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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Die Bearbeitung sexualisierter Gewalt:

Viele denken, wenn jemand sexualisierte Gewalt erlebt hat, muss das unbedingt bearbeitet werden. Das ist mitnichten so. Es gibt Betroffene, die heute ein zufriedenstellendes Leben führen, ohne jemals eine Therapie gemacht oder an einer Selbsthilfegruppe teilgenommen zu haben. Wann aber ist eine Bearbeitung sinnvoll und wie kann sie aussehen? Muss ich dazu „vollständige Erinnerungen haben?

Der folgende Text versucht einige grundlegende Gedanken darzustellen, wie Bearbeitung funktionieren kann, um solche Fragen vielleicht zu beantworten.

Wann geht es um Bearbeitung?

Wenn ich heute vor der Frage stehe, ob ich die mir früher widerfahrene, sexualisierte Gewalt bearbeiten soll, will oder muss, so ist dies eine Frage, die ich heute stelle. Der Grund für diese Frage liegt im Heute und auch die Antwort findet sich im Heute. Dies sich zu vergegenwärtigen ist deshalb wichtig, weil oft unterstellt wird, es gäbe eine zwangsläufige Notwendigkeit, die früher erlebte sexualisierte Gewalt heute zu bearbeiten. Erst wenn ich das Ganze anders herum betrachte, wird ein Schuh daraus:

Wenn ich überlege, heute zu bearbeiten, tue ich dies, weil ich heute Fragen und Probleme habe, die ich selbst mit meiner Vergangenheit in Verbindung bringe.

  • Es kann sein, dass ich mich daran erinnere, wie mir sexualisierte Gewalt angetan worden ist und diese Erinnerung kann mich belasten. Alpträume und durch Nichtigkeiten ausgelöstes „Wieder so fühlen wie früher" sind z.B. extrem belastend.
  • Es kann sein, dass ich auf diese belastenden Erinnerungen in einer Art und Weise reagiere, die meine Lebensqualität einschränkt. Wenn ich z.B. immer mehr Alltagssituationen vermeide, weil ich Angst habe, dass dort Erinnerungen ausgelöst werden, dann ist ein normales Leben kaum noch möglich.
  • Es kann sein, dass ich den Eindruck habe meine heutigen Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten wären eingeschränkt aufgrund meiner Reaktionen auf die sexualisierte Gewalt, die mir widerfahren ist. Wenn ich z.B. damals die Schlussfolgerung gezogen habe, Nähe wäre etwas sehr gefährliches, kann das auch heute noch meine Beziehungen beeinflussen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob ich die sexualisierte Gewalt „nur bruchstückhaft" oder „vollständig" erinnern kann.

Viele, die unter Erinnerungen leiden, möchten diese oft als Erstes wieder los werden. Viele versuchen das über Jahre hinweg, bevor sie sich entscheiden, „den Stier bei den Hörnern zu packen" und die sexualisierte Gewalt zu bearbeiten. Andere schaffen es erfolgreich, erst einmal alles zu vergessen, sie stehen aber irgendwann vor der Vermutung, das Ganze wirke sich doch auf ihr Leben aus.

Für alle geht es also um das Thema Erinnern. Das unterscheidet die Bearbeitung des Themas als Erwachsener grundlegend von dem Umgang von Kindern und Jugendlichen mit aktuell stattfindender sexualisierter Gewalt. Dieser Unterschied sagt nichts über das Leid der Einzelnen aus, wenn ich z.B. aufgrund einer plötzlichen Erinnerung den Eindruck habe, mein gesamtes bisheriges Leben wäre auf einer Lüge aufgebaut.

Am Anfang kann es hilfreich sein, mir klar zu machen, wie das mit Behalten und Erinnern funktioniert:

Grenzen des Erinnerns

Die Vorstellung eines Gedächtnisses als einem großen Speicher in den automatisch alles abgelegt wird , ist zwar weit verbreitet, hilft aber nur wenig weiter, wenn wir verstehen wollen, welche Grenzen Behalten und Erinnern haben. Natürlich wird es irgendwo im menschlichen Hirn Strukturen gebe, die uns ermöglichen, etwas zu wissen, aber was bringt es uns, wenn wir diese genau kennen? Es führt eher in die Irre, wenn wir darüber vergessen, dass sowohl Behalten, als auch Erinnern zwei Handlungen sind, für die wir jeweils Gründe haben. Wenn ich mich damit zufrieden gebe, Probleme beim Erinnern auf ein „schlechtes Gedächtnis" zurück zu führen, dann mache ich eine Zirkelschluss nach dem Motto: „Ich kann mich schlecht erinnern, weil ich mich schlecht erinnere." Hier müssen wir einen Schritt weiter gehen:

Um die grundlegenden Grenzen der Möglichkeiten mich zu erinnern zu verstehen, ist es hilfreich sich zwei scheinbare Banalitäten und ihre Auswirkungen vor Augen zu halten:
- Ich kann mich nur an das erinnern, was ich behalten habe
- Ich kann nur behalten, was ich wahrgenommen habe

Fangen wir am chronologischen Anfang an.

Ich kann nur behalten, was ich wahrgenommen habe

Menschen sind keine Tonbandgeräte oder Kameras, die wahllos alles aufzeichnen. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf diejenigen Aspekte der Unmengen von Informationen, die immerzu auf uns einprasseln, die uns wichtig oder sinnvoll erscheinen. Gleichzeitig kann es Gründe geben, warum ich manche Dinge nicht wahrnehmen will – z.B. weil es mir zu viel Angst macht, weil ich es nicht wahr haben will ...

Schon lange vor der Frage, was ich eventuell behalten will, weil es mir wichtig erschient, beginnt also eine (meist gar nicht bewusste) Auswahl von Dingen, die ich wahrnehme

  • Wenn ich vor Angst die Augen verschlossen habe, kann ich nichts sehen.
  • Wenn ich mich auf einen Punkt unter der Decke konzentriere, reduziere ich meine Wahrnehmung und kann nur schlecht mitbekommen , was am Rande stattfindet
  • Wenn ich nur an eine spätere Rache denke und mir diese ausmale, nehme ich weniger vom aktuellen Geschehen wahr.
  • Wenn ich mich in einen tranceähnlichen, dissoziativen Zustand flüchte, verändert sich unter Umständen meine Zeitwahrnehmung
  • Wenn ich in einem solchen Zustand gleichsam den Körper verlasse, habe ich Schwierigkeiten Körperempfindungen wahrzunehmen (das ist ja auch das Ziel dieses Zustandes)
  • Wenn ich unter Drogen stehe (und diese werden teilweise im Kontext sexualisierter Gewalt gezielt verabreicht) habe ich ebenfalls eine veränderte Wahrnehmung
  • ...

Bevor ich also etwas als wichtig und behaltenswert einsortieren kann, muss ich es erst mal wahrnehmen können. Ob ich etwas wahrnehmen kann, hängt auch davon ab, ob ich es wahrnehmen will. Und genau da beginnen bei sexualisierter Gewalt ja die Probleme: Ich brauche schon gute Gründe, um mich über den Abscheu und das „nur-weg-sein-wollen" hinweg zu setzen und alles möglichst genau wahrzunehmen.

Ich kann mich nur an das erinnern, was ich behalten habe

Aber auch, wenn ich etwas wahr genommen habe, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass ich es auch behalte. Wir sind eben auch keine Kameras oder Tonbandgeräte mit einem Speicherchip, die alles ungefiltert aufzeichnen. Ich behalte das, was mir wichtig erscheint zu behalten und zwar deshalb, weil ich meine, dass es sinnvoll sein kann, mich später daran zu erinnern. Wenn es mir nicht einleuchtet, wofür ich etwas behalten soll, dann kann das verdammt schwer werden, das trotzdem zu tun - wie jede_r wohl noch aus der Schule weiß.

Wenn es um sexualisierte Gewalt geht, ist hinlänglich bekannt, dass Verdrängung, Umdeutung und Verleugnung eine wichtige Rolle in den Bewältigungsstrategien spielen. Wenn ich also z.B. als Junge kein Opfer sein darf und deshalb versuche so zu tun, als wäre nie etwas geschehen, dann gelingt mir das natürlich am Besten wenn ich das Ganze komplett vergesse. Ich habe dann gute Gründe, die sexualisierte Gewalt gar nicht erst zu behalten.

Neben solchen Gründen, etwas gar nicht erst zu behalten, gibt es aber noch weitere Schwierigkeiten, die selbst dann auftauchen, wenn ich es für sinnvoll halte, einen Teil oder das Ganze später zu erinnern.

Es gibt drei verschiedene Arten, wie ich etwas erinnern kann:

  • Das erste ist natürlich, ich habe es mir selbst gut eingeprägt und behalten. Das Problem ist, dass ich etwas dann am besten behalten kann, wenn es an bestehendes Wissen anknüpft. Sexualisierte Gewalt steht aber oft in Widerspruch zu Vielem, was vorher gelernt worden ist. Die Erfahrung fällt aus dem Rahmen, weswegen sie ja für viele so unverständlich, verwirrend und unglaublich ist. Es ist also schwer etwas zu finden, in das ich die widerfahrene sexualisierte Gewalt einordnen kann.
  • Die zweite Möglichkeit sich zu Erinnern besteht darin, jemand zu befragen, der etwas mitbekommen hat. Bei sexualisierter Gewalt handelt es sich aber um eine Handlung, die der Täter oder die Täterin geheim halten will. Er achtet also darauf, dass es möglichst keine oder wenige Zeugen gibt. Und er achtet darauf, dass das Opfer schweigt und niemandem davon erzählt. Es gibt also auch kaum „Zeugen vom Hörensagen". Und die wenigen Zeugen, die es eventuell gibt, sind oftmals zum Zeitpunkt des Erinnerns nur noch schwer erreichbar oder gar verstorben.
  • Bei der dritten Möglichkeit geht es um Aufzeichnungen oder Unterlagen, die abfragbar sind. Außer in den Fällen, wo die sexualisierte Gewalt aufgedeckt wird, gibt es keine offiziellen Unterlagen. Und wenn es solche gibt, sind sie oft schwer zugänglich. Natürlich ist auch vorstellbar, dass inoffizielle Aufzeichnungen existieren, aber wer sollte diese gemacht haben? Da Täter(innen) dies im Regelfall nicht tun (und wenn doch dann sind diese Aufzeichnungen nicht zugänglich), gibt es nur die Möglichkeit, dass ich selber etwas aufgeschrieben hat. Selbst wenn ich damals aber Tagebuch oder ähnliches geschrieben habe, ist so etwas oftmals inzwischen vernichtet.

In allen drei Modalitäten des Erinnerns tauchen also oftmals Schwierigkeiten auf. Wie trotzdem mit Hilfe eines „biografischen Gerüstes" in dem alle drei Ebenen zusammengetragen werden können, gearbeitet werden kann wird in den Hilfen zur Selbsthilfearbeit erläutert. Und zum Glück ist für eine erfolgreiche Bearbeitung nicht nötig, jedes Details zu erinnern, wie wir weiter unter noch feststellen werden.

Die alten Erklärungsmuster

Es gibt neben den Problemen mit dem Erinnern aber noch eine zweite Hürde, die in der Bearbeitung überwunden werden muss. Es gibt nämlich eine ganze Reihe von Erklärungsmustern, die den betroffenen Kindern entsprechend ihres jeweiligen Verständnisses der Welt angeboten werden und/oder selber entwickelt werden.

  • Säuglinge versuchen sich sexualisierte Gewalt als Folge von Signalen zu erklären, wenn das und das passiert, geht die Gewalt los. Das ist erst einmal die einzige Art, wie sie sich von ihrer Entwicklung her die Welt erklären können: Als eine Abfolge von Ereignissen.
  • Kleinkinder haben oft die Erklärung, sie seien böse und deshalb geschehe ihnen sexualisierte Gewalt.
  • Ältere Kinder und Jugendliche entwickeln Erklärungsansätze aus der Familie heraus: Das sind dann die Ersatzpartner-Modelle: Papa macht das, weil Mama den Sex verweigert – oder Mama macht das, weil der Papa die Familie verlassen hat - oder so ähnlich.
  • Erst noch einmal später entwickeln Jugendliche normalerweise die Möglichkeit, etwas mehr hinter die Kulissen zu schauen und grundlegender nach Erklärungen zu suchen. Das tun allerdings nur einige, viele sind mit anderen Fragen beschäftigt. Einige realisieren jetzt, dass es Machtverhältnisse gibt, und was diese mit sexualisierter Gewalt zu tun haben, die meisten die nach Gründen für solche Taten suchen, landen aber bei Erklärungen wie „ Wer so was macht, ist krank".

Ausführlicher sind diese Prozesse in dem Artikel „Die gesellschaftliche Bedeutung sexueller Gewalt und ihre Auswirkung für männliche Opfer" beschrieben.

Die aus meiner damaligen eingeschränkten Sicht auf die Welt entstandenen Erklärungsmuster zu verstehen und zu überprüfen ist ein wichtiger Teil in meinem Bearbeitungsprozess und genau dafür benötige ich Erinnerungen. Diese Erklärungsmuster sind es nämlich, aus denen ich meine Schlussfolgerungen gezogen und mein Verhalten entwickelt habe.

Der Weg der Bearbeitung:

Bearbeitung ist kein Programm, das sich Punkt für Punkt abhaken lässt. Meistens ist es ein Vor und Zurück. An einem Punkt bin ich einen Schritt weiter, an einem anderen klemmt es und einen dritten habe ich unter Umständen auf die lange Bank geschoben. Es gibt deshalb auch keine bestimme Zeit, in der alles abgearbeitet sein muss. Viele legen zwischendurch längere Pausen ein. Damit der Prozess der Bearbeitung funktionieren kann ist es zentral, selbstbestimmt und nach dem eigenen Tempo vorzugehen. Dann wird Bearbeitung gleichzeitig zu einer Erfahrung, dass ich mein Leben doch in die eigene Hand nehmen kann.

Meine damaligen Lebensbedingungen und meine Sicht auf die Welt

Das erste Zwischenziel im Bearbeitungsprozess im engeren Sinne ist es rückblickend zu verstehen, wie ich damals die sexualisierte Gewalt eingeordnet habe. Dazu ist es gar nicht nötig, detailliert alle Einzelheiten der sexualisierten Gewalt zu erinnern. Viel wichtiger ist es mich zu erinnern, wie ich mich damals gefühlt habe und wie ich mir erklärt habe was geschehen ist. Deshalb ist es wichtig nicht ein oder mehrere losgelöste Ereignisse zu betrachten, sondern mir meine damalige Situation insgesamt bewusst zu machen, und auch die Vorgeschichte einzubeziehen. Wenn ich z.B. gerade ein Elternteil verloren habe und mich deshalb verlassen gefühlt habe, dann ist das eine andere Situation, als wenn ich mich aufgehoben und sicher gefühlt habe. Es geht also darum meine damaligen Lebensbedingungen und meine Sicht der Welt nachzuvollziehen.

Die damalige Einordnung der sexualisierten Gewalt

Auf diesem Hintergrund versuche ich dann zu verstehen, wie ich die sexualisierte Gewalt damals eingeordnet habe. Auch dabei ist es nicht notwendig detaillierte Beschreibungen zu erstellen. Stattdessen geht es um die Frage, wie es mir während der sexualisierten Gewalt gegangen ist, welche Gefühle ich hinterher gehabt habe, und wie ich das Geschehen verstanden habe.

Erst danach kann ich mich damit beschäftigen, welche Schlussfolgerungen ich aus diesen Prämissen gezogen habe. Falls ich nicht weiß, was ich daraus geschlussfolgert habe, weil das ja meist gar kein bewusster Vorgang ist, kann ich auch versuchen, das logisch nachzuvollziehen. Die Schwierigkeit besteht oft weniger darin nachzuvollziehen, was ich gemacht habe, sondern schwierig ist es meist heraus zu finden, welche Prämissen ich denn gehabt habe - also warum ich mich so verhalten habe, wie ich es getan habe.

Für diese Rekonstruktion meiner Prämissen kann es sehr hilfreich sein, mich mit anderen Betroffenen z.B. in einer Selbsthilfegruppe darüber auszutauschen, wie Andere die Gewalt erlebt haben.

Überprüfung meiner alten Prämissen

Hier ist es notwendig, einen Absatz einzuschieben um Missverständnisse zu vermeiden: Auch wenn wir als Kinder so gut wie keine Möglichkeit hatten, uns zu wehren oder Hilfe zu holen, auch wenn wir durch die sexualisierte Gewalt zum bloßen Objekt reduziert wurden, so sind wir doch denkende und handelnde Menschen, mit Wünschen und Zielen geblieben. Es kann aber sein, dass wir zu der falschen Schlussfolgerung gekommen sind, wir wären nur noch ein Objekt, mit dem Alle machen und tun könnten, was sie wollen. Es mag sein, dass wir unter Bedingungen leben mussten, unter denen wir so gut wie keine Chance gehabt haben, aber dennoch haben wir uns entschieden, ob wir uns dagegen auflehnen, (so hilflos und vergeblich es auch immer gewesen sein mag), oder ob wir uns anpassen und fügen. Es geht hier nicht darum, Kindern irgendeine Verantwortung zu zu schieben oder „heldenhaften Widerstand" zu fordern, das wäre vollkommener Quatsch – es geht darum uns selbst klar zu machen, dass die Schlussfolgerung, wir wären auf ewig Objekt und Opfer und wir könnten sowieso nichts machen, unter Umständen auf falschen Annahmen beruht, weil wir damals noch gar nicht alles verstehen konnten. Es geht um Befreiung von einschränkenden Glaubensannahmen und nicht um Schuldzuweisungen.

Wenn ich also eine Einschätzung davon gewonnen habe, welche Prämissen damals mein Handeln bestimmt haben, dann geht es jetzt darum, diese Prämissen zu überprüfen. Dazu brauche ich mein heutiges Wissen über sexualisierte Gewalt und darüber, wie Gesellschaft funktioniert. Das ist nicht das damalige Wissen, sonst wäre ich damals ja nicht zu diesen falschen Einschätzungen gekommen. Dies ist ein Punkt im Bearbeitungsprozess, der schmerzhaft sein kann.

Wenn ich bisher die Einschätzung von damals weiter geglaubt habe „es gibt keinen Ausweg", und jetzt feststellen muss, es hätte eventuell doch diese oder jene Möglichkeit gegeben, egal wie klein diese gewesen sein mag, so kann schnell das Gefühl aufkommen versagt zu haben und selbst Schuld zu sein. Unter anderen Prämissen wäre es vielleicht möglich gewesen, jemandem davon zu erzählen. Das mag sein, aber hier ist es wichtig mir vor Augen zu halten, dass ich damals diese Möglichkeiten nicht sehen konnte. Ich kann davon ausgehen, dass ich mir zu keinem Zeitpunkt meines Lebens wissentlich selbst Schaden zugefügt habe. Ich kann davon ausgehen, dass ich zu jedem Zeitpunkt alles in meiner Macht stehende versucht habe. Wenn ich heute erkenne, dass es eventuell mehr Möglichkeiten gegeben hätte, als ich damals erkennen konnte, so hilft mir das im günstigsten Fall heute weniger Angst zu haben oder besser handeln zu können, aber es ändert nichts daran, dass ich das damals nicht erkannt habe.

So schwer es sein kann, mir das einzugestehen: Ich bin nicht willenloses Objekt der Gewalt und unausweichlichen, zwangsläufigen Folgen ausgeliefert, sondern ich spiele nach wie vor eine wichtige Rolle darin, was mit mir geschieht.

Wenn ich überprüfe, an welchen Punkten meine damaligen Annahmen aus heutiger Sicht überholt sind, tun sich damit neue Handlungsmöglichkeiten für heute auf.

Im Kern meiner Befreiung vom Opfer-Sein / Ohnmächtig-Sein steht nicht das Akzeptieren, dass ich Opfer und ohnmächtig gewesen bin. Im Kern steht, das Erkennen, welche Handlungsmöglichkeiten ich damals aufgrund welcher falschen Prämissen nicht gehabt habe. Erst dann ist einer jederzeitigen Wiederholung ein Riegel vorgeschoben und die Hilflosigkeit heute kann aufgelöst werden.

Auflösen der aktuellen Einschränkungen

Nach dieser Auseinandersetzung mit der sexualisierten Gewalt steht noch an, jene Muster zu verändern, die ich als Reaktion auf das Geschehen entwickelt habe.

Das rückblickende Durchschauen meiner damaligen Beschränkungen macht den Weg dafür frei aktuelle Annahmen zu hinterfragen: Woher habe ich sie? Wie sind sie entstanden? Stimmen sie wirklich? Dies bezieht sich nicht nur auf Prämissen, die ich unverändert aus der Zeit der sexualisierten Gewalt übernommen habe, sondern auch auf andere.

Gleichzeitig entfällt, wenn ich nicht mehr an den alten Glaubensgrundsätzen klebe, der Sinn hinter einer ganzen Reihe von überkommenen Handlungsweisen - z. B. entfällt die Notwendigkeit zu permanentem Misstrauen gegenüber anderen Menschen, wenn ich jetzt differenzieren kann, wann eine reale Gefahr droht und wann nicht. Oder realistischer: die Notwendigkeit entfällt, aber dennoch muss ich, nach und nach lernen genauer zu unterschieden, um das Misstrauen überwinden zu können.

Ein Teil solcher unnötigen Verhaltensweisen verschwindet ohne bewusstes Nachdenken darüber, andere sind aber zu geliebten Angewohnheiten/ Mustern geworden, bei denen ich noch einmal gesondert überprüfen muss, welchen Sinn sie heute noch machen.