkleinere die Theaterbühne auf Puppenhausgröße. Und das kommt dann – immer noch in meiner Phantasie – in einen Tresor. Dabei hilft es, sich den Tresor möglichst genau vorzustellen: Ist es so ein großer, alter, schwarzer mit goldener Schrift? Hat er einen Schlüssel oder eine Zahlenkombination? Hat er so ein großes Handrad oder ist es ein kleiner Möbeltresor, der gut versteckt ist? Ich versuche mit allen Sinnen zu fühlen, was das für ein Tresor ist: Riecht er nach Metall oder innen drin etwas muffig? Ist er kalt wenn ich ihn anfasse? Macht die Tür oder das Schloss Geräusche? Wo steht der Tresor eigentlich? Wie komme ich in meiner Phantasie dahin? Ist es unter Umständen ein Schließfach in einem begehbaren Tresor einer Bank, weit weg auf dem Jupiter, wo nur ich mit einem Raumschiff hinkomme? Es ist eine Phantasie-Übung und alles, was mir passend erscheint, ist erlaubt. Je klarer ich den Tresor bekomme, je mehr ich ihn mir ausmale, desto besser.

Als letztes nehme ich das Paket oder die Puppenbühne oder was es auch immer ist, lege es in den Tresor und verschließe ihn ordentlich. Dann gehe ich weg und lasse die Bilder, Gefühle oder Gedanken sicher verschlossen und gut aufgehoben im Tresor zurück.

Bevor ich mich das nächste Mal mit dem Thema beschäftigen will, gehe ich an den Tresor und nehme mein Paket heraus, packe die Gedanken, Bilder oder Gefühle aus, und überlege, was ich davon mitnehmen will in die Gruppe und eventuell heute besprechen. Den Rest tue ich in den Tresor zurück, wo er bleibt, bis er an der Reihe ist.

Im Grunde ist die Tresor-Übung also eine Übung mit der ich als erstes aus den Kreisläufen selber aussteige und sie von außen betrachte. Dann weise ich diesen Kreisläufen einen Platz zu und lasse sie vorübergehend dort ruhen.

Der innere sichere Ort

Auch der innere sichere Ort ist eine imaginative Übung. Manche schließen sie z.B. bei Schlafproblemen an die Tresor-Übung an.

Der innere sichere Ort soll vor allem dazu dienen, in Situationen, wo ich mich nur schlecht fühle und nicht mehr raus komme, wo ich in Angst festhänge oder in Verzweiflung, mich in eine andere Stimmung zu versetzen und mir ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit zu geben. Damit habe ich die auslösende Situation noch nicht verändert, aber wenn ich ruhiger bin, fällt mir auf Dauer vielleicht eher etwas ein.

Die Idee ist, sich einen Ort vorzustellen, an dem ich mich rundum wohl und sicher fühle. In Situationen, wo ich mich gut fühle, nehme ich mir die Zeit, in meiner Phantasie an diesen Ort zu gehen, ich lasse mich darauf ein und spüre, wie gut es mir tut, dort zu sein. Zur Verstärkung kann ich das Gefühl und den Ort auch mit einer Geste in meinem Körper verankern. Wenn ich dies ein paar Mal gemacht habe, merke ich, dass ich immer leichter und schneller an den Ort und dem damit verbundenen Gefühl komme. Jetzt kann ich auch an diesen Ort gehen, wenn ich mich schlecht fühle. Dies ist also eine richtige Übung in dem Sinne, dass sie geübt werden muss.

Dazu suche Dir einen ruhigen, ungestörten Platz und beginne die folgende kurze Anleitung durchzuarbeiten. Wenn Du jemand hast, der dies vorliest und dem Du sagen kannst, ob Du erfolgreich bist und wann er weiter lesen kann, so kann das eine Hilfe sein. Diese Person sollte aber nur die Anleitung der Übung übernehmen, sie sollte weder sich berichten lassen, wie der Ort aussieht, noch sollte sie von Dir in den Ort eingebaut werden. Der Ort ist Dein innerer sicherer Ort.

Versuche Dich innerlich zurück zu lehnen und Dir in Gedanken, einen Ort vorzustellen, an dem Du Dich rundum wohl und geborgen fühlst.

Vielleicht hast Du erst nur Bilder, vielleicht Gefühle, vielleicht ist es erst auch nur ein gedachter, konstruierter Ort. Wenn schlechte Orte auftauchen, gehst Du einfach weiter.

So ein Ort kann eine Bergwiese sein, eine Oase in der Wüste, ein sicheres Schiff auf dem Meer, ein Raumschiff, eine Höhle, ein Haus ....

Wenn Du keinen solchen Ort findest, fehlt es vielleicht an einem Transportmittel dorthin?

Nimm Dir alle Zeit, die Du benötigst.

Wichtig ist, das ist Dein Ort, Du hast die Kontrolle über ihn. Wenn Du willst, kannst Du andere mit dorthin nehmen, aber der Ort sollte Dein Ort sein und Dein Wohlbefinden nicht von Anderen abhängig sein. Du lädst Andere an Deinen Ort als Gäste ein, d.h. Du kannst sie jederzeit wieder wegschicken.

Wenn Du den Ort gefunden hast, überprüfe, ob er wirklich mit allen Sinnen gut für Dich ist: Was siehst Du, gefällt Dir das? Was riechst Du, ist das angenehm? Was hörst Du, hörst Du das gerne? Was spürst Du auf der Haut, weht ein leichter Wind, wie ist die Luft, wie warm ist es...? Das ist Dein Ort und Du kannst ihn so gestalten, wie Du willst.

Genieße diesen Ort, lass Dich auf das Wohlgefühl richtig ein, nimm es in Dich auf. Wenn Etwas nicht stimmt, verbessere es. Wenn Du feststellst, dass Du zu viele andere Gedanken hast und Dich nicht auf den Ort einlassen kannst, erzwinge nichts. Du kannst jederzeit an den Ort zurückkehren und weiter machen.

Wenn Du an diesem Ort bist, versuche ihn Dir mit allen Sinnen einzuprägen. Sieh ihn, höre ihn, rieche ihn, spüre ihn, schmecke ihn...

Dann schaffe Dir eine Geste, die zu diesem Ort passt und mit dessen Hilfe Du an diesen Ort gehen kannst. Ein Symbol, das sozusagen eine Eintrittskarte ist. Das kann etwas kleines sein, wie eine sich schließende Hand, das kann etwas großes sein, wie sich aufzurichten und die Arme auszubreiten. Es kann eine Bewegung sein, wie das Wiegen eines Kindes, es kann eine kaum merkbare Veränderung sein, wie das Erspüren des Bodens unter den Fußsohlen.

Wenn Du an Deinem Ort bist und das Wohlgefühl hast, dann mach diese Geste und spüre, wie Geste, Gefühl und Ort zusammengehören.

Verharre einen Moment in dieser Geste und an diesem Ort und in diesem Gefühl, dann schau Dich innerlich noch einmal an Deinem Ort um, spüre ihn noch einmal, rieche ihn, höre ihn und komm dann von dem Ort ins hier und jetzt zurück. Dabei lässt Du die Geste los.

Orientiere Dich wieder im Heute, im Hier und Jetzt.

Mach anschließend eine Pause von 2-3 Minuten und fange dann von vorne an. Dabei solltest Du an den gleichen Ort zurückkehren. Wenn Du feststellst, dass irgendetwas nicht stimmig ist, kannst Du das natürlich abändern.

Das Ganze ist ein bisschen eine Übungssache. Es geht darum, eine gute Verbindung zwischen Deiner Vorstellung, Deinem Gefühl und einer bestimmten körperlichen Bewegung, Deiner Geste zu schaffen. Und auch wenn wir keine mechanischen Wesen sind, deren Teile beliebig zusammen geklebt werden können, klappt dies doch bei Vielen. Oft ist es so, wenn Du häufiger an deinen inneren sicheren Ort gegangen bist, in Situationen, wo es Dir nicht schlecht ging, kannst Du später auch dorthin gehen, wenn es Dir schlecht geht. Dann hilft im Idealfall die Geste, Dich daran zu erinnern, wie es sich dort anfühlt, wie es aussieht, riecht, sich anfühlt und anhört.

Alpträume verändern

Einige Betroffene haben immer wieder Alpträume. Das müssen gar nicht Alpträume sein, in denen direkt sexualisierte Gewalt vorkommt, öfter geht es grundlegender um Ohnmachtsgefühle.

In solchen Fällen hilft es manchmal, aufmerksam zu beobachten und eventuell aufzuschreiben, in welchen Situationen ich Alpträume habe. Das kann ich tun, indem ich überlege, was an dem Tag, bevor ich die Alpträume habe geschehen ist. Wenn ich dabei Ereignisse herausfiltern kann, auf die ich mit Alpträumen reagiere, kann ich versuchen, solche Situationen zu vermeiden, oder sie vorm Schlafen gehen soweit zu bearbeiten, dass ich danach ungestört schlafen kann.

Eine weitere Methode bei wiederkehrenden Alpträumen kann sein, herauszufinden, was darin gemeinsam ist. Dann kann ich mir in wachem Zustand überlegen, wie denn der Traum eine Wendung bekommen könnte, so dass ich nicht ohnmächtig und ausgeliefert bin. Ein Beispiel: Ein Mann berichtet, dass er regelmäßig Alpträume hat, in denen er verfolgt wird, wegrennen will, aber nicht wegkommt. Irgendwann fällt ihm ein, dass er in anderen Träumen fliegen konnte. Das war ein tolles Gefühl gewesen, er hat sich frei und absolut sicher gefühlt. An das Gefühl und diese Fähigkeit hat er versucht vor dem Einschlafen möglichst intensiv zu denken. Das hat nicht nur das Einschlafen erleichtert, nach einiger Zeit hat er auch in seinen Alpträumen erinnert, dass er fliegen kann und dadurch konnte er kann die Verfolgungssituation beenden.

Leider funktioniert das so direkt eher weniger. Wahrscheinlicher ist, dass ich erst einmal den Ausweg am Tage öfter durchspielen muss, bis es dazu kommt, dass er nicht nur ein spontaner Ausweg wird, sondern zu einem Bestandteil meines Wissen wird, auf das ich auch im Traum zugreifen kann. Und auch dann ist keineswegs gesagt, dass ich den Ausweg eins zu eins im Traum umsetzen kann. Aber es setzt öfter der Effekt ein, dass die Alpträume weniger werden, oder weniger intensiv sind und sich verändern.

Am erfolgversprechendsten ist die Kombination beider Methoden: Gucken welche Auslöser es gibt, diese entschärfen und parallel dazu nach Auswegen in den Alpträumen zu suchen und diese einzuüben.

Im Hier und Heute bleiben, die 5-4-3-2-1-Methode

Manchmal haben Betroffene das Problem, im hier und heute zu bleiben. Sie fühlen sich von Erinnerungen oder Erinnerungsfragmenten geradezu überrannt. Das können Bilder sein, Gerüche, Geschmäcker, aber auch komplette Szenen, die vor dem inneren Auge ablaufen. Sie haben das Gefühl in einem Film zu sein. Es kann sich auch in reinen Körperreaktionen äußern, ohne dass jemand bewusst bemerkt, dass der Körper gerade auf erinnerte Bedrohungen reagiert. So etwas kann am hellichten Tag geschehen, aber auch in Form von Alpträumen des Nachts.

Um daraus auszusteigen, ist es wichtig, den Kontakt zur Realität wieder herzustellen. Manchmal hilft es Augenkontakt mit jemand zu suchen, manchmal kann ich auch mit Jemanden eine Absprache treffen, dass er mir in solchen Situationen hilft, das berühmte "Kneif mich mal, ich glaub ich träume". Ähnliches kann ich natürlich auch selber machen. In einigen Kliniken wird geraten, ein Fläschchen mit Salmiakgeist bei sich zu tragen und in kritischen Situationen daran zu riechen. Der scharfe Geruch kann helfen, sich wieder im Heute zu orientieren – natürlich nur, wenn der Geruch selber mich nicht an eine belastende Situation erinnert.

Eine andere Methode ist die 5-4-3-2-1-Methode. Das ist im Grunde der Versuch, mit allen Sinnen bewusst die Umwelt wahrzunehmen. Dabei gehe ich meine gesamten Sinne durch und stelle fest, was ich in der jeweiligen Sinnesmodalität wahrnehme. Das mache ich erst fünf Mal, dann vier Mal, dann drei Mal, usw. Ich kann das Wahrgenommene auch laut aussprechen oder vor mich hinmurmeln. Also ich konzentriere mich zuerst darauf, was ich sehe und zähle fünf Dinge davon auf. Dann kommen 5 Dinge, die ich höre, 5 Dinge, die ich spüre (Körperkontakt), 5 Dinge, die ich rieche. Danach ist wieder das Sehen dran: Vier Dinge, die ich sehe, vier Dinge, die ich höre, vier Dinge, die ich spüre und vier Dinge, die ich rieche. Bei der nächsten Runde geht es um drei Dinge, dann um zwei und zuletzt um eine Sache. Wenn sich nichts verändert hat oder ich nichts Neues finde, kann es auch sein, dass sich Dinge wiederholen: Wenn ich also beim ersten Durchgang u.a. den Stuhl unter meinem Gesäß gespürt habe, kann es sein, dass ich ihn beim zweiten Mal immer noch spüre. Danach kann ich als Abschluss innerlich von 5 bis 1 rückwärts zählen. Manche sprechen zuletzt auch noch einen Satz wie: Ich bin wieder im Hier und Heute. Das hängt davon ab, was für die Einzelnen besser passt.

Diese Methode kann auch gut als Abschluss von imaginativen Übungen wie dem Tresor benutzt werden.

Ähnlich kann auch das bewusste Fühlen in alle Körperteile, wie es bei den Hilfen für die Selbsthilfegruppenarbeit beschrieben ist, benutzt werden.

Aus Filmen aussteigen mittels Bildschirmtechnik

Eine weitere imaginative Übung, um aus Filmen auszusteigen, ist die Bildschirmtechnik.

Oft gibt es auch dann, wenn ich in einen Film rutsche, irgendwo noch einen Teil von mir, der weiß, dass das gerade wie etwas ist, was ich von früher kenne. Dieser Teil hat aber keinen großen Einfluss, denn ich weiß trotzdem nicht, was ich jetzt machen kann. Hier versucht die Bildschirmtechnik anzusetzen:

Ich versuche mir klar zu machen, dass das, was gerade stattfindet ein Film aus meiner Vergangenheit ist, in den ich gerutscht bin. Wenn das aber ein Film ist, dann kann ich damit auch wie mit einem Film umgehen: Ich kann erst einmal gucken, ob er z.B. auf einer Leinwand abläuft, auf einem Bildschirm oder auf einer Bühne. Ich kann überlegen, ob ich eigentlich im richtigen Abstand von dem Film sitze, vielleicht will ich vor meinem inneren Auge, den Bildschirm weiter weg schieben, in eine Ecke stellen, oder als kleinen Monitor unter die Decke hängen? Ich kann feststellen, ob der Film überhaupt gut gedreht ist, wie die SchauspielerInnen agieren... Wenn es ein Film im Fernsehen ist, dann hat er unter Umständen auch eine Werbeunterbrechung. Wo bleibt die eigentlich? Wenn der Film auf einem Computerbildschirm ist, vielleicht will ich dann zwischendurch noch was anderes machen, wie meine Mails abrufen? Wenn es ein Kinofilm ist kann ich auch in die Filmvorführerkabine gehen, und den Film langsam laufen lassen. Bei einem Theaterstück gibt es Pausen, in denen ich rausgehen und etwas trinken kann. All das kann ich machen, weil es mein Film ist, weil ich in meinem eigenen Kino oder Theater sitze. Und genau genommen kann ich den Film auch rückwärts laufen lassen. Ich kann den Videorecorder ausschalten oder die DVD aus dem Computer raus nehmen. Ich kann das Theaterstück abbrechen und den Schauspielerinnen ihren Feierabend gönnen. Unter Umständen will ich dann die Kassette, die DVD oder das Drehbuch wegräumen, ins Regal stellen oder auch in meinen Tresor legen. Ich kann aus der Vorstellung raus gehen. Ich kann mir angucken, wie das Wetter draußen ist, kann die Sonne oder auch den Regen oder den Wind auf meiner Haut spüren, die Luft schmecken und riechen...

Es geht immer darum, dass ich, weil der Film mein eigener Film ist, ihn auch verändern oder beenden kann. Und wenn ich wieder im Heute angekommen bin, lohnt es sich in Ruhe und mit Abstand zu überlegen, auf was ich eigentlich mit diesem Film reagiert habe und warum. Dann kann ich überlegen wie ich mit solchen Situationen in Zukunft umgehen kann.

Wenn die Bildschirmtechnik bei mir gut funktioniert, kann ich sie auch benutzen, um mir aus einem sicheren Abstand Ereignisse aus meiner Geschichte anzugucken, die mich sonst überfluten würden. Wenn ich das tue, ist es sinnvoll, mir zu überlegen, was ich tun kann, falls mir das Ganze doch zu nahe kommt. Es gilt also, vorsichtig und Stück für Stück vorzugehen. Und es kann hilfreich sein mir eine Zeitbegrenzung, anfangs eher kurz, zu überlegen und mittels z.B. eines Weckers abzusichern.

Belastendes zurück lassen

Ingrid Olbricht, hat eine Methode entwickelt, in der sie Methoden südamerikanischer Indianer mit dem durch die koloniale Gewalt verursachten Leid gemeinsam umzugehen, auf unsere Situation übertragen hat. Sie hat das ganze TRIMB® genannt, Trauma Recapitulation with Imagination Motion and Breath). Die Methode soll dazu dienen, Belastendes los zu lassen. Dies kann eine Person, aber auch ein Erlebnis sein. Dabei geht es nicht um verdrängen oder vergessen, sondern eher darum, statt permanent daran zu denken, dem Belastenden einen angemessenen Platz einzuräumen. Diese Methode ist bisher wenig bekannt, aber es gibt durchaus positive Erfahrungen damit. Wie immer gilt: Vorsichtig ausprobieren und nicht mit den heftigsten Erinnerungen anfangen.

Zuerst versuche ich, mir klar zu machen, welche Verbindungen es zwischen mir und dem Belastenden gibt. Dabei sind vor allem meine emotionalen Verbindungen wichtig. Oftmals gibt es mehrere gefühlsmäßige Verbindungen, manchmal sind sie ein ziemliches Wirrwarr. Dann ist es sinnvoll zu versuchen sie zu entflechten. Ich stelle eine Reihenfolge der Gefühle her, von den heftigsten, unangenehmen zu den weniger starken. Dann geht es darum, mir vorzustellen, wie jede dieser Verbindungen aussehen könnte: Ist sie ein Stromkabel, ein Gummiband, eine Rutsche oder ein Rohr, ein Ast, eine Liane, ein unsichtbarer Wellenstrahl oder ein scharfer Stacheldraht?

Als nächstes suche ich, je nach Material, aus dem ich mir eben die Verbindung vorgestellt habe, ein passendes Werkzeug aus, um die Verbindung zu durchzutrennen. Das kann eine isolierte Zange sein, eine Schere, ein Laserschwert oder ein Feuerstrahl, eine Axt, eine Machete, ein Schutzschild oder ein Bolzenschneider. Ich kann beim auswählen auch schon mal ein bisschen rumprobieren, aber noch nicht durchtrennen.

Das kommt nämlich im dritten Schritt: Dabei kann ich sowohl einzelne sehr bestimmende Verbindungen durchtrennen, als auch das gesamte verflochtene Wirrwarr. Im zweiten Fall benötige ich natürlich ein Werkzeug, dass durch das ganze Geflecht durchkommen kann. Damit sich der ganze Vorgang möglichst gut einprägt, wird das Durchtrennen sehr konzentriert in einer bestimmten Reihenfolge gemacht:

  • Ich bringe mich in Position, mache mich innerlich startklar. Ich konzentriere mich auf die ausgewählte Verbindung(en), ich greife innerlich mein Werkzeug. Mein Kopf ruht in der Mitte, ich habe ausgeatmet.
  • Ich drehe den Kopf nach links, atme dabei ein und mit meinem Atem sauge ich alle Gefühle ein. Wenn es dabei auf eine Verbindung geht, konzentriere ich mich auf das eine Gefühl, wenn es um mehrere geht, stelle ich mir vor, dass ich sie in der vorher festgelegten Reihenfolge, mit dem heftigsten beginnend nacheinander ein. Dabei kann ich sie auch vor mich hin murmeln.
  • Während der Kopf links bleibt, halte ich kurz den Atem an und halte alle Gefühle in mir.
  • Dann bewege ich den Kopf zur rechten Schulter immer noch mit angehaltenem Atem.
  • Mit dem Kopf auf der rechten Seite atme ich langsam aus. Dabei atme ich alle Gefühle in der gleichen Reihenfolge wie vorher mit aus, bis keine Luft und keine Gefühle mehr drin sind.
  • Erneut wird kurz die Luft angehalten.
  • Und dann trenne ich mit meinem Werkzeug die Verbindung und bewege dabei kräftig und schnell meinen Kopf zur linken Schulter, zurück nach rechts und dann zur Mitte. Erst dort, wenn mein Kopf in der Mitte wieder zur Ruhe gekommen ist atme ich ein.

Hinterher kann ich mich ausschütteln, nachspüren und von der Anstrengung erholen.

Mit etwas Abstand gucke ich mir dann an, was sich jetzt verändert hat, welche Verbindungen noch existieren und wie ich mit denen umgehen will. Oder sind eventuell neue aufgetaucht, die bisher verdeckt waren. Will ich da noch etwas beenden oder will ich das so stehen lassen? Dass ich Verbindungen und Gefühle zu meiner Vergangenheit habe ist ja vollkommen normal, es geht darum, ob das für mich so ok ist, oder mich belastet.

Falls das durchtrennen beim nicht zufriedenstellend geklappt hat, kann ich den ganzen Vorgang auch wiederholen. Ich kann mich aber auch entscheiden, dass ich jetzt erst einmal genug habe, und das ganze Paket in den Tresor packen oder meinem Tagebuch anvertrauen (s.o.).

(Ein Artikel von Ingrid Olbricht indem sie die Verwendung in der Therapie beschreibt findet sich hier)

Es ist klar, dass diese Methode alleine nicht ausreicht, um sexualisierte Gewalt zu bearbeiten. Sie kann aber dabei helfen, mir über verschiedene Gefühle, die mich mit der Vergangenheit verbinden klar zu werden. Sie kann helfen, ohne von zu starken Emotionen belastet zu werden, mir die Vergangenheit anzugucken, heraus zu finden, was heute anders ist und was ich heute ändern kann.

Der kleine Junge, der ich einmal war

Jeder von uns ist einmal ein kleines Kind gewesen. Anteile von diesem Kind haben die meisten noch in sich. Oftmals ist der Zugang zu den kindlichen Gefühlen aber verschüttet. Die Kontaktaufnahme zu dem kleinen Jungen, der ich einmal gewesen bin, ist weniger ein Hilfsmittel für den Notfall, als vielmehr ein Versuch, die verschiedenen Anteile in mir bewusster wahrzunehmen, um sie integrieren zu können. Im Grunde gebe ich dabei Anteilen von mir eine Figur und mit dieser Figur trete ich dann in einen Dialog. Manchmal hilft so ein Kontakt auch in brenzligen Situationen, wenn z.B. der kleine Junge längst weglaufen will, ich als Erwachsener aber denke, bleiben zu müssen. Die Auseinandersetzung mit dem kleinen Jungen kann helfen, heraus zu finden, was sind Gefühle, die von Früher herrühren und was ist von Heute.

Eine Methode für die erste Kontaktaufnahme kann sein, dem kleinen Jungen einen Brief zu schreiben. Wichtig ist, sich als heutiger Erwachsener zu verhalten. Es geht bei der gesamten Kontaktaufnahme zum kleinen Jungen nicht darum, wieder ein Junge zu werden.

Ich überlege mir z.B., welche Fähigkeiten und Möglichkeiten habe ich heute, was kann ich gut, was kann ich schlecht. Was braucht der Junge wohl, was kann ich ihm anbieten? Sucht er einen Freund, möchte er nicht mehr alleine sein, sucht er einen Erwachsenen, dem er erzählen kann, was passiert ist? Sucht er einen Beschützer? Ich kann dann dem Jungen einen Brief schreiben und ihm meine Unterstützung als heutiger Erwachsener anbieten. Wichtig ist zu versuchen, sich nicht zu überfordern, keine unrealistischen Versprechungen zu machen und mich damit unter Druck zu setzen. Manchmal ist es sinnvoller, zu überlegen, wie jemand anderes dem Jungen das geben kann, was er braucht, als alles selber zu machen. Aber auch wenn es sich oft anders anfühlt: Als Erwachsener kann ich eine ganze Menge von dem, was der kleine Junge braucht.

Manchen fällt es schwer, sich selber als kleinen Jungen vorzustellen, unter Umständen, weil sie an ihre Kindheit gar keine Erinnerungen haben. Dann geht es auch, sich ein anderes Kind mit solch einer Geschichte vorzustellen, und zu überlegen, was es wohl braucht. Auch wenn dann keine direkte Kontaktaufnahme mit dem kleinen Jungen, der ich früher war, möglich ist, kann ich ihm doch etwas Gutes tun. Manche erschrecken z.B., wenn Sie feststellen, dass der kleine Junge eigentlich ein paar richtige Eltern braucht, die er so nie gehabt hat. Sie denken, das können sie nie sein. Das ist Okay. Es geht nicht darum, alles ungeschehen zu machen, sondern zu lernen, was der kindliche Teil von mir für Bedürfnisse hat, diese im Alltag heute häufiger wahrzunehmen und zu überlegen, wo der Erwachsenen diesen Bedürfnissen heute Raum geben kann. Manchmal sind es "Kleinigkeiten", die große Wirkung haben, wie z.B. jeden Morgen vor der Arbeit in den Park gehen, um die Enten zu füttern.

Die inneren Helfer

Jeder Mensch hat verschiedene Seiten. Es gibt Momente, da bin ich mutig, (oder ist es etwa kein Mut, wenn ich mich mit meiner Geschichte auf den Weg mache und Hilfe suche?). Es gibt Momente, da bin ich vorsichtig und sehr genau, manchmal bin ich sehr sachlich und überlege nüchtern, dann reagiere ich wieder auf feinste Stimmungen. Es geht darum, diese verschiedenen Aspekte meiner Selbst wahrzunehmen und sie mir als Personen vorzustellen. Da können übrigens auch Personen drunter sein, die es nur selten schaffen, sich durchzusetzen und mein Handeln zu bestimmen. Es können Personen von Früher sein, z.B. der Jugendliche, der es geschafft hat, den Führerschein zu machen und der ziemlich gut lernen konnte, und es können Personen sein, die es heute noch gar nicht gibt, wie der erfahrene, weise Mann, der ich einmal sein werde. Wichtig ist, dass es Personen sind, die Fähigkeiten haben. Es kann hilfreich sein, diese ganzen Personen aufzuschreiben und ihnen evtl. sogar Namen zu geben.

Diese Personen sind meine inneren Helfer. Wenn ich mich in einer schwierigen Situation befinde, kann ich sie der Reihe nach fragen, was sie denn machen würden. Das kann so ablaufen, dass ich systematisch die Liste der Personen abarbeite, aber auch, dass ich mir einen Konferenztisch vorstelle, an dem alle sitzen und ihre Meinung sagen. Vielleicht ergibt sich ja auch eine Diskussion unter ihnen.

Andere Übungen z.B. zur Erdung oder zur Entspannung

Es gibt heute viele Übungen, die meine Achtsamkeit verbessern helfen, oder dazu beitragen können, mich zu erden, oder mir helfen, zu entspannen. Viele davon können hilfreich sein und es gibt zum Glück viele Möglichkeiten, sie kennen zu lernen. Das kann in einem Kurs an einer Volkshochschule oder Nachbarschaftszentrum sein, das kann über Anleitungen im Internet geschehen, aber auch über Bücher. Auch in einer Selbsthilfegruppe kann ich – ebenso wie bin der Therapie – nach Hinweisen oder Empfehlungen fragen. Wichtig ist immer, die richtige Balance zu finden, zwischen sich auf etwas Neues einlassen und vorsichtig sein. Leider gibt es in diesem Bereich einen boomenden Markt, wo einige versuchen nicht nur bequem Geld zu verdienen, sondern auch andere Menschen in Abhängigkeit zu halten. Und oftmals haben Anleiter_innen keine oder nur wenig Ahnung vom Umgang mit Betroffenen. Das gilt natürlich grundsätzlich für den gesamten Psychomarkt. Wenn ich also vermeiden will, dass ich erneut zum Opfer werde, ist es hilfreich vorher Erkundigungen über die Methode und die Anbieter einzuholen. Einige Methoden, wie z.B. Familienaufstellungen nach Hellinger sind nur selten brauchbar, um sexualisierte Gewalt zu bearbeiten, meist sind sie eher eine Gefahr. Bei anderen Ansätzen z.B. bei Entspannungsübungen gilt es vorsichtig auszuprobieren: Es hat sich herausgestellt, dass es für manche Betroffene extrem bedrohlich ist, die gewohnte Wachsamkeit zu unterlassen, locker lassen funktioniert nicht, sondern wird als Gefahr erlebt. Hier kann es sinnvoll sein, zu Methoden wie der progressiven Muskelentspannung zu greifen, die eine entspannende Wirkung haben können, ohne dass ich weniger wachsam sein muss.

Solange ich immer wieder prüfe, ob mir etwas gut tut und mich immer wieder frage, wie es mir geht, solange ich nichts mache, was mir nicht gut tut und mich gewaltsam über meine eigenen Grenzen hinwegsetze, solange bin ich eigentlich auf der sicheren Seite. Das gilt übrigens für alle Versuche, Methoden und Übungen in der Bearbeitung: Was zählt, ist, dass es mir besser geht und nichts anderes. Und im Zweifelsfall rede ich mit anderen über deren Erfahrungen, sei es in der Selbsthilfegruppe oder mit guten Freunden oder spreche in der Beratung darüber. Wir kennen sicherlich nur einen Ausschnitt von dem, was es alles gibt, aber wir können dich dabei unterstützen heraus zu finden, ob Dir etwas gut tut.

Alles Gute

Die folgenden Anregungen sollen Möglichkeiten aufzeigen, wie mit Hindernissen und Schwierigkeiten umgegangen werden kann, die ich für mich, aber auch die Gruppe als Ganzes in der gemeinsamen Selbsthilfearbeit haben können. Eventuell haben andere aus der Gruppe schon Erfahrungen mit ähnlichen Situationen gemacht und dabei Lösungsideen entwickelt. Es lohnt sich deshalb immer, Probleme offen anzusprechen, zu fragen, was die anderen dazu für Ideen haben und zu prüfen, ob die auch für diese Situation anwendbar und erfolgversprechend sind.

Kopf und Bauch, Verstand und Gefühl

Um heute halbwegs zufriedenstellend leben zu können, aber auch um erfolgreich meine Geschichte bearbeiten zu können, muss ich mich und meine Geschichte in ihren verschiedenen Facetten kennen. Dazu gehören auch meine Gefühle. Gefühle sind so etwas wie eine erste schnelle Einschätzung, die ermöglicht, auch ohne lange zu überlegen, zu reagieren. Wir haben allgemeine Einschätzungen und Annahmen aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen und diese fließen in die Gefühle ein, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Gefühle sind keine absolute Wahrheit, wir können uns täuschen, aber sie sind ein guter erster Hinweis aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen. Wenn ich aber heftig von meinen Gefühlen getäuscht worden bin (z.B. wenn ich jemanden vertraut habe, der oder die gegen mich sexualisierte Gewalt angewendet hat) kann es passieren, dass in Zukunft genau dieses Gefühl, jemand wird mir vertraut, für mich ein Alarmzeichen wird. Wenn ich erleben musste, dass (z.B. während eines Übergriffs) meine Gefühle so heftig waren, dass sie mich überwältigt haben, dass ich nur noch wie gelähmt und handlungsunfähig war, dann kann es passieren, dass ich in Zukunft versuche meine Gefühle weniger stark zu spüren. Dies sind nur zwei Beispiele dafür, wie als Auswirkung der sexualisierten Gewalt mein Zugang zu meinen Gefühlen erschwert sein kann. Oft kommen dann auch noch Erwartungen, wie ich als Junge bzw. Mann zu sein habe dazu. Es gibt sozusagen für Männer verbotene Gefühle wie Hilflosigkeit, Verzweiflung oder Traurigkeit, die oft als „schwache" Gefühle gelten. Der aus solchen Erfahrungen entstehende Umgang mit den eigenen Gefühlen ist meist keine bewusste Entscheidung, aber ich kann sie mir bewusst machen und dann versuchen etwas zu ändern.

Es ist für eine Bearbeitung oft hilfreich wieder einen besseren Zugang zu meinen Gefühlen zu bekommen und mich zu erinnern, wie ich mich damals gefühlt habe. Erst dann kann ich mir angucken, wo ich eventuell Schlussfolgerungen gezogen habe, die mir heute nicht mehr brauchbar erscheinen. Und als Drittes kann ich dann versuchen, anders zu handeln. Auf diesem Weg kann ich mich von den Folgen der Gewalt schrittweise befreien. Wichtig ist dabei immer wieder zu überlegen, was ich heute alles anders machen kann, damit ich nicht in der alten Einschätzung, ich kann nichts machen/ändern, und dem Gefühl der Ohnmacht, hängen bleibe und schlussfolgere, ich werde immer Opfer sein.

Wenn in der Gruppe über Gefühle gesprochen wird, erleben immer wieder Männer* das als zu verkopft, zu abstrakt oder analytisch. Sie haben den Eindruck, es wird mehr über Gefühle gesprochen, als sie zu empfinden oder den anderen zu zeigen. Für einige ist die Angst, dass einen die eigenen Gefühle überwältigen könnten oder dass sie vor den Anderen schutzlos dastehen könnten, manchmal sehr groß. Andere sind darauf getrimmt worden, ein sehr feines Gespür für die Gefühlslage anderer zu entwickeln, aber haben kaum ein Gespür für die eigenen Gefühle.

Für die eigene Weiterentwicklung in der Selbsthilfegruppe haben sich drei Fragen als sehr hilfreich herausgebildet:

1. Wie geht es mir?

Am Anfang steht die Frage: Wie geht es mir gerade - hier und in diesem Augenblick? Dafür kann ich schon den Anfangsblitz nutzen, aber es lohnt sich auch mir die Frage ruhig häufiger während des Gruppenabends zu stellen. Wichtig dabei ist, alle spontan empfundenen Gefühle, die sich bemerkbar machen, ernst zu nehmen. Das heißt, sie zum Beispiel nicht nach einer inneren Rangliste abzuwerten und zu zensieren. Eine sich in mir breit machende Langeweile, eine Verwirrung oder eine tiefe Müdigkeit haben dieselbe Aufmerksamkeit verdient, wie 'klarere' Gefühle wie Wut, Freude, Trauer, Angst usw.

Oft finden Gefühle nicht den Weg ins Bewusstsein, so dass ich sie benennen oder aussprechen könnte. Manchmal hilft es dann eine Pause einzulegen und zu versuchen zur Ruhe zu kommen. Gesprächspausen bieten sich dafür geradezu an, aber auch während andere weiter reden, kann ich mich kurz „ausklinken" und in mich hineinhorchen. Meist ist es hilfreicher auf das, was an leisen Dingen kommt, zu lauschen, als hektisch danach zu Fahnden und zu Suchen.

Manchmal kann ich auch feststellen, wie es mir geht, wenn ich auf meinen Körper achte: „Wie atme ich? Halte ich den Atem an? Sitze ich verspannt auf meinem Stuhl? Schnürt es mir gerade die Kehle zu? Werde ich unruhig? Da ist so ein unangenehmer Druck im Bauch! Meine Füße werden kalt! Es schüttelt mich innerlich! Krieg' ich schon wieder Kopfschmerzen?" Viele kennen ja körperliche Reaktionen, die sie immer wieder "heimsuchen", wenn die Situation überfordernd oder bedrohlich wird. Aber andere körperliche Empfindungen und Signale sind im Lauf der Jahre schon so vertraut geworden, dass sie kaum noch wahrgenommen werden. Hier kann es helfen, meinen Körper gleichsam 'systematisch' von oben nach unten durch zu gehen und ohne Bewertung erst einmal möglichst viel zu bemerken.

Gefühle und Körperreaktionen wahrzunehmen bedeutet nicht, sie sofort deuten und erklären zu müssen. Das kann später kommen. Erst einmal geht es darum, sie wahrzunehmen und ihnen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dies kann auch ein Teil einer Wiederaneignung des eigenen Selbst sein, denn Viele haben erleben müssen, dass ihre eigenen Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse ignoriert und missachtet wurden. Sie wurden ihnen regelrecht abgesprochen. Jetzt wieder ein ganzer Mensch mit eigenen Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen zu werden, ist das Ziel und dazu gehört auch, sich wieder zu spüren.

In einem nächsten Schritt, bei dem der Austausch mit den Anderen in der Gruppe hilfreich ist, versuche ich meine Wahrnehmungen, meine Gefühle, mein Körpererleben zu verstehen und zu reflektieren, was ich an meiner Situation verändern kann.

2. Was hat das Gehörte bei mir ausgelöst?

Da wir in der Gruppe nicht alleine sind, hat das, was die Anderen erzählen, natürlich einen Einfluss auf mich und meine Gefühle. Wenn eine andere Person von sich erzählt, kann ich darauf achten, was deren Geschichte bei mir auslöst: Macht mich das Gehörte traurig? Wütend? Hilflos? Oder berührt es mich überhaupt nicht? Spüre ich Impulse, sofort eingreifen und helfen zu müssen? Werde ich plötzlich müde, kann nicht mehr zuhören oder bekomme Kopfschmerzen?

Dabei geht es erst einmal nicht darum, dem Anderen eine direkte Rückmeldung geben zu können (dazu kommen wir später), sondern im Vordergrund steht, auf sich selber zu schauen: Was kenne ich z.B. von dem, was gerade erzählt wurde selber? Wie reagiere ich, wenn ich so etwas höre? Woran erinnert mich meine Reaktion?

Vor allem, wenn ich starke Impulse und Gefühle bemerke, ist es wichtig kurz inne zu halten und in mich hinein zu horchen, was bei mir los ist. Ich erfahre so mehr über mich selber, aber ich lerne auch zu trennen, zwischen meiner Geschichte und dem, was jemand anders erzählt. Es kann sein, dass meine Gefühle ganz anders sind, als die des anderen – das bedeutet nicht, dass einer von uns „falsche Gefühle" hat. Manche, die z.B. in einer engen, nahen Beziehung oder als sehr kleines Kind sexualisierte Gewalt erlebt haben, haben Probleme zwischen den eigenen Gefühlen und denen von anderen zu unterscheiden. Dies gibt es auch, wenn jemand lernen musste nur auf die Empfindungen der Andern zu achten. In solchen Situationen kann es hilfreich sein, Aufmerksamkeit zu investieren, um zu spüren, was ist mein Gefühl, was löst die andere Person bei mir aus und was sagt der Andere eigentlich, wie er sich selber fühlt.

3. Wie nehme ich den anderen wahr?

Nun findet in einer Selbsthilfegruppe ein konkretes Zusammentreffen von Männern* statt. Dabei haben natürlich auch das Auftreten, die Art des Erzählens, der körperliche Ausdruck usw. der Anderen Einfluss auf mich und meine Gefühle. Dies ist also meine nächste Frage: Wie erlebe ich den anderen? Kenne ich die Art wie er spricht? Erinnert die mich an jemand? Bei dieser Art der Fragen bin ich immer noch sehr dicht bei meiner eigenen Geschichte. Ich kann an diesem Punkt aber auch den Aufmerksamkeitsfokus mehr zum anderen verlagern. Stimmen Körpersprache oder die Art, wie er redet mit dem Inhalt überein? Manchmal erzählt jemand von schwerer Gewalt und Verletzungen in einer sehr distanzierten Art und Weise. Unter Umständen versucht er sogar etwas „weg zu lachen". Jemand anders spricht unter Umständen gar nicht wörtlich aus, worum es geht, aber in seiner Stimme ist die ganze Wucht zu spüren. Wenn ich so etwas feststelle, kann ich bei dem anderen bleiben, aber auch die Aufmerksamkeit wieder auf mich selber lenken: Kenne ich solche Verhaltensweisen von mir selber? Wann setze ich sie ein? Mache ich das automatisch oder bewusst? Habe ich Alternativen?

Meinen Raum gestalten

In der Selbsthilfegruppe habe ich die Möglichkeit, von mir zu erzählen und Fragen zu formulieren. Ich selber bestimme dabei, was dabei mein Thema ist: Habe ich ein Problem heute, wo es mir in erster Linie um eine pragmatische Lösung geht? Denke ich, ich muss um das Problem zu lösen, die Fäden in meine Geschichte zurückverfolgen? Oder will ich mich einem Bruchstück meiner Vergangenheit nähern und es mir näher angucken?

Auch den Rahmen kann ich selber weitgehend gestalten: Je klarer ich habe, was ich möchte und benötige, desto eher bekomme ich es. Ich habe dann die Möglichkeit, den Anderen zu sagen, was ich mir wünsche - was natürlich nicht bedeutet, dass sie alles tun müssen, was ich will, sie entscheiden selber. Ich kann aber selber bestimmen, wie ich über etwas reden will, ob eher sachlich distanziert oder emotionaler. Ich kann mitteilen, ob ich die Anderen hauptsächlich als Zuhörer brauche, aber zu viel Angst habe vor Rückmeldungen und deshalb bitte keine erfolgen sollen, oder ob mir gerade die Erfahrungen anderer in ähnlichen Situationen wichtig sind. Ich kann sogar überlegen, wie ich den Raum im wörtlichen Sinne gestalten will und ob ich lieber hinter einem Sitzkissen geschützt reden will.

Grundsätzlich gilt für die Selbsthilfearbeit: Du selber bestimmst Dein Tempo. Es gibt keinen Zwang irgendetwas zu machen (außer natürlich die Grenzen der Anderen zu achten) erst Recht nicht irgendwelche Schritte zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einer bestimmten Reihenfolge zu absolvieren. Ich bestimme selber, wann ich was erzählen will und wie ich den mir zur Verfügung stehenden Raum nutzen will oder auch nicht.

Für eine bewusste Gestaltung meines Raumes gibt es zahlreiche Hilfsmittel, die ich einsetzen kann. Dazu zählen z.B. Übungen aus der Selbsthilfearbeit und der Traumaarbeit, wie wir einige auf einer Extraseite beschreiben. Eine weitere Möglichkeit ist es Erinnerungsstücke zu nutzen.

1. Erinnerungsstücke

Ein mitgebrachtes Foto (von mir als Kind, aus der Familie, mit dem/r Täter/in drauf o.ä.) kann mir unter Umständen helfen, die Hemmschwelle zu überwinden, etwas aus meiner persönlichen Geschichte zu erzählen. Ähnliches ist auch mit anderen persönlichen Gegenständen denkbar: Mit einem Kuscheltier, einem Kinderbuch, einem Bild, einem Brief oder einem Tagebuchausschnitt.

Sinnvoll ist es, mir vorher zu überlegen, was ich erreichen will, das Erinnerungsstück danach auszusuchen und mich auf konkrete Fragen zu konzentrieren. Wenn ich z.B. über meine Gefühle zu Personen sprechen will, könnte eine Frage sein: Was lösen die auf dem Foto abgebildete/n Person/en bei mir aus? Wie war das damals und wie ist das heute? Wenn ich über Verletzungen und wie ich damals damit umgegangen bin, reden möchte, kann unter Umständen ein altes Kuscheltier, dem ich alles erzählt habe und das mich als Einziger getröstet hat, ein Einstieg sein.

Wichtig ist, sich nicht in der Vergangenheit zu verlieren. Die Zeit an einem Abend ist begrenzt. Es kann hilfreich sein, vorher darüber in der Gruppe zu reden, wenn ich so etwas vorhabe, eventuell auch schon vorher festzulegen, wie viel Raum dafür nötig ist und welche Unterstützung mir die anderen geben können, damit ich am Schluss gut gehen kann. Wenn ich weiß, wie viel Raum ich habe, ist es auch leichter, mich zu beschränken, also z.B. mir nicht ein komplettes Fotoalbum anzugucken oder ein komplettes Tagebuch vorzulesen, sondern ein Bild oder einen prägnanten Ausschnitt auszuwählen. Und ich kann mir überlegen, wie ich die Reise in die Vergangenheit beenden will. Denn am Ende sollte ich gestärkt im Heute sein und nicht hilflos im Gestern.

2. Verschiedene Ausdrucksformen nutzen

Wenn ich feststelle, dass ich Schwierigkeiten habe, das, was in mir vorgeht in Worte zu fassen, kann ich mir überlegen, ob es andere Ausdrucksformen gibt. Unter Umständen ist es leichter mich mit einer Geste oder einer Körperhaltung auszudrücken, manche entdecken Geräusche als Möglichkeit. Für wieder andere ist Malen eine Art sich auszudrücken. Bei all dem geht es nicht um irgendeine künstlerische Qualität, sondern wirklich darum, dem, was in mir passiert, einen Ausdruck zu verleihen. Nach solchen Möglichkeiten zu suchen kann auch dann sinnvoll sein, wenn ich etwas sonst überhaupt nicht aus mir heraus bekomme und immer mit mir alleine herum schleppe.

Gegenseitige Unterstützung

Bereitschaft zum Zuhören ohne sich selber zu verlieren

Eine Gruppe lebt von gegenseitigem Geben und Nehmen. Einmal erzähle ich und erfahre Unterstützung von den anderen, das nächste Mal ist es jemand anders.

Eine der Voraussetzungen dafür ist, sich zuzuhören. Das klingt banal, ist aber oft gar nicht so einfach. Gerade, wenn es um Themen geht, die mich selber stark berühren, ist es manchmal schwer still zu sitzen und nicht sofort zu reagieren. Auch kann es dann passieren, dass ich vorschnell meine Bescheid zu wissen, weil mir das Erzählte bekannt vorkommt. Das kann sogar so weit gehen, dass ich meine Dinge zu hören, die der Andere gar nicht so gesagt hat. Deshalb ist eine Voraussetzung dafür, wirklich zuzuhören, dass ich meine eigene Geschichte von der des anderen trennen kann. Dazu steht oben mehr. Es ist eine Balance, die ich finden muss und das ist am Anfang oft nicht so einfach: Eine Balance zwischen mich selber spüren und auf mich achten und dem anderen zuhören und ihn mitzubekommen. Das klingt für manche vielleicht unmöglich, es ist aber etwas, was sich mit etwas Übung durchaus lernen lässt.

Auf dieser Grundlage habe ich dann die Möglichkeit, dem anderen zu signalisieren, dass ich dabei bin und zuhöre. Das ist vor allem hilfreich, wenn jemand an einem vermutlich heiklen Punkt ist, verstummt oder plötzlich auf ein anderes Thema ausweicht. Blickkontakt, ein Nicken oder eine zustimmendes Geräusch signalisieren dem anderen, dass ich noch dabei bin und bereit bin weiter zuzuhören. Er ist nicht mit dem Thema alleine. Und das ist eine wichtige Gegenerfahrung zu dem, was er früher erlebt hat.

Eigene Erfahrungen anbieten

Eine der Möglichkeiten von einer Selbsthilfegruppe zu profitieren sind die unterschiedlichen Erfahrungen. Viele denken, eine Selbsthilfegruppe funktioniert deshalb, weil alle das Gleiche erlebt haben und gleich empfinden. Das stimmt so nicht: Natürlich ist es schwierig, wenn jemand gar nicht nachvollziehen kann, was ich erlebt habe. Aber wenn jemand das Gleiche genauso erlebt hat wie ich, kann er mir nichts Neues sagen. Genau genommen funktioniert eine Gruppe also wegen der Unterschiedlichkeiten, die es trotz ähnlicher Erfahrungen gibt. Und diese unterschiedlichen Arten eine ähnliche Situation wahrzunehmen, die unterschiedlichen Schlussfolgerungen, die unterschiedlichen Versuche etwas zu ändern – die unterschiedlichen Erfahrungen also können wir uns gegenseitig zur Verfügung stellen. Nicht als Anweisung, wie jemand etwas zu machen hat, sondern als Bericht, so und so habe ich das gemacht. Dann kann der andere überlegen, ob das für ihn auch eine Möglichkeit sein kann. Um Verletzungen und Zuschreibungen zu vermeiden, ist es dabei wichtig immer wieder deutlich zu machen, dass es meine Erfahrungen sind und dass der Andere selber prüfen muss, ob sie für ihn brauchbar sind.

Rückmeldungen: Wie nehme ich den anderen wahr?

Rückmeldungen können unterschiedlich dicht bei mir oder bei dem anderen sein. Je klarer ich dabei habe, was meine eigene Geschichte ist (s.o.) desto geringer ist das Risiko, dass ich mit einer Rückmeldung dem anderen etwas überstülpe.

  • Ich kann dem Anderen erzählen, wie ich ihn wahrgenommen habe: Wie hat er gesprochen? Was ist mit dem Zusammenspiel von Inhalt, Emotionalität beim Erzählen, Körpersprache usw.? Dabei ist es gerade bei dieser Art der Rückmeldung wichtig, deutlich zu machen, dass es meine Wahrnehmung des anderen ist und nicht das, wie er ist. Ich biete hier, genauso wie bei dem Erzählen eigener Erfahrungen eine Sichtweise an, die der andere annehmen oder ablehnen kann. Es ist hilfreich, statt „Du hast ... und dann hast Du..." zu sagen, zu fragen, ob die eigene Sicht mit der Selbstsicht übereinstimmt. „Ich hatte den Eindruck, dass du... und dann sah es für mich so aus, als ob Du ... . Stimmt das? Wie hast Du das selber erlebt?"
    Unter Umständen hat der andere das durchaus gezielt gemacht, z.B. eine scheinbar distanzierte grinsende Art des Erzählens von Angst und Wut gewählt, um nicht in die Gefühle abzukippen. Eventuell ist ihm das aber gar nicht bewusst gewesen und er bekommt durch die Rückmeldung eine Möglichkeit zu prüfen, wie es ihm ergangen ist.
  • Ich kann dem anderen mitteilen, was das Gehörte bei mir ausgelöst hat. Die Kunst dabei ist, nicht das Thema an mich zu reißen und mich selber in den Mittelpunkt zu schieben. Es kann aber für den anderen sinnvoll sein z.B. zu erfahren, dass das Erzählte bei mir Ohnmachtsgefühle ausgelöst hat, denn dann kann er sich überlegen, ob das bei ihm genauso gewesen ist oder anders. Er erhält einen Hinweis, was mögliche Reaktionen auf die geschilderte Situation sein können. Je klarer ich dabei sage, was von dem bei mir Ausgelösten aus meiner eigenen Geschichte herrührt und was von dem Gehörten, desto nutzbringender ist meine Rückmeldung für den Anderen.
  • Wenn ich den Eindruck hatte, dass etwas bei mir stattgefunden hat, was mein Zuhören beeinträchtigt hat, kann ich auch das mitteilen. Das muss auch gar nichts mit dem Erzählten zu tun haben, ich teile es dem anderen vor allem mit, damit er Bescheid weiß und nicht denkt, er habe irgendetwas falsch gemacht.

Rückmeldungen bergen die Gefahr, als Angriff oder Kritik empfunden zu werden. Das kann daran liegen, wie sie formuliert werden, es kann aber auch daran liegen, dass sie an wunde Punkte rühren. Hinweise und Rückmeldungen an andere sollten deshalb grundsätzlich Angebote sein, und so sollten sie auch formuliert sein. Und wenn ich auf meine Rückmeldung die Antwort bekomme, sie wäre als zuweisend erlebt worden oder als Unterstellung, ist es klug, nicht sofort darauf zu antworten, sondern - wenn ich möchte - die Situation im nächsten Gruppentreffen anzusprechen und zu fragen, wie eine Rückmeldung für den anderen formuliert sein müsste, so dass es o.k. ist und annehmbar.

Umgang mit Konflikten

Konflikte in einer Selbsthilfegruppe sind normal. Es gibt sowohl Interessenskonflikte, bei denen es ansteht, die Interessen zu artikulieren und auszuhandeln, aber auch viele Konflikte aus Missverständnissen. Beides löst oft Angst aus und manche hoffen, so etwas würde in einer Selbsthilfegruppe nicht passieren.

Einigen wurde z.B. zu Hause als Kind die Rolle eines Schlichters zwischen den Eltern zugewiesen. Dann ist es eventuell schwer, nicht sofort vermittelnd einzugreifen, sondern den Anderen Zeit zu lassen, ihren Konflikt selber zu klären. Andere haben die Erfahrung gemacht, dass sie bestraft werden, wenn sie für ihre eigenen Interessen eintreten. Dritte mussten erleben, dass Konflikte in Gewalt eskaliert sind. All das sind Gründe, warum einige von uns konfliktscheu sind oder eigene Interessen nicht angemessen ins Verhältnis zu denen von anderen setzen können.

Die meisten Konflikte in Selbsthilfegruppen beruhen aber auf Missverständnissen: Viele Überlebende sexueller Gewalt haben "wunde Punkte": Sehr schnell fühlt sich der eine benutzt, sehr schnell vermutet ein anderer einen Angriff auf sein Wahrnehmungsvermögen, viele fühlen sich von jemand anderem verletzt, obwohl der das gar nicht beabsichtigt hatte. Manche haben als Männer nicht gelernt, das zu sagen und zu klären, was das Gegenüber gemeint hatte. Normal ist, dass wir "dicht machen" und "zurückschlagen" (im wörtlichen und im übertragenen Sinn). Dazu kommt, dass Männer eher gewohnt sind, andere Männer als Konkurrenten oder als Rivalen zu begreifen und zu bekämpfen, anstatt einander zu helfen und sich zu unterstützen. Auch eine Selbsthilfegruppe von ehemaligen Betroffenen von sexualisierter Gewalt ist nicht frei von Machtkämpfen.

Die Konflikte in einer Selbsthilfegruppe, seien es Interessenskonflikte oder Konflikte aus Missverständnissen, erleben viele Teilnehmende als Bedrohung. Sie sind aber gleichzeitig eine Riesenchance: Wo, wenn nicht in einer Gruppe, die klare Vereinbarungen hat, kann ich lernen nachzufragen, wenn ich mich verletzt fühle? Wo, wenn nicht unter Menschen, die wissen, wie schwer es ist zu reden, kann ich aushandeln, was die anderen noch machen können, um mir das zu erleichtern? Und ich kann jederzeit die anderen fragen, ob sie mir helfen, einen Konflikt anzusprechen oder ich kann mir einen Termin bei einem Berater von Tauwetter holen.

Gerade in solchen Konflikten ist die Vereinbarung "Jede/r redet von sich" wichtig. Konflikte lassen sich bewältigen, wenn jede/r Einzelne bei sich bleibt und von den eigenen Gefühlen redet und nicht dem Gegenüber erklärt, was der gemacht hat. Es ist schwer, gerade dann, wenn ich mich angegriffen fühle und eigentlich alle Reflexe mir raten, keine Schwäche zu zeigen, zu sagen "Hör bitte auf, ich kann nicht mehr, mir tut das weh." Es ist schwer, den Schmerz zuzulassen und eventuell sogar zu weinen und damit vermeintlich angreifbar zu werden. Aber es ist der Weg der Verständigung und der Empathie für einander. Manchmal geht so etwas nur mit Abstand. Während die Wogen hoch hergehen, ist es nur möglich Stopp zu sagen, auszusteigen und sich zu vertagen. Das ist o.k. Ihr könnt dann z.B. einen Tauwetter-Mitarbeiter fragen, ob er beim nächsten Treffen zur Gruppe dazu kommt und den Konflikt moderiert.

Bei Vielen ist das starke Gefühl nach einer Verletzung Aggression und Wut. Dahinter verbirgt sich oft Angst, Schmerz und Traurigkeit. Wenn ich es schaffe, das offen zu machen, unterbreche ich die Spirale. Mein Gegenüber fühlt sich nicht mehr bedroht und hat so die Möglichkeit zu reflektieren, ob er es wirklich beabsichtigt hat, mich zu verletzen. Das ist für ihn nicht einfach, aber so wird es möglich, unbeabsichtigte Verletzungen zu erkennen. Und wenn es stimmt, auch auszudrücken, dass mir das leid tut.

Manchmal stellt sich heraus, dass sich einer oder auch beide, nicht miteinander, sondern eher mit einem Gegner oder einer Gegnerin aus der Vergangenheit gestritten haben. Die Einzelnen erfahren dann unter Umständen mehr über sich selber und können anfangen, besser für sich zu sorgen.

Eine Selbsthilfegruppe kann und soll ein Raum sein, in dem sich mit Toleranz und Respekt begegnet wird. Unterschiedlichkeiten sind normal, jede/r hat einen eigenen Weg. Wenn es gut läuft, bietet eine Gruppe die Chance, gerade von den Unterschieden zu lernen und auch zu lernen, mit Widersprüchen produktiv umzugehen, konfliktfähiger zu werden.

Wir wünschen Euch, dass das in Eurer Gruppe so sein wird.

 

Adresse

Tauwetter e.V.
Gneisenaustr. 2a  
10961 Berlin
030 - 693 80 07

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