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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Ergänzendes Hilfesystem (EHS)

Das Ergänzende Hilfesystem ist eins der Ergebnisse des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich". Es soll dazu dienen übergangsweise die Versorgung betroffener sexualisierter Gewalt zu verbessern, bis das Regelsystem verbessert ist. Es ist befristet bis zum 30. April 2016 (Eingangsdatum der Anträge bei der Geschäftsstelle). Wenn dort ein Antrag gestellt wird, können bis zu 10.000 € in Sachleistungen für die Verbesserung der gesundheitlichen Situation finanziert werden.

Was ist der Fonds Sexueller Missbrauch?

Der Fonds sexueller Missbrauch ist ein Teil des Ergänzenden Hilfesystems. Er ist zuständig für Hilfeleistungen nach sexualisierter Gewalt in Familien.

Es sollte eigentlich einen zweiten Teil des EHS geben, der für die sexualisierte Gewalt in Institutionen zuständig sein sollte, der ist aber bis jetzt nicht richtig ins Laufen gekommen, lediglich die evangelische und die katholische Kirche sind beigetreten. Der Deutsche Olympische Sportbund und die Länder überlegen auch.

Seit dem August 2015 ist es jetzt auch möglich Anträge zu stellen, für die das Land Berlin zuständig ist. Die Beratung für diese Anträge soll ab dem 1.10. von der "Berliner EHS-Beratung" durchgeführt werden, in der Wildwasser-Berlin Selbsthilfe und Beratung und Tauwetter, Anlaufstelle für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, zusammen arbeiten werden. (Zur Zeit, am 5.10. ist die "Berliner EHS-Beratung" noch im Aufbau, es gibt noch keine neuen Telefonnummern etc., deshalb gelten vorläufig unsere regulären.)

Wer kann Leistungen beantragen?

Um einen Antrag beim Fonds sexueller Missbrauch stellen zu können muss ich innerhalb der Familie sexualisierte Gewalt erfahren haben. Ich muss zum Zeitpunkt der Tat minderjährig gewesen sein und sie muss auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland oder der Deutschen Demokratischen Republik stattgefunden haben.

Zusätzlich kann ich bei der Geschäftsstelle einen Antrag einreichen, wenn die sexualisierte Gewalt in einer Einrichtung in Trägerschaft der evangelischen oder katholischen Kirche, des Deutschen Olympischen Sportbundes, der Caritas, dem Deutschen Roten Kreuz oder der Länder Berlin, Schleswig-Holstein, Hamburg, Sachsen, Baden-Würtemmberg und Bayern geschehen ist. Dann werden die Gelder allerdings nicht aus dem Fonds Sexueller Missbrauch bezahlt, sondern von den jeweiligen Institutionen. Es wird in einem  Entscheidungsgremium (Clearingstelle) der Geschäftsstelle des Fonds Sexueller Missbrauch eine Entscheidung gefällt und diese dann an die jeweiligen Träger der Einrichtungen weiter geleitet. Dabei werden die Angaben an die Einrichtung weitergeleitet, damit diese eine Stellungnahme abgeben kann. Die Antragsteller_innen bleiben also gegenüber der Einrichtung nicht anonym. Die Träger der Einrichtungen haben sich freiwillig verpflichtet, der Entscheidung der Clearingstelle nach zu kommen.

Welche Leistungen werden bezahlt?

Grundsätzlich können mehrere Arten von Leistungen bis zu einer Gesamthöhe von 10.000€ übernommen werden

  • psychotherapeutische Hilfen, die über das normale Maß hinaus gehen
  • Übernahme von Kosten zur individuellen Aufarbeitung (Fahrten zum damaligen Tatort, Teilnahme an Selbsthilfegruppen, ...)
  • Unterstützung bei besonderer Hilfsbedürftigkeit (medizinische Hilfsmittel, Rollstuhl etc.)
  • Beratungs- und Betreuungskosten
  • Weiterbildung und Qualifizierungsmaßnahmen
  • Besondere Härtefälle
  • Reise- und Übernachtungskosten

Das bedeutet, dass es möglich ist, eine Reihe von Leistungen zu bekommen, die normalerweise nicht übernommen werden. Es ist also wichtig, sich von den eingefahrenen Bahnen zu lösen und Gedanken zu machen, was mir wirklich hilft und gut tut und dann in einer Beratung zu klären, ob und wie das beantragt werden kann.

Geldleistungen und Entschädigungen werden nicht gezahlt

Welche Bedingungen müssen dafür erfüllt sein?

Im Prinzip muss ich plausibel darlegen,

  1. dass ich sexualisierte Gewalt in der Familie (oder in einer Einrichtung s.o.) erleben musste
  2. dass ich heute unter den Folgen dieser Gewalt in einer bestimmten Art und Weise leide
  3. dass das, was ich beantrage, genau diese Folgen lindert und mir hilft.

Um meine eigenen Angaben zu untermauern sollte ich wenn möglich Belege anbringen. Das können ganz verschiedene Dinge sein. Da gibt es offizielle Dokumente, wie Akten oder Klinikberichte, aber auch für diesen Antrag erstellte Bescheinigungen von einem_r Mediziner_in oder einem_r Therapeut_in. Und wenn ich keine anderen Belege über die sexualisierte Gewalt habe, dann ist z.B. ein schriftlicher Berichte eines_r Freund_in, dem ich damals davon erzählt habe, sinnvoll. Hilfreich kann auch eine Bescheinigung einer Lehrer_in sein, über meinen plötzlichen Leistungseinbruch in der Schule, weswegen ich dann die Schule verlassen habe. Es ist hier ebenfalls wichtig, auch mal kreativ zu überlegen, welche „ungewöhnlichen" Belege es geben könnte. Ich muss hier nicht die Polizei überzeugen, sondern eine Clearingstelle.

Die Clearingstelle, die über den Antrag entscheidet, hat am meisten Spielraum beim Nachweis der Tat und am wenigsten, was den Beleg angeht, dass die beantragten Leistungen auch wirklich helfen. Deshalb sind bei der Sinnhaftigkeit der Leistungen offizielle Bescheinigungen am wichtigsten.

Nur nachrangige Leistungen!

Im „Ergänzenden Hilfesystem" kann ich nur Leistungen beantragen, für die ich von anderer Seite kein Geld bekomme. Wenn ich also woanders Ansprüche habe, soll ich die als erstes geltend machen. Der Gedanke ist naheliegend: Das System soll eine „Ergänzung" zum bestehenden sein.

Praktisch wirft das aber Probleme auf: Ich brauche z.B., um eine Therapie übernommen zu bekommen, im Grunde eine Ablehnung der Krankenkasse. Ich muss darlegen, wie es mit zivilrechtlichen Ansprüchen aussieht und warum ich keinen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) stelle oder dass ich abgelehnt worden bin.

Das alles muss nicht immer eine sehr große Hürde darstellen, es kann aber manchmal schon schwierig werden. Es ist deshalb sinnvoll, diese Fragen in einer Beratung zu klären.

Wo kann ich einen Antrag bekommen und stellen?

Anträge lassen sich auf der Homepage www.fonds-missbrauch.de  finden. Dort befinden sich auch die Leistungsleitlinien. Es ist auf alle Fälle sinnvoll, sich dort um zu gucken.
Der fertige Antrag geht dann an die Geschäftsstelle Fonds Sexueller Missbrauch, Glinkastraße 24, 10117 Berlin.

Wer berät mich dabei?

Adressen von Stellen, die bei dem Ausfüllen eines EHS-Antrags beraten, finden sich auf der Homepage www.fonds-missbrauch.de. In Berlin beraten Wildwasser, Tauwetter und der Weiße Ring.

Es ist sinnvoll, sich vor einem Beratungstermin den Antrag runter zu laden und mal durchzugucken. Aber auch, wenn ich alles schon selber ausgefüllt habe und meine alle Unterlagen zusammen zu haben, kann ich in eine Beratung gehen und das dort mal auf Vollständigkeit überprüfen zu lassen.

Die Beratungsstellen sind unabhängig und keine Teile des Ergänzenden Hilfesystems. Wir versuchen immer möglichst aktuelle Infos über neue Entwicklungen zu haben und möglichst so zu beraten, dass die Anträge auch Aussicht auf Erfolg haben. Entscheiden tut dann aber die Clearingstelle des EHS.

Was passiert nach meiner Antragstellung?

Nachdem der Antrag bei der Geschäftsstelle eingegangen ist, wird dort geprüft, ob er vollständig und unterschrieben ist. Wenn es sich um sexualisierte Gewalt in einer Institution handelt, wird die um eine Stellungnahme gebeten. Es kann sein, dass die Institution dafür noch mal an den oder die Antragsteller_in herantritt. Danach wird der Antrag anonymisiert und an die Clearingstelle weiter geleitet. Es gibt mehrere Ausschüsse der Clearingstelle, die parallel arbeiten. Dabei sitzen jeweils ein_e Mediziner_in, ein_e Psycholog_in, ein_e Jurist_in und ein_e Betroffenenvertreter_in zusammen. Die entscheiden über den Antrag, ohne zu wissen, wer dahinter steckt. Die Entscheidung geht dann an die Geschäftsstelle zurück, die überprüft die Entscheidung auf ihre formale Richtigkeit und erstellt dann einen Bescheid. Das ganze kann gut und gerne ein halbes bis ein ganzes Jahr dauern.

Wenn der Bescheid negativ ist, gibt es die Möglichkeit, dagegen zu klagen. Welche Aussichten das hat, können wir aber nicht beurteilen.

Es gibt aber auch die Möglichkeit, einen neuen Antrag zu stellen.

Wo bekomme ich weitere Informationen?

Im Internet ist die Seite des Fond sexueller Missbrauch die zentrale Anlaufstelle. Es ist auch möglich telefonisch Fragen los zu werden: 0800 / 4001050. Und natürlich ist es auch jederzeit möglich uns zu fragen, auch wenn wir uns vielleicht bei einigen Besonderheiten erst einmal selber sachkundig machen müssen.