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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Selbsthilfe-Handbuch

1998 ist unser Selbsthilfe-Handbuch für Männer, die als Junge sexuell missbraucht wurden, herausgekommen. Es ist ein Versuch, auch Männern, die keine Möglichkeit haben, in die Anlaufstelle zu kommen, unsere Erfahrungen zur Verfügung zu stellen.

Das Büchlein ist inzwischen fast vergriffen, es gibt nur noch einige wenige Exemplare

Aus dem Inhalt:

  • Anstelle eines Vorwortes
  • Was ist das überhaupt: "Sexueller Missbrauch"?
  • Erste Hilfe
  • Beratung, Selbsthilfe oder Therapie?
  • Wie finde ich eine Selbsthilfegruppe oder Therapie?
  • Wie baue ich eine Selbsthilfegruppe auf?
  • Der Ablauf eines Gruppenabends
  • Selbsthilfearbeit - Regeln und Tipps
  • Wir über uns: Was ist „Tauwetter"
  • Literatur- und Adressentipps (Anmerkung: Inzwischen hoffnungslos veraltet, aktuelle
    siehe unter Adressen

Was haben andere zu dem Buch gesagt:

"Ein rundum gelungenes Buch. Das beginnt mit so scheinbaren Kleinigkeiten wie Umfang, Form und Übersichtlichkeit. Das Buch passt in jede Männerhosentasche, vermeidet mit seinen knapp hundert Seiten das vorzeitige Weglegen und fordert durch seine Aufmachung (Checklisten, Spickzettel, Fragebögen) immer wieder zum Querlesen auf. Männer, die sich mit ihrem erlittenen Missbrauch auseinandersetzen wollen, haben häufig große innere Widerstände zu überwinden, haben sie doch bisher oft den Weg der Verdrängung oder Verharmlosung beschritten. Tauwetter zeigt fast spielerisch und doch spannend verschiedene Möglichkeiten des Be-/Verarbeitens auf und macht deutlich, wie wichtig es gerade auch für Männer ist zu erkennen, dass Mann nicht alles alleine bewältigen muss, sondern geteiltes Leid wirklich halbes Leid ist. Dazu trägt vor allem die sehr persönliche Begleitung von Jo bei, dem es ganz selbstverständlich gelingt, als Mann über seine Gefühle zu schreiben ohne dabei banal zu werden. ..."
Norbert Remus in Prävention, Zeitschrift des Bundesvereins zur Prävention von sexuellem Missbrauch

"Aus der Praxis . für die Praxis: Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe "Tauwetter" sind als Jungen selbst Opfer sexualisierter Gewalt gewesen und haben aus dieser Erfahrung heraus diese kleine Handreichung erstellt, damit andere Betroffene individuell und/oder im Rahmen einer Gruppe die Auseinandersetzung mit ihren Problemen angehen können. Mit Hilfe von Check- und Fragelisten werden so einfach-pragmatische Fragen zu beantworten versucht, wie die nach Beratung und Selbsthilfe- und Therapieangeboten, nach dem Aufbau einer Selbsthilfegruppe, dem Ablauf einer Gruppensitzung; außerdem sind viele Tipps und Regeln der Selbsthilfearbeit zusammengetragen. Mit kommentierter Bücherliste."
ekz-Informationsdienst

"Es hat lange gedauert, bis Frauen, die als Kind missbraucht worden sind, ihr Schweigen gebrochen und das große Tabu öffentlich gemacht haben. Es dauert offensichtlich noch viel länger für Männer, die als Jungen Opfer sexualisierter Gewalt wurden, sich ihrer Situation bewusst zu werden und mit den Folgen umzugehen.
1992 gründete sich in Berlin die Selbsthilfeorganisation Tauwetter, die 1995 die gleichnamige Anlaufstelle für Betroffene ins Leben rief. Die Betroffenen wollen ihre Erfahrungen weitergeben, beraten andere Opfer und organisieren das Zustandekommen weiterer Selbsthilfegruppen. Bei Donna Vita erschien nun der Ratgeber Tauwetter, der sich an andere Betroffene ebenso wie an Mitarbeiter/innen in Beratungs- und Anlaufstellen wendet, die mit Männern und Jungen arbeiten. Mit erleichterndem Pragmatismus und gleichzeitig großer Anteilnahme schreiben die Autoren über die ersten Schritte der Auseinandersetzung und Verarbeitung des Erlebten."
Weißer Ring

Ein Auszug: Wie finde ich Hilfe

"... Erster Schritt: Die Anlauf- und Beratungsstelle

Manchmal kann schon ein Blick in das Telefonbuch oder ein Anruf bei der Telefonauskunft weiterhelfen.In den Gelben Seiten befindet sich oft am Anfang eine Rubrik zu Ämtern und Behörden, in der auch mögliche Anlauf- und Beratungsstellen verzeichnet sind. (Anmerkung: Das war 1998 wirklich noch so, heute findet so eine Suche natürlich meist übers Internet statt, ist aber deshalb nicht unbedingt erfolgreicher.) Anlauf- und Beratungsstellen gegen sexuellen Missbrauch gibt es zum Glück inzwischen in zahlreichen größeren Städten. Lass dich nicht abschrecken, wenn sich diese Stelle auf die Arbeit mit missbrauchten Kindern oder Frauen spezialisiert hat. Du kannst trotzdem dort anrufen und fragen, ob sie dich beraten oder dir sagen können, wo du Hilfe bekommen kannst. Viele geben sich Mühe, dir weiterzuhelfen, auch wenn sie selbst keine erwachsenen Männer beraten.

Wenn sich auf diese Weise vorerst kein/e AnsprechpartnerIn finden lässt, dann probiere es bei psychosozialen Diensten, Krisentelefonen u.ä., wo ein Anruf dich weiterbringen kann.

Ein weiterer Tipp sind Gemeindeverwaltungen oder Jugendämter, die dir eventuell Adressen von Anlauf- und Beratungsstellen geben können. Gelegentlich liegen dort auch Faltblätter aus, oder du kannst Broschüren mit Adressen von Anlaufstellen bekommen. Solch eine Broschüre wird in Berlin z.B. von der Landesregierung herausgegeben.

Eine aktuelle Liste aller Anlauf- und Beratungsstellen im Bundesgebiet kannst du bei DONNA VITA beziehen. (Anmerkung: Das stimmt nicht mehr, eine ähnliche Liste findet sich auf der Homepage der DgfPI ) und der des UBSKM www.hilfeportal-missbrauch.de

Wenn an deinem Wohnort keine Beratung möglich ist, dann versuche es doch mal im Nachbarort oder in der nächsten Großstadt. Viele Einrichtungen wissen von den weiteren Anlauf- und Beratungsstellen in ihrem Umfeld, und manchmal kann es auch sinnvoll sein, für eine gute Beratung einige Kilometer zu fahren. Das kann auch sinnvoll sein, wenn du denkst, dass an deinem Wohnort keine Anonymität gesichert ist, weil er so klein ist. Bei dieser ganzen Suche ist es wichtig, für einen gewissen Selbstschutz zu sorgen. Es kann dir leider passieren, dass du an jemanden gerätst, der/die dich schlecht behandelt oder einfach keine Ahnung hat.

  • Während du telefonierst, denk dran, du kannst jederzeit auflegen. Ein Tipp: Lege dir einen Zettel neben das Telefon: "Ich kann jederzeit aufhören". Ähnlich gilt das für ein direktes Gespräch: Wenn du zu einer Beratung ein schlechtes Gefühl hast, dann höre darauf - du kannst sie auch abbrechen.
  • Überlege dir, ob du deine Telefonnummer und Adresse angeben oder lieber selbst wieder anrufen willst. Wenn dir das zu anstrengend ist, kannst du zur Not einen Namen erfinden.
  • Bestehe, wenn du willst, auf einer anonymisierten Beratung. Wer etwas von den Problemen aufgrund sexuellen Missbrauchs versteht, wird sie nicht verweigern.

Die folgenden Arbeitsbögen sollen dir eine Hilfestellung für ein Gespräch sein. Sie lassen sich in abgewandelter Form auch für ein Telefonat oder einen Brief verwenden. Der erste dient zur Vorbereitung, der zweite zur Erstellung eines Spickzettels, der dritte ist für die Nachbereitung und der vierte ist eine Liste möglicher Fragen an eine Beratungsstelle. Gehe die Bögen Frage für Frage durch und versuche, Antworten zu finden. Dabei merkst du am einfachsten, welche Fragen für dich wichtig sind.

Vorbereitung:
  • Will ich meinen Namen (Telefonnummer, Adresse) sagen?
  • Was sind für mich die Voraussetzungen, damit ich mich als Betroffener zu erkennen geben kann?
  • Will ich mich vielleicht erst einmal vollkommen unverbindlich informieren? Denke ich mir dafür eine "coverstory" aus?
  • Unter welchen Bedingungen erzähle ich mehr von mir?
  • Was wäre das Schlimmste, was mir passieren kann?
  • Was kann ich dagegen tun?
  • Was tue ich, wenn es trotzdem passiert?
  • Wann breche ich das Gespräch ab?
  • Überlege ich mir eine "Ausrede", um das Gespräch auch in schwierigen Situationen für mich gut abbrechen zu können?
  • Will ich eventuell jemanden zu dem Gespräch mitnehmen?
  • Will ich mir spezielle Sachen anziehen? Z.B. einen großen, weiten Mantel, in den ich mich zur Not verkriechen kann, oder eine Lederjacke, um mich stark zu fühlen?
  • Will ich vielleicht ein Kuscheltier mitnehmen? (Ich muss es ja nicht unbedingt zeigen, vielleicht ist es o.k, wenn es als heimlicher Verbündeter in meiner Tasche sitzt.)
  • Will ich das Ganze vor dem Spiegel oder als Rollenspiel vorher mal ausprobieren?
  • Welche Fragen habe ich konkret?
  • Was mache ich nach dem Gespräch? Will ich mich mit einer vertrauten Person für die Zeit danach verabreden, um über das Gespräch sprechen zu können?

Für ein Gespräch ist es hilfreich, dir einen Spickzettel zu erstellen.

Spickzettel für das Gespräch
  • Fragen, die ich meinem Gegenüber stellen will (weiter unten sind einige Listen möglicher Fragen, die du noch selbst ergänzen kannst)
  • Fragen, die ich mir während des Gesprächs selber stellen will, z.B.:
    • Wie fühle ich mich gerade?
    • Sitze ich entspannt, oder rutsche ich unruhig auf dem Stuhl hin und her?
    • Wenn ich unruhig bin, was könnte der Grund sein?
    • Kann ich etwas dagegen tun?
    • Irritiert mich irgendwas an der Person, mit der ich gerade rede?
    • Kann ich spüren, was das ist?
    • Ist noch alles o.k, oder will ich das Gespräch hier abbrechen?
  • Beschlüsse, die ich schon vorher gefasst habe und an die ich mich während des Gespräches erinnern will (z.B. wann ich das Gespräch abbrechen will)
  • Tipps und Hilfestellungen für mich, z.B. in Form von kurzen, Mut machenden Botschaften.

Bei Tauwetter steht auf dem Block für die Telefonnotizen auf jeder Seite: "Ruhig bleiben. Keine Panik. Wir werden das schon schaffen." Du kannst dir auch deinen Spickzettel regelrecht ausschmücken.

Nach dem Gespräch ist es wichtig, genügend Luft und Raum zu haben, um alles zu verarbeiten. Die folgenden Fragen können dir dabei eine Hilfestellung sein. Wenn du sie nicht sofort beantworten kannst, lass dir ruhig Zeit, deinen Gefühlen nachzuspüren.

Nach dem Gespräch:
  • Wie geht es mir jetzt?
  • Wie fühle ich mich körperlich? (Habe ich Verspannungen im Nacken, Druck im Bauch?)
  • Was für ein Gefühl habe ich zu der Person, mit der ich geredet habe?
  • Was hat sie ausgestrahlt?
  • Wirkte sie vertrauenerweckend?
  • Kann ich mir vorstellen, dieser Person meine Gefühle zu zeigen?
  • Gab es etwas, was bei mir ein Bedrohungsgefühl hinterlassen hat?
  • Erinnert er/sie mich an irgend jemanden?

Titel & Bezugsmöglichkeiten:

Autorengruppe Tauwetter:
Tauwetter
Ein Selbsthilfe-Handbuch für Männer, die als Junge sexuell Missbraucht wurden
Verlag Mebes & Noack (ehem. Donna Vita), Ruhnmark, 1998
ISBN 3-927796-57-3
7,80 Euro
Das Buch ist inzwischen leider im Handel vergriffen, wir haben aber noch einige letzte Exemplare und können es auf Anfrage verschicken.